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Alt 16.01.2007, 01:14
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Standard Mein Körper, der Feind

Mein Körper, der Feind
Von Barbara Hans

Victoria Beckham, Keira Knightley, Nicole Richie: Sie sind berühmt, erfolgreich - und klapperdürr. Das Vorbild hagerer Stars treibt viele Mädchen in die Magersucht. Doch die Wirklichkeit ist komplexer, sagt die 18-jährige Marett. Sie muss es wissen. Sie hungerte sich auf 44 Kilo herunter.

Hamburg - Es war ein Stück Obstkuchen, nicht besonders groß. An Torte wäre gar nicht zu denken gewesen. Viele waren da, die Beobachtung groß und die besorgten Blicke unerträglich. Marett, 18, kennt die musternden Blicke der Bekannten ihrer Eltern, die sich sorgen, Fragen stellen, sobald sie aus dem Raum ist. Wenn sie sie essen sehen, fragen sie nicht. Deshalb der Kuchen.

Zu Hause angekommen, geht sie zielstrebig zum großen Spiegel, macht das, was in den vergangenen Monaten zu einem festen Ritual geworden ist. Sie stellt sich vor den Spiegel, hebt ihren Pullover und begutachtet das, was sie sieht - ihren Bauch. Der ist die Ursache allen Übels. Fett, rund, nach außen gewölbt, statt nach innen. Wenn er schön wäre, wäre er eine nach innen geformte Kuhle, dann würde man die heraus stechenden Beckenknochen sehen, nicht das Fett. Das, was sie beim Blick in den Spiegel sieht, ist unerträglich. Marett schreit, weint, bricht vor dem Spiegel zusammen. Wie hatte sie so schwach sein können?

Die Macht der Betroffenen ist die Ohnmacht der anderen

Die Zeit ist turbulent. Maretts Mutter verliert ihren Job, das Leben ist unstet, beide Eltern sind Künstler. Da gibt es keine geregelten Arbeitszeiten und manchmal auch keine geregelte Arbeit. Mutter und Vater machen sich Sorgen, als sie merken, dass ihre Tochter immer weniger isst. Sie besorgen Broschüren, Bücher, schleppen alles ran, was sie zum Thema Magersucht finden können, manchmal legen sie Marett einen Aufsatz auf den Schreibtisch. Den liest sie dann interessiert. Sie versteht die Sorgen ihrer Eltern, hält sie aber für unbegründet.


Marett meint, alles unter Kontrolle zu haben: ihre Noten, ihre Talente - und vor allem das Essen. Ihrer Macht entspricht die Ohnmacht ihrer Eltern. Die können nur dabei zuschauen, wie ihre Tochter immer weniger wird, wie sie erst das Fett, dann das Brot, dann die restlichen Lebensmittel ablehnt. "Im Nicht-Essen habe ich etwas gefunden, das mich von den anderen Problemen abgelenkt hat", erzählt sie heute, ein Jahr später.

"Magersüchtige haben ein ganz durchdringendes Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit", sagt Detlev O. Nutzinger, Leiter der psychosomatischen Klinik in Bad Bramstedt bei Hamburg. Daraus entstehe der Wunsch, zumindest einen Teil des eigenen Lebens kontrollieren zu können, ein Stück Autonomie zu erlangen. "Die Patientinnen haben ein ähnliches Denkmuster. Es geht immer um alles oder nichts, schwarz oder weiß." Häufig seien die Patientinnen sehr zielstrebig und besonders willenstark. Wer seinen Körper bei einer Größe von über 1,70 Metern auf ein Gewicht von rund 40 Kilogramm hungert, der muss sehr diszipliniert sein.

Maretts Weg in die Krankheit ist typisch: Er beginnt mit ein paar beiläufig verlorenen Kilos während eines Urlaubes. Freunde bemerken, dass das Mädchen abgenommen hat, es erhält Komplimente und fängt an, darauf zu achten, was es isst - und vor allem was nicht. Dann purzeln weitere Pfunde, und Maretts Kopf kreist nur noch um das Nicht-Essen. Doch je mehr Marett abnimmt, desto weniger Komplimente hört sie.

Das alles ist inzwischen mehr als ein Jahr her. "Ich wollte abnehmen, aber ich hatte kein bestimmtes Gewicht vor Augen", sagt Marett, während sie in der Küche sitzt und ein Glas Wasser nach dem anderen trinkt. "Ich wusste nur, es muss weniger werden, um gut zu sein." Die Sucht kennt kein Ziel, sie kennt nur das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit, der eigenen Makel. Manchmal, wenn sie nachts aufgewacht ist, hat Marett Sit-ups gemacht, wegen des Bauches. Oder sie hat ihn sich blutig gekratzt.

Die Verachtung des eigenen Körpers ist grenzenlos

Die 17-Jährige redet wie ein Wasserfall, reflektiert das, was ihr passiert ist, als spräche sie über einen Fremden. Vor gut einem Jahr hat sie mit einer Therapie begonnen - da wog sie nur noch 44 Kilogramm bei einer Größe von 1,70 Metern.

"Inzwischen habe ich wieder Spaß am Leben und kann Dinge genießen. Jetzt will ich das nachholen, was ich in den letzten Jahren verpasst habe", erzählt sie strahlend. Obwohl die Leute immer noch starren, wenn sie, das dürre Mädchen, und ihr wohlgenährter, hinkender Hund nebeneinander durch die Stadt spazieren. "Ich weiß, dass viele Leute immer noch denken, ich sei magersüchtig. Aber ich habe schon zugenommen." Wenn man nicht weiß wie krank Marett mit 44 Kilogramm ausgesehen hat, dann findet man sie auch jetzt noch sehr schmal und zerbrechlich. Und auch der Hunger ist nach den Monaten des Hungerns noch nicht wieder zurück: Marett isst nur, weil sie weiß, dass sie essen muss, nicht weil es ihrem Empfinden entspricht. "Ich muss wieder lernen, Dinge zuzulassen und Kontrolle abzugeben."

