Fettsucht in den USA stark unterschätzt
Von Markus Becker
Die
Fettsucht ist in den USA offenbar noch weiter verbreitet als bisher befürchtet.
Forscher haben jetzt ermittelt, in welchem Maß Umfrage-Teilnehmer ihr Körpergewicht herunterspielen. Demnach muss die Zahl der
Fettsüchtigen um satte 50 Prozent nach oben korrigiert werden.
Deutsche
Ernährungsexperten warnen gern vor amerikanischen Verhältnissen, wenn hierzulande wieder die Debatte um die zunehmende
Verfettung des
Volkskörpers aufflammt. Eine neue Studie bestätigt dieses Bild nun auf drastische Weise.
Wissenschaftler der Harvard University in Boston haben herausgefunden, dass die Verbreitung der
Fettsucht in den USA - die ohnehin schon als höchste in den Industrienationen gilt - noch unterschätzt wurde, und das nicht zu knapp. Insgesamt müsse die Zahl der stark
Übergewichtigen um mehr als 50 Prozent nach oben korrigiert werden, schreiben die
Forscher um Majid Ezzati im renommierten "Journal of the Royal Society of Medicine".
Um die Verbreitung von
Übergewicht und
Fettsucht zu untersuchen, benutzen Forscher den sogenannten
Body Mass Index (BMI), der das
Körpergewicht ins Verhältnis zur
Körpergröße setzt (siehe Hintergrundkasten). Menschen werden entweder befragt oder aber direkt vermessen. Die Messung der
Körpermaße ist zwar präziser, aber auch wesentlich aufwendiger - weshalb Umfragen bei der Ermittlung des durchschnittlichen
BMI verbreitet zum Einsatz kommen.
Schon länger argwöhnten Experten, dass die Befragten besonders am Telefon gern mogeln, wenn es um ihre wahre Gestalt geht. Bisher aber war nicht genau bekannt, in welchem Maß die Umfrage-Ergebnisse von der Realität abweichen. Ezzati und seine Kollegen haben deshalb zwei Systeme miteinander verglichen: das Behavioral
Risk Factor Surveillance System, das auf Telefon-Interviews mit über 1,3 Millionen US-Einwohnern basiert, und das National Health and Nutrition Examination Survey, für das rund 25.000 Menschen persönlich befragt und anschließend klinisch untersucht wurden.
"Die Ergebnisse sind erschütternd"
Die Analyse der Datensätze ermöglichte den
Medizinern den Vergleich zwischen den Selbstauskünften und den tatsächlichen Maßen der jeweils gleichen Menschen. Für
Ernährungsforscher besonders interessant: Bei der Befragung wussten die Teilnehmer noch nicht, dass man sie anschließend vermessen würde. "Das ist bisher einzigartig", kommentiert Peter Stehle, Direktor des Instituts für
Ernährungs- und
Lebensmittelwissenschaften der Universität Bonn.
Die Untersuchung bestätigte zunächst die Vermutung aus früheren
Übergewichtsstudien: Frauen neigen in Umfragen dazu, ihr
Gewicht zu unterschätzen. Männer sind in dieser Hinsicht zwar weitgehend ehrlich, schummeln aber bei der
Körperlänge: Insbesondere Herren in jungen und mittleren Jahren machen sich gern ein paar Zentimeter länger als sie sind. Das Ergebnis ist bei beiden Geschlechtern das gleiche: Der
BMI fällt unter den tatsächlichen Wert.
In welcher Größenordnung er das tut, hat indes selbst Ezzati und seine Kollegen erstaunt. "Dies sind die ersten unverfälschten Schätzungen über
Fettsucht in den Vereinigten Staaten, und die Ergebnisse sind erschütternd", sagte Ezzati. Anhand der korrigierten
BMI-Werte müsse die Zahl der Fettsüchtigen in den USA um durchschnittlich mehr als 50 Prozent nach oben korrigiert werden. Im Jahr 2002 waren demnach 28,7 Prozent der Männer und 34,5 Prozent der Frauen in den USA adipös.
