Marya Hornbacher: "Alice im Hungerland - Leben mit Bulimie und Magersucht"
Ein erwachsener Mensch mit einem Gerade-Noch-Lebendgewicht von 25 Kilogramm. Unvorstellbar. Oder?
Als sie sich im Jahr 1993 endlich ins
Krankenhaus einweisen lässt, ist Marya Hornbacher bereits seit etlichen Jahren
essgestört, wobei sie zwischen
Bulimie und
Anorexie schwankt. Im Alter von fünf bis sechs Jahren beginnt sie, sich für zu dick zu halten, und mit neun Jahren bringt sie sich zum ersten Mal zum Erbrechen.
Dies ist eigentlich kein Sachbuch und auch keine Fallstudie. Irgendwie. Dies ist die Beschreibung einer - oder vielmehr mehrerer -
psychischer Störungen von innen und dadurch auch überaus verstörend. Es ist die Autobiografie einer jungen Frau, die durch ihr
Essverhalten zunächst versucht, die
disfunktionale Ehe ihrer Eltern zu regulieren um dann später sich selbst und ihre Umwelt zu
kontrollieren. Es ist auch die Geschichte einer
Kindheit zwischen Erfolgsdruck und
Selbsttäuschung, und es ist das Leben mit einer
Krankheit, die mehr und mehr zu einem bestimmenden Teil der eigenen Identität wird. Die vielen verschiedenen äußeren Einflüsse, die Maryas
Essstörungen begünstigt haben, wie die vorhergehenden zwei Generationen ihrer Familie auf der mütterlichen Seite und auch das Essverhalten ihres Vaters; die Idealvorstellung von der schönen, erfolgreichen Frau in einer reichen amerikanischen Umgebung; die Lebensmittelwerbung, die immer wieder - und oft unzutreffend - auf die Vorteile fehlenden Fetts in bestimmten Nahrungsmitteln hinweist und das Versprechen eines "Genusses ohne Reue" und Anderes sieht Marya nicht als ausschlaggebend an, obwohl man gerade beim Lesen der die Familie abbildenden Textpassagen wirklich erschrickt. Marya möchte keine Schuld zuweisen - oder vielleicht auch nicht die Kontrolle über ihre eigene Biografie abgeben.
Daneben zeigt sich, dass
Essstörungen in der amerikanischen Mittelschicht wohl ein sehr verbreitetes Phänomen sind und dass sehr viele Leute auch der gehobeneren Gesellschaftsschichten die Augen vor den
Ernährungsproblemen ihrer Kinder verschließen. Das
Problem ist wesentlich verbreiteter als man wahrhaben will, und auch viele
Ärzte scheinen dem ahnungslos gegenüber zu stehen. Das Gespräch über
Figurprobleme unter Frauen ist allgegenwärtig. Wer nicht mit seinen Freundinnen über die eigene Figur meckert, quält sich im Fitness-Center an den Geräten, diskutiert die neuesten Diättrends oder bekommt von der Werbung und durch die überall herumliegenden Frauenzeitschriften - beim Friseur, beim Arzt, im Zeitschriftenladen, auf dem Fernsehtisch von Bekannten - die neueste, beste und erfolgreichste Diät vorgestellt. Dr. Strunz entwickelte eine Methode, und Joschka Fischer und Hera Lind schreiben uns von der Freude des
Abnehmens und Laufens. Essstörungen - egal welcher Art - sind damit oft genug gesellschaftlich bedingt; eine Tatsache, die Marya erst im Nachwort dieses Buchs kurz unter die Lupe nimmt, was auch gerechtfertigt ist, denn schließlich geht es in diesem Buch in erster Linie um sie selbst.
Das Buch ist auch ein Sachbuch, insofern es den Leserinnen und Lesern die verschiedenen Erscheinungsformen der
Bulimie und
Anorexie - und damit auch die
Selbsttäuschungen vieler anderer Suchtkranker - aufzeigt und die gravierenden
körperlichen Veränderungen, die ein Mensch sich selber zufügen kann, einfach indem er nicht mehr oder kaum noch isst. Wie er sich selber systematisch demontieren kann und dieser
Selbstdemontage von außen zusieht. Es wird auf viele Fachaufsätze und -bücher zum Thema verwiesen, die zum Teil aber nicht auf Deutsch erhältlich sind. Und es ist ein weiteres Beispiel dafür, dass
Suchterkrankungen niemals ein Ende finden, dass man als Süchtiger niemals wirklich geheilt sein kann.
Es ist ein Buch, das mich sagen lässt: "Ich esse, also bin ich".
Quelle:
http://www.sandammeer.at/