Männer - Sport - Esstörungen
Machos haben keine Magersucht
Essstörungen bei Männern sind nach wie vor selten, aber erklärbar
Mit schöner Regelmäßigkeit melden in den letzten Jahren Print- und andere Medien, dass »immer mehr« Jungen und Männer an Essstörungen erkranken. Ihr Anteil unter den Essgestörten soll »schon« zehn Prozent betragen - doch das ist kaum mehr als die Schätzungen vor einem Dutzend Jahren. Richtig ist, dass die Zahl der männlichen Betroffenen zunimmt, aber nicht epidemisch. Jungen und Männer trauen sich heute nur eher, fachliche Hilfe zu suchen.
Wer im Skisport weit fliegen will, muss federleicht sein. Im Streben nach Leichtigkeit scheint aber mancher übers Ziel hinauszuschießen. Christian Moser hungerte sich 1996 bei 1,81 Meter auf 58 Kilo herab und brach im Sommer in Stams vor Erschöpfung zusammen. Moser musste wegen Magersucht behandelt werden. Sein Sportlerkollege Sven Hannawald (1,83 m/54 kg) wies jeglichen Verdacht von sich, magersüchtig zu sein, wälzte aber Literatur über Diäten, hungerte phasenweise und gab an, er würde auf eine einsame Insel »einen Backofen und Kochrezepte« mitnehmen. Und Leichtgewicht Mika Lattinen (1,85 m/63 kg) siegte seinerzeit zwar in Oberstdorf, stürzte aber überraschend schwer in Garmisch. Das drastische Untergewicht von Hannawald und Lattinen lassen ebenfalls an Essstörungen denken.
In den letzten Jahren häufen sich die Berichte über Männer, die an Essstörungen leiden. Besonders gefährdet scheinen Sportler zu sein, neben Skispringern auch Eisläufer, Langstrecken- und Marathonläufer, Jockeys und Turner. Essstörungen wie Magersucht, Essbrechsucht und Esssucht gelten aber als typische Frauenkrankheiten: bis zu 95 Prozent der Betroffenen sind weiblich. Sind Fälle wie die der Athleten nur die Spitze eines Eisbergs? Ist damit zu rechnen, dass Essstörungen auch verstärkt auf Männer übergreifen werden?
Vermutlich nicht. Wenn Medien berichten, dass »immer mehr« Männer an Essstörungen leiden, suggeriert dies eine Dynamik, die noch keine seriöse Studie nachweisen konnte. Der als »Ernährungspapst« gefeierte Göttinger Ernährungswissenschaftler Volker Pudel hält aufgrund einer Befragung von 3000 Männern in Ost und West zehn Prozent aller deutschen Männer für essgestört. Doch seine Zahlen sind wegen »diffuser Befragungs- und Diagnosekriterien« (»Der Spiegel« 51/1994) umstritten. Pudel selbst gesteht im persönlichen Gespräch ein, dass sich die Ergebnisse aus Studien nicht mit den klinischen Erfahrungen decken.
Dass mehr als zehn Jahre, nachdem Essstörungen bei Frauen aus der Tabuzone gerückt wurden, mehr essgestörte Jungen und Männer auftauchen, liegt wohl daran, dass dieses Phänomen inzwischen als Krankheit anerkannt ist und mehr Menschen den Mut aufbringen, sich zu ihrem Problem zu bekennen. Nicht eine Epidemie, sondern das Öffentlichwerden (Coming-Out-Effekt) bewirkt, dass auch Männer nun die Hemmschwelle überwinden und professionelle Hilfe suchen.
Gerade dort, wo sportliche Leistung davon abhängt, wie wenig man(n) auf die Waage bringt, lauert die Gefahr. Sportler erleben ihren Körper als ein Instrument, das sie beherrschen und kontrollieren müssen und sind zwangsläufig stark körperfixiert. Sie unterziehen sich, wie viele Frauen, Diäten.
Quelle : maja-langsdorff.de
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