Süd-Nord-Gefälle in den USA
"In einigen US-Südstaaten sind mehr als 35 Prozent der Frauen und rund ein Drittel der Männer fettsüchtig", erklärte Ezzati. Und das wahre Ausmaß des Gesundheitsproblems sei noch größer, denn die Zahlen bezögen sich nur auf Menschen mit einer
Fettsucht, nicht auf solche mit moderatem
Übergewicht.
Die
Forscher stellten zudem in den USA starke geografische Schwankungen fest: In südlichen Staaten wie Texas oder Mississippi sind bis zu 31 Prozent der Männer und 37 Prozent der Frauen
fettsüchtig, während die Bewohner der Nordstaaten tendenziell schlanker sind. Allerdings gibt es auch extreme Unterschiede zwischen den Geschlechtern am selben Ort. So hat die Hauptstadt Washington mit "nur" 21 Prozent die geringste Quote an fettsüchtigen Männern in den gesamten USA. Bei den Frauen dagegen rangiert Washington mit einem
Fettsüchtigen-Anteil von 37 Prozent auf einem Spitzenplatz.
Der Bonner
Ernährungsforscher Stehle ist wenig überrascht, dass der Anteil der
Fettsüchtigen an der US-Bevölkerung bisher unterschätzt wurde. Schon früher habe man vermutet, dass
BMI-Werte aus Umfragen um 7 bis 13 Prozent unter den tatsächlichen Zahlen liegen. "Das wiederum bedeutet, dass viele Menschen mit ihrem
BMI über die Grenze zur
Fettsucht rutschen", erklärt Stehle im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. So komme ein dramatisch anmutender 50-Prozent-Anstieg der
Fettsüchtigen-Quote zustande.
Auch Deutschland verfettet
"Diese Zahlen bedeuten immerhin auch, dass Deutschland im Vergleich mit den USA bisher schlechter ausgesehen hat als nötig", sagt Matthias Schulze vom Deutschen Institut für
Ernährungsforschung in Potsdam. Denn die Werte für Deutschland basierten nicht auf Umfragen, sondern auf
Körpermessungen. Dem "Bundesgesundheits-Survey" zufolge waren 1998 in den alten Bundesländern 18,3 Prozent der Männer und 21,1 Prozent der Frauen
fettsüchtig. In den neuen Bundesländern lagen die Werte bei 20,9 bzw. 24,5 Prozent.
Grund zur Entwarnung sehen Experten allerdings keinesfalls, denn diese Daten sind acht Jahre alt - und vieles deutet darauf hin, dass die Deutschen seitdem deutlich dicker geworden sind. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ist der Anteil der
Übergewichtigen mit einem
BMI zwischen 25 bis 30 in den vergangenen 20 Jahren zwar in etwa gleichgeblieben. Doch der Anteil der
Fettsüchtigen mit einem BMI von 30 und mehr sei deutlich gestiegen, wie Telefon-Umfragen nahelegten.
Insbesondere Kinder und Jugendliche sind vom Trend zur XXL-Figur betroffen: In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Anteil der übergewichtigen Heranwachsenden in Deutschland etwa verdoppelt, wie Daten des Leipziger "CrescNet"-Projekts vermuten lassen. Die kleinen Molligen sind die Problempatienten von morgen - mit
Bluthochdruck,
Diabetes,
Herzleiden und schmerzenden Gelenken.
"Die Zahlen aus den USA sind im Vergleich zu denen aus Deutschland natürlich beeindruckend", sagt
Ernährungsforscher Stehle. "Aber man sollte sich nicht unbedingt mit den USA vergleichen, wenn es um eine sinnvolle
Ernährungspolitik geht. Wir haben noch immer die Chance, amerikanische Verhältnisse bei uns zu verhindern."
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