Anita B. leidet seit Jahren an
Essstörungen / Nur langsame Erfolge
Von Ute Fiedler
FULDA Wenn Anita B. (Name von der Redaktion geändert) isst, tauchen
Kalorientabellen in ihrem Kopf auf. Schlechtes Gewissen macht sich breit, das sie das eben Gegessene erbrechen lässt. Unaufhörlich kreisen ihre Gedanken um Essen, was der 39-Jährigen die Kraft und die Freude am Leben nimmt.
Eine Diät folgte der anderen
Die Fuldaerin ist
krank,
essgestört. Sie ist eine von vielen. Zahlen gibt es nicht, nur Schätzungen und auch diese sind nicht aktuell. „An die
Betroffenen kommt man nur sehr schwer heran“, erklärt Dr. Marita Völker-Albert, Pressesprecherin von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. „Im Jahr 2000 litten schätzungsweise 100 000 Frauen an
Magersucht, 600 000 Frauen und 70 000 Männer an
Bulimie“, sagt sie.
Mit 15
erkrankte Anita B. „Ich war
pummelig, meine Familie hat mich gehänselt, ein Kinderarzt hat mir eine
Diät verordnet“, erinnert sie sich. Die
Pfunde purzeln, aber nicht nur durch die
Diät. Anita B. isst und
erbricht. „So baute ich auch die Spannungen ab, die sich aufgebaut hatten. Ich bestrafte mich, weil mich niemand leiden konnte“, sagt die zerbrechlich-zart wirkende Frau. Doch es gibt auch Tage, an denen sie außer einem Apfel und einem Hanuta nichts zu sich nimmt. „Ich wollte mir beweisen, dass ich stark bin, dass ich meinen
Körper unter Kontrolle habe.“
„Der Übergang zwischen
Magersucht und
Bulimie, das heißt der
Ess-Brechsucht ist fließend“, erklärt Johanna Knüttel, Beraterin bei der Brücke. Viele
Betroffene leiden an beiden Phänomen.
Auf
48 Kilo bei einer
Körpergröße von
1,62 Meter hungert sich Anita B. herunter. Dann hört sie auf, weil niemand merken soll, was mit ihr los ist. „Meine Mutter war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, musste die Scheidung von meinem Vater verkraften“, erklärt sie. Freunde, denen sie sich hätte anvertrauen können, gibt es nicht. „Man denkt den ganzen Tag nur ans
Essen, isoliert sich, vereinsamt“, sagt Anita B.
Sie heiratet, aber nicht aus Liebe, sondern um aus ihrem Umfeld herauszukommen. Und wird schwanger. Zwei Kinder bringt sie zur Welt und nach außen hin scheint alles in Ordnung zu sein. Doch noch immer quält sie das Gefühl des Ungeliebtseins, was sie wieder
hungern oder
erbrechen lässt.
Im vergangenen September bricht Anita B. zusammen. Nach einem
Selbstmordversuch wird sie in die
Psychiatrie eingewiesen. Anschließend geht sie in die Reha nach Neustadt. „Hier musste ich mich an strenge Regeln halten, lernte, normal zu
essen“, blickt sie auf die harte Zeit zurück.
Langsam geht es bergauf, nach der Reha findet sie Zuflucht bei ihrem Lebensgefährten, und auch ihre beiden Kinder unterstützen sie beim Kampf gegen die
Krankheit, die trotz Reha,
Therapie und vielen Gesprächen noch nicht ganz verschwunden ist.
„Seit einigen Tagen habe ich wieder
Selbstzweifel, fühle mich als Tonne“, sagt Anita B., die in der
Beratungsstelle Brücke in
Beraterin Johanna Knüttel eine gute Unterstüzterin gefunden. „Meine
Therapeutin hat mir den Tipp gegeben. Jetzt besuche ich sogar die
Selbsthilfegruppe für
Essstörungen, die die Brücke anbietet und in der ich Frauen mit ähnlicher Lebenserfahrung treffe“, sagt sie und zum ersten Mal huscht ein Lächeln über ihr trauriges Gesicht.
Hilfe:
Hilfe finden
Betroffene bei der Brücke, Löherstraße 37, Fulda, Telefon (06 61) 7 30 23; mittwochs von 17 bis 19 Uhr treffen sich dort Frauen mit Essstörungen.
Hilfe gibt es auch in der Erziehungsberatungsstelle Fulda, Marienstraße 5, Fulda, Telefon (06 61) 7 10 47.
Quelle:
www.fuldaerzeitung.de