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Alt 28.02.2007, 16:26
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Standard Kampf den Pfunden und den Demütigungen

Kampf den Pfunden und den Demütigungen
Adipositas-Selbsthilfegruppe bietet stark Übergewichtigen Gemeinschaft, Sport und Anregungen zum Abnehmen

Von Ann Claire Richter
Im USA-Urlaub stellte er sich einmal den Wecker auf 2 Uhr nachts, weil er keinesfalls nach Hause fahren wollte, ohne im Meer gebadet zu haben. Tagsüber hätte sich Marcel Vester niemals ins Wasser getraut, nicht unter den Augen anderer Menschen. Denn Marcel Vester ist dick, sehr dick. Diagnose: Adipositas – Fettleibigkeit.
Vester mag nicht sagen, wie viele Kilogramm er auf die Waage bringt, doch ganz offen spricht er über die Demütigungen eines Dicken: "Das geht bei den Klamotten los: Finden Sie mal was Anständiges in meiner Größe…", sagt er mit genervtem Unterton. Zur Verzweiflung bringen ihn auch Stühle mit Lehnen: "Entweder man passt erst gar nicht rein oder sie bleiben einem beim Aufstehen am Hintern kleben."
Es gab auch schon Stühle, die unter Vesters Last zusammengebrochen sind. "Das klingt lustig, ist aber eigentlich zum Weinen", meint er.
Marcel Vester hat viele Beispiele für die Tücken des Alltags, die einem Dicken das Leben schwer machen: Bei einem Tag der offenen Tür am Flughafen Dortmund etwa freute sich Vester auf einen Flug mit dem Hubschrauber. Doch der Sicherheitsgurt war nicht lang genug, und er musste wieder aussteigen. "Mein Gott, war das peinlich…"
Heute hat er immer einen Verlängerungsgurt dabei, wenn er eine Flugreise macht.
Der 28-Jährige ist froh, endlich Menschen gefunden zu haben, die seine Probleme teilen. Seit einigen Monaten ist er bei der Selbsthilfegruppe Adipositas Braunschweig aktiv. "Es ist unglaublich schön, endlich Leute zu kennen, mit denen du reden kannst und die dich verstehen", seufzt er. In seiner Familie seien alle schlank, "die können sich nicht in mich hineinversetzen".
Martina Frauenschläger leitet die Gruppe – abwechselnd mit Sina Schubert. "Wir reden hier nicht über 10 oder 20 Kilo Übergewicht", verdeutlicht sie. Die durchschnittliche Gewichtsklasse der Gruppenmitglieder liege vielmehr bei 120 bis 200 Kilo.
Bei Martina Frauenschläger, heute 45, fing die stete Gewichtszunahme in der Pubertät an. Als sie schwanger war, mit Mitte 20, überschritt sie erstmals die 100-Kilo-Marke. "Ich habe unendlich viele Diäten gemacht, habe etliche Kilo abgenommen und danach meist doppelt so viele wieder drauf gelegt." Der berühmte Jo-Jo-Effekt, ein Teufelskreis.
Doch mit der Gruppe hat die 45-Jährige neues Selbstvertrauen gefunden und neue Wege zur Gewichtsreduktion: Ernährungsumstellung und Sport. 30 Kilo hat sie schon abgenommen. Derzeit zeigt die Waage 250 Pfund. Ihr ehrgeiziges Ziel: 30 Kilo sollen noch folgen.
Martina Frauenschläger und 11 weitere schwer Übergewichtige hatten sich drei Monate lang in die Obhut des Ernährungsmedizinischen Centrums in der Spinnerstraße begeben. Einmal wöchentlich hatten sie sich von einem Arzt, einem Psychologen und einem Ernährungsberater aufklären lassen: über Gesundheitsrisiken des Übergewichts wie Herzerkrankungen, Kurzatmigkeit, Diabetes, Gelenkerkrankungen.
Darüber hinaus gab es Anregungen zum Sport, Tipps für gesunde Ernährung, Alternativen zu fettem Essen und Kniffe, wie die typischen Diätfallen vermieden werden können.
