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Alt 30.12.2006, 19:29
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Standard "Schlank sein" macht glücklich

"Schlank sein" macht glücklich
Die Politik nimmt sich des Themas "Magersucht" an - Ein Kommentar zu einer gesellschaftlichen Störung
Nun hat das Thema "Essstörungen" also auch in den höchsten Ebenen politischer Repräsentation Fuß gefasst. Politikerinnen aller Couleurs nehmen sich dem anwachsenden Problem in westlichen Industriegesellschaften an, wobei als erstes die Modeindustrie ins Kreuzfeuer der Kritik geriet: Begonnen hat es in Madrid, dann zog die Diskussion weiter nach London, nun wollen auch die italienischen Politikerinnen die Modewelt dazu anhalten, nur mehr Models mit Körpermaßen, die ein "physisch gesundes Image" vermitteln, für ihre Defilés zu engagieren.
Womit sie zweifellos Recht haben: Die Modewelt ist jene Institution, die Schönheit und Attraktivität produziert. Was liegt also näher, als in diesem Zentrum der Bedeutungsproduktion auf Veränderung zu pochen? Als konzentriertester Ausdruck westlicher Schönheitsnormen symbolisieren Models Begehren, Luxus und vor allem Anerkennung. Eine Art der Anerkennung, die jedoch für grob geschätzte 95 Prozent aller Frauen nicht zu erreichen ist.

Strukturelle Gewalt
Schönheitsnormen sind inzwischen zu einer Form von struktureller Gewalt gegen Frauen geworden. Auch das versinnbildlicht das neuartige Engagement von Politikerinnen. Sie haben begriffen, dass eine zunehmende Zahl von Menschen unter ihnen leidet, und das nicht nur seelisch via Minderwertigkeitskomplexen, sondern auch körperlich.

Falsch wäre es aber, sich von einer alleinigen Fokussierung auf die Welt der Models eine Verbesserung der Situation zu erhoffen. Schließlich sind die Gründe und Auslöser von Essstörungen vielseitig und nicht allein auf die unrealistischen Schönheitsnormen und der dazugehörigen recht simplen Vorbild-Argumentation zu reduzieren. Nicht umsonst weisen Beratungsstellen darauf hin, dass immer mehr erwachsene Frauen ihre seelischen Konflikte auf körperlicher Ebene, sichtbar durch Essstörungen, austragen.

Glücklich sein

Christine Bischof, Beraterin bei der Hotline für Essstörungen, drückt es so aus: "Wenn du schlank bist, dann bist du begehrt, erfolgreich, anerkannt und vor allem glücklich". Dieses Klischee-Bild würde durch Medien und Werbung tagtäglich vermittelt, so die Einschätzung der Expertin. Implizit sagt sie damit, dass dieses Versprechen nicht der Wahrheit entspricht.

Möglicherweise liegt aber genau in dieser Darstellung, die betroffenen Frauen würden einem Irrtum unterliegen, das Problem. Haben sie denn wirklich unrecht? Leben wir denn nicht in einem gesellschaftlichen System, in dem "schlank sein" Frauen und in zunehmenden Maß auch Männer begehrter, erfolgreicher, anerkannter und wenn frau so will glücklicher macht? Auf jeden Fall besteht das Angebot und immer mehr Frauen machen Gebrauch davon. Demgegenüber ein "wahres Glück" zu propagieren, eines, das von sämtlichen äußeren Faktoren unabhängig ist, geht an der neoliberalen Wirklichkeit vorbei.

Wenn Politikerinnen effektiv etwas gegen die Zunahme von Essstörungen tun wollen, werden sie um die Frage, warum der Körper im 21. Jahrhundert zu so einem Star der Sinnstiftung geworden ist und welche Risse er dabei zu kitten hat, nicht herumkommen. (freu)
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