„Jede Ess-Störung ist ein Hilferuf“
Die Magersucht ist in den Kinderzimmern angekommen: Jedes fünfte Kind in Deutschland hat ein gestörtes Ess-Verhalten. Schon Zehnjährige verfallen dem Schlankheitswahn.
von Christine Pierach
Das verlebte Mondgesicht thront auf einem
hageren Körper. Arme und
Beine sind
stäbchendünn. „So etwas gehört verboten“, sind sich die sechs jungen Frauen einig, die die Köpfe über einer Werbebroschüre mit barbieartigen Puppen zusammenstecken. „So eine
Figur kann eine normale Frau niemals haben“, urteilen sie. Sie müssen es wissen, denn sie sind Experten in Sachen
Essen,
Hungern,
Gewicht und
Figur. Niemand weiß besser als sie, wie höllisch schwer es werden kann, „normal“ zu sein.
Wie etwa 700 000 Deutsche leiden auch Constanze (20), Anke (23), Katharina (20), Elena (18 ), Lisa (18 ) und Beate (24) an
Ess-Störungen. Fast hätten sie sich zu
Tode gehungert oder wären in der unsichtbaren Zwangsjacke aus
Essen und Erbrechen umgekommen.
Die Übergänge zwischen Magersucht (Anorexie), Ess-Attacken ohne Gewichtsregulation (Binge-Eating) und Ess-Brech-Sucht (Bulimie) sind fließend. Oft wechseln sie in Phasen ab.
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Einstiegsalter sinkt wegen früher Pubertät
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Das sieht man den lebhaften jungen Frauen nicht mehr an. Dabei hielt die tückische
Krankheit alle sechs mindestens vier Jahre gefangen, Katharina und Beate sogar ihr halbes Leben lang. Sie sind seit vier und mehr Monaten Patientinnen des
Münchner Therapie-Centrums für Ess-Störungen (TCE). Jede kämpft sich hier in der
tödlichen Abwärtsspirale dieser
Erkrankung wieder nach oben. Für 30 Betroffene ist Platz im TCE. In Vierer-Wohngemeinschaften lernen sie, wieder zu lachen, zu genießen, zu leben. Und normal zu
essen.
Damit hörte Katharina als Zehnjährige auf, Beate mit zwölf. Warum das
Einstiegsalter in die
Ess-Störung sinkt, erklärt TCE-Arzt Dr. Herbert Backmund auch mit biologischen Faktoren: „Früher bekamen Mädchen mit 15 oder 16 Jahren ihre
Menstruation. Heute sind sie zwölf oder 13 Jahre alt, wenn ihre
Figur sich verändert und fraulich wird. Mit elf Jahren passiert auch der Wechsel ans Gymnasium. Manche kommen mit dem
Leistungsdruck nicht anders klar als über eine
Ess-Störung. Andere werden sich in diesem Alter der Konkurrenz zu Geschwistern bewusst und heben sich fortan als das Kind ab, das am besten
hungern kann. Andere glauben, eine
Scheidung durch die
Erkrankung verhindern zu können.“
Die aktuelle Studie des Robert-Koch-Instituts (KiGGS) warnt: Fast jedes siebte Kind zwischen drei und 17 Jahren ist zu dick, jedes fünfte zwischen elf und 17 Jahren zeigt auffälliges
Essverhalten. Dabei sind sozial benachteiligte Jugendliche mit 27,6 Prozent fast doppelt so oft vertreten wie Oberschichtskinder (15,5 Prozent). 17 600 Kinder haben die Forscher drei Jahre lang bis Mai 2006 beobachtet. 7500 Elf- bis 17-Jährige füllten einen Fragebogen zum
Essverhalten aus - bei 21,9 Prozent bestätigte sich der Verdacht auf eine
Ess-Störung. 28,9 Prozent der Mädchen sind betroffen, bei den Buben sind es 15,2 Prozent. Die Häufigkeit steigt bei Mädchen mit dem Alter, bei Buben sinkt sie. Mitschuld am
Schlankheitswahn junger Frauen sind häufig die populären Vorbilder:
Models und Schauspielerinnen. Doch die
Modelbranche hat inzwischen reagiert. Nach dem
Hungertod mehrerer
Models werden in Madrid und Mailand
Mager-Mannequins nicht mehr auf den Laufsteg gelassen. Die Brasilianerin
Ana Carolina Reston (21) hungerte sich zu Tode, binnen sechs Monaten