"Die Normalisierung des Essverhaltens ist das erste Ziel einer Therapie, denn extremes Untergewicht kann fatale Folgen haben", erklärt Experte Nutzinger. Die beste Psychotherapie ist vergebens, wenn die Patientin am Untergewicht oder seinen Folgen stirbt. In 10 bis 15 Prozent aller Fälle verläuft die Krankheit tödlich: "Die Magersüchtigen sind die kleinste Gruppe der Essgestörten, aber auch die am schwersten erkrankte", so Nutzinger (siehe Kasten).

"Der Schlankheitswahn ist der Boden, auf dem die Krankheit wächst"

Zu was Essstörungen führen können, zeigt auch der Tod des brasilianischen Models Ana Carolina Reston vor einigen Wochen. Die 21-Jährige wog bei einer Größe von 1,74 Metern noch knapp 40 Kilo und hatte somit einen Body-Mass-Index (BMI) von 13,21. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gilt ein BMI von unter 15 als Anzeichen für einen nahenden Hungertod. Reston aß nur noch Äpfel und Tomaten, sie starb an allgemeinem Organversagen - ausgelöst durch ihr Untergewicht.

Bereits seit Monaten wird über die Gewichtsprobleme von Prominenten wie Victoria Beckham, Nicole Richie, Keira Knightley, Lindsey Lohan und anderen debattiert. Hinzu kamen die Auftrittsverbote zu magerer Models bei den Schauen in Madrid und der eindringliche Appell aus Italien, die Laufstege sollten "ein Spiegel für die wahren Maße der Frauen sein", wie es die Ministerin für Jugendpolitik, Giovanna Melandri, formulierte. Künftig müssen Models, die in Italien an Modenschauen teilnehmen wollen, per ärztlichem Attest nachweisen, dass sie keine Essstörung haben.

Die hitzig geführten Debatten und die überstürzten Verbotsforderungen unterstellen eine simple Kausalität: Weil vielen besonders dünnen Frauen besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, werden junge Mädchen magersüchtig. Doch ganz so einfach ist der Zusammenhang nicht.

"Das ist ein gesellschaftliches Problem und keine Epidemie wie die Vogelgrippe", sagte der Präsident des französischen Modeverbandes, Didier Grumbach. "Es gibt alle möglichen Botschaften, die die jungen Mädchen zum Abmagern ermuntern." Der Einfluss der Beckhams und Knightleys ist subtil: Es ist die Gewichtung in den Köpfen, die Schlankheit als Inbegriff der Selbstbeherrschung glorifiziert und Übergewicht als Disziplinlosigkeit und Willensschwäche verurteilt. Es ist diese Verknüpfung, die eine Heroisierung der allzu mageren Promis und Models zum Problem macht. Die Gründe, aus denen Mädchen an Magersucht erkranken, sind jedoch wesentlich vielschichtiger. "Der Schlankheitswahn ist der Boden, auf dem die Krankheit wächst", sagt Nutzinger. Letztlich sind auch die mageren Models nur Ausdruck des Schönheitsideals einer Gesellschaft, die Knochen und Sehnigkeit als Inbegriff der Ästhetik zelebriert - nicht deren Ursache. Die Darstellung allzu magerer Frauen verstärkt jedoch den Eindruck, dass ein möglichst hagerer Körper ein Indiz für Erfolg, Stärke und Schönheit ist.

Die Magersucht macht die Betroffenen zu Lügnern

Vorbilder, sagt Marett, seien für sie nicht wichtig gewesen. Sie habe zwar Freundinnen gehabt, die sie besonders attraktiv gefunden hätte - die seien aber nicht besonders dünn gewesen, sondern "einfach schön".

Belastet habe sie weniger der erfolglose Versuch, einem Ideal hinterher zu laufen, sondern die Einsamkeit, in die sie die Magersucht getrieben habe. Jedes gemeinsame Essen mit Freunden erforderte Ausreden: Mal waren es Bauchschmerzen, mal gab sie vor, keinen Appetit zu haben. Das ewige Leugnen der Essstörung schürt Misstrauen und zerstört Freundschaften. Die Magersucht macht die ehrlichsten Menschen zu perfekten Lügnern. Auch im Sommer tragen viele Betroffene dicke Mäntel und Jacken, weil das Untergewicht sie frieren lässt und weil die weite Kleidung den nur aus Haut und Knochen bestehenden Körper verhüllt.

Die Sucht wird zum ewigen Kampf gegen den eigenen Körper. Wie ein Netz durchzieht der Gedanke an das Nicht-Essen den Alltag, zwingt, die Treppe zu laufen, statt den Lift zu nehmen, um sich bloß immer weiter zu bewegen, um bloß nicht zuzunehmen.

Zwar sind in den vergangenen Jahren immer mehr junge Frauen an Magersucht erkrankt. Von einem rasanten Anstieg der Zahl der Betroffenen, wie es die derzeitige Debatte nahe legt, kann jedoch nicht die Rede sein. Im Gegensatz dazu ist der Anteil der Übergewichtigen deutlich gestiegen. Jährlich sterben laut WHO in Europa mehr als eine Million Menschen an durch Fettleibigkeit bedingten Krankheiten.

Quelle : www.spiegel.de
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