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Alt 28.10.2007, 00:59
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Standard Hungern nach etwas Liebe

Anita B. leidet seit Jahren an Essstörungen / Nur langsame Erfolge
Von Ute Fiedler
FULDA Wenn Anita B. (Name von der Redaktion geändert) isst, tauchen Kalorientabellen in ihrem Kopf auf. Schlechtes Gewissen macht sich breit, das sie das eben Gegessene erbrechen lässt. Unaufhörlich kreisen ihre Gedanken um Essen, was der 39-Jährigen die Kraft und die Freude am Leben nimmt.

Eine Diät folgte der anderen

Die Fuldaerin ist krank, essgestört. Sie ist eine von vielen. Zahlen gibt es nicht, nur Schätzungen und auch diese sind nicht aktuell. „An die Betroffenen kommt man nur sehr schwer heran“, erklärt Dr. Marita Völker-Albert, Pressesprecherin von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. „Im Jahr 2000 litten schätzungsweise 100 000 Frauen an Magersucht, 600 000 Frauen und 70 000 Männer an Bulimie“, sagt sie.
Mit 15 erkrankte Anita B. „Ich war pummelig, meine Familie hat mich gehänselt, ein Kinderarzt hat mir eine Diät verordnet“, erinnert sie sich. Die Pfunde purzeln, aber nicht nur durch die Diät. Anita B. isst und erbricht. „So baute ich auch die Spannungen ab, die sich aufgebaut hatten. Ich bestrafte mich, weil mich niemand leiden konnte“, sagt die zerbrechlich-zart wirkende Frau. Doch es gibt auch Tage, an denen sie außer einem Apfel und einem Hanuta nichts zu sich nimmt. „Ich wollte mir beweisen, dass ich stark bin, dass ich meinen Körper unter Kontrolle habe.“
„Der Übergang zwischen Magersucht und Bulimie, das heißt der Ess-Brechsucht ist fließend“, erklärt Johanna Knüttel, Beraterin bei der Brücke. Viele Betroffene leiden an beiden Phänomen.
Auf 48 Kilo bei einer Körpergröße von 1,62 Meter hungert sich Anita B. herunter. Dann hört sie auf, weil niemand merken soll, was mit ihr los ist. „Meine Mutter war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, musste die Scheidung von meinem Vater verkraften“, erklärt sie. Freunde, denen sie sich hätte anvertrauen können, gibt es nicht. „Man denkt den ganzen Tag nur ans Essen, isoliert sich, vereinsamt“, sagt Anita B.
Sie heiratet, aber nicht aus Liebe, sondern um aus ihrem Umfeld herauszukommen. Und wird schwanger. Zwei Kinder bringt sie zur Welt und nach außen hin scheint alles in Ordnung zu sein. Doch noch immer quält sie das Gefühl des Ungeliebtseins, was sie wieder hungern oder erbrechen lässt.
Im vergangenen September bricht Anita B. zusammen. Nach einem Selbstmordversuch wird sie in die Psychiatrie eingewiesen. Anschließend geht sie in die Reha nach Neustadt. „Hier musste ich mich an strenge Regeln halten, lernte, normal zu essen“, blickt sie auf die harte Zeit zurück.
Langsam geht es bergauf, nach der Reha findet sie Zuflucht bei ihrem Lebensgefährten, und auch ihre beiden Kinder unterstützen sie beim Kampf gegen die Krankheit, die trotz Reha, Therapie und vielen Gesprächen noch nicht ganz verschwunden ist.
„Seit einigen Tagen habe ich wieder Selbstzweifel, fühle mich als Tonne“, sagt Anita B., die in der Beratungsstelle Brücke in Beraterin Johanna Knüttel eine gute Unterstüzterin gefunden. „Meine Therapeutin hat mir den Tipp gegeben. Jetzt besuche ich sogar die Selbsthilfegruppe für Essstörungen, die die Brücke anbietet und in der ich Frauen mit ähnlicher Lebenserfahrung treffe“, sagt sie und zum ersten Mal huscht ein Lächeln über ihr trauriges Gesicht.

Hilfe:
Hilfe finden Betroffene bei der Brücke, Löherstraße 37, Fulda, Telefon (06 61) 7 30 23; mittwochs von 17 bis 19 Uhr treffen sich dort Frauen mit Essstörungen.
Hilfe gibt es auch in der Erziehungsberatungsstelle Fulda, Marienstraße 5, Fulda, Telefon (06 61) 7 10 47.

Quelle: www.fuldaerzeitung.de
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