Kampf den Pfunden und den Demütigungen
Adipositas-Selbsthilfegruppe bietet stark Übergewichtigen Gemeinschaft, Sport und Anregungen zum Abnehmen
Von Ann Claire Richter
Im USA-Urlaub stellte er sich einmal den Wecker auf 2 Uhr nachts, weil er keinesfalls nach Hause fahren wollte, ohne im Meer gebadet zu haben. Tagsüber hätte sich Marcel Vester niemals ins Wasser getraut, nicht unter den Augen anderer Menschen. Denn Marcel Vester ist
dick, sehr dick.
Diagnose: Adipositas – Fettleibigkeit.
Vester mag nicht sagen, wie viele
Kilogramm er auf die
Waage bringt, doch ganz offen spricht er über die
Demütigungen eines
Dicken: "Das geht bei den Klamotten los: Finden Sie mal was Anständiges in meiner
Größe…", sagt er mit genervtem Unterton. Zur Verzweiflung bringen ihn auch Stühle mit Lehnen: "Entweder man passt erst gar nicht rein oder sie bleiben einem beim Aufstehen am Hintern kleben."
Es gab auch schon Stühle, die unter Vesters Last zusammengebrochen sind. "Das klingt lustig, ist aber eigentlich zum Weinen", meint er.
Marcel Vester hat viele Beispiele für die Tücken des Alltags, die einem
Dicken das Leben schwer machen: Bei einem Tag der offenen Tür am Flughafen Dortmund etwa freute sich Vester auf einen Flug mit dem Hubschrauber. Doch der Sicherheitsgurt war nicht lang genug, und er musste wieder aussteigen. "Mein Gott, war das peinlich…"
Heute hat er immer einen Verlängerungsgurt dabei, wenn er eine Flugreise macht.
Der 28-Jährige ist froh, endlich Menschen gefunden zu haben, die seine Probleme teilen. Seit einigen Monaten ist er bei der
Selbsthilfegruppe Adipositas Braunschweig aktiv. "Es ist unglaublich schön, endlich Leute zu kennen, mit denen du reden kannst und die dich verstehen", seufzt er. In seiner Familie seien alle
schlank, "die können sich nicht in mich hineinversetzen".
Martina Frauenschläger leitet die Gruppe – abwechselnd mit Sina Schubert. "Wir reden hier nicht über
10 oder 20 Kilo Übergewicht", verdeutlicht sie. Die durchschnittliche
Gewichtsklasse der Gruppenmitglieder liege