starben die (womöglich aber durch eine
Erbkrankheit)
abgemagerten Schwestern Ramos aus Uruguay: Luisel (22) verlor rasant zwölf
Kilo und brach im August in einer Show zusammen; vor zwei Wochen wurde auch Eliana (18 )
tot aufgefunden. In Madrid dürfen nun nur noch
Models mit einem
Body-Mass-Index über 18 auftreten, in Mailand brauchen sie ein
Gesundheitsattest. Wer in Madrid auf den Laufsteg will, muss bei einer Körpergröße von 1,70 Meter mindestens 50
Kilo auf die Waage bringen. Auch in Amerika und in Europas
Modewelt sind
Ess-Störungen einmal mehr Thema. In den USA gibt es nach Größe Null (entspricht Größe 32) jetzt auch Doppel-Null. Laut
Gesundheitsministerium in Washington passt der Durchschnitts-Amerikanerin unsere Kleidergröße 42, für viele Promi-Frauen aber ist Größe 34 schon Schlabberlook. Wie „
Ally McBeal“-Schauspielerin
Calista Flockhart kamen auch
Victoria Beckham und
Nicole Richie erst mit
Magerfotos auf die Titelseiten der Magazine, war
Keira Knightleys Hungerfigur interessanter als ihr Film „Fluch der Karibik 2“.
Der Vergleich mit
Models und das
Schlankheitstick-Gerede nervt die TCE-Patientinnen. „
Jede Ess-Störung ist ein Hilferuf, ein Signal von Menschen, die sich nicht anders artikulieren können, anders nicht verstanden werden. Das ist keine Pubertätskrise, kein Tick,“ macht TCE-Leiterin Dr. Monika Gerlinghoff klar. Die Studie gebe Anlass zu weitergehenden Fragen: „Warum ist
gestörtes Essverhalten so häufig? Was steckt hinter gleichzeitigen
psychischen Auffälligkeiten wie
Depressivität? Warum kommen schon Grundschüler regelmäßig zum Unterricht, ohne gefrühstückt zu haben? Ist es Vernachlässigung, Unvermögen der Eltern, Armut?“, zählt Backmund auf. „Wenn es uns gelänge, bereits den Grundschülern
geregeltes Essen zu verpassen, wäre das schon ein ganz großer Erfolg.“
Aktivitäten am TCE wie
Ess-Training für 10- bis 15-jährige Gefährdete und
Erkrankte oder Gesprächsrunden mit
Therapeuten, Betroffenen und Angehörigen, entsprechen dem Fazit der Berliner Studie: „Unsere Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, bereits im frühen Jugendalter über die
Erkrankung aufzuklären,
Betroffene frühzeitig zu erkennen und Hilfsangebote zielgerichtet zu erweitern.“ Die einzige Medizin, die hilft: Aufklärung.
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Info-Abend in Untergriesbach
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Das „
Patientinnen-Team“ am TCE bietet ein Beratungstelefon an und besucht junge Leidensgenossen in der
Klinik. In der Münchner
Kinderklinik Dritter Orden hat Beate es vor kurzem geschafft, dass sich ein erst elfjähriges Sorgenkind endlich jemandem anvertraute. Auch Öffentlichkeitsarbeit finden die jungen Frauen wichtig: „Wir müssen den
Angehörigen klar machen, dass das keine Macke ist, sondern eine
schwere Krankheit, die man nicht einfach so in den Griff kriegt“, sagt Anke.
Die zentralen Fragen: „Wie erreiche ich eine Betroffene, was kann, was soll ich sagen?“ Keinesfalls solle ein Lehrer eine gefährdete Schülerin in der Klasse auf ihre Figur ansprechen, sondern nur klar machen, dass man sich sorgt und für den anderen da ist. Außerdem würden
Essgestörte Fachliteratur stets zurückweisen, sie aber heimlich doch lesen.
Wenn die sechs
Patientinnen kommenden Dienstag ab 19 Uhr im Gymnasium Untergriesbach (Lkr. Passau) einen Info-Abend anbieten, hilft ihnen das auch selbst. Wie, erklärt Lisa: „Ich kann mich nicht vor eine Klasse oder vor
Angehörige hinstellen und denen etwas über
Ess-Störungen erzählen und nachts dann heimlich wieder mein
krankes Ding machen.“
Quelle :
www.pnp.de