Die Teilnehmer erstellten unter anderem ein Ernährungsprotokoll, das ihnen aufzeigte, was sie an einem Tag so alles verdrückten. Eine Aktion, die manchem die Augen öffnete.
Bis dahin hatte Martina Frauenschläger zwei Jahre lang gehungert, gehungert, gehungert, "doch kein Gramm abgenommen." Heute weiß sie, dass sie vieles falsch gemacht hat. Etwa die Sache mit dem Süßstoff. "Der gaukelt dem Körper vor, er bekomme Zucker, und der Körper schüttet Insulin aus. Doch solange Insulin im Blut ist, kommt es nicht zum Fettabbau." Falle der Blutzuckerspiegel plötzlich rapide ab, folge Heißhunger.
Martina Frauenschläger weiß inzwischen auch, dass zwischen den Mahlzeiten etwa vier Stunden liegen sollten, damit der Körper Zeit hat, Fett abzubauen.
Auch einen Trinkplan sollten die Teilnehmer aufstellen: "Ich kam auf stolze 4 Liter. Da freut sich eigentlich jeder Arzt", berichtet Marcel Vester. "Allerdings stellte ich schnell fest: 3 Liter bestanden aus kalorienhaltigen Getränken wie Cola."
Vester hat die Kurve noch nicht gekriegt. "Die Bequemlichkeit", räumt er seufzend ein. Immer wieder schiebt er den Zeitpunkt auf, an dem er ernsthaft mit der Ernährungsumstellung beginnen will. Zwar brutzelt er seine Schnitzel inzwischen ohne fetttriefende Panade und weiß, dass ein Obstsalat eine gute Alternative zum Pudding ist, aber so ganz ist ihm die Ernährungsumstellung noch nicht gelungen.
Noch immer drehen sich seine Gedanken viel zu oft ums Essen und die nächste Mahlzeit. "Das ist schon eine Qual. Ich weiß ja, dass ein Schnitzel reichen würde, esse aber trotzdem manchmal drei davon." Das schlechte Gewissen kriecht den 28-Jährigen schon an, bevor der letzte Bissen verschlungen ist. "Aber es ist so schwer, sich zu steuern. Das Wissen ist da, aber man kann es nicht umsetzen", meint er resigniert.
Marcel Vester will sich daher operieren lassen. Ein Magenband soll den Hunger zügeln. Der Mageneingang wird dabei durch ein verstellbares Band verengt. "Anders als in anderen Ländern wird die Adipositas-Chirurgie in Deutschland nicht so schnell und oft eingesetzt", bedauert Martina Frauenschläger. Vor einer Operationen müssten zahlreiche Auflagen erfüllt werden.
Sie selbst hat sich gegen eine Operation entschieden: "Weil ich persönlich das als Zwangsmaßnahme empfinde, was meinem freien Willen widerspricht."
Sie will es aus eigener Kraft schaffen. Sie hat es satt, an der Kasse dumm angeschaut zu werden, wenn sie mal Süßigkeiten für ihren Mann kauft. "Ich weiß doch, was die Leute denken: Muss die Dicke denn das auch noch ins sich reinstopfen?"
Im Restaurant werde sie immer von den Nachbartischen beäugt, was sie denn so vertilge. "Als ob wir Dicken kein Recht mehr hätten, überhaupt noch etwas zu essen." Übergewichtige würden ständig beobachtet und bewertet.
Martina hat die ersten Hürden genommen. Beim Sport mit anderen Übergewichtigen hat sie an Kondition zugelegt. Auch wenn es anfangs schwer war. "Stellen Sie sich doch mal vor, Sie müssten Sport treiben mit zwei Wasserkästen auf den Schultern und je einem in den Händen." So nämlich fühle sich ein Dicker beim Fitness-Training. Doch in der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten geht vieles leichter. "Wenn man mit anderen Dicken unterwegs ist, stören einen auch nicht mehr die blöden Blicke."
Martina Frauenschläger hält es mit Laotse: "Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt", sagt sie.
Mittwoch, 21.02.2007

Quelle : www.newsclick.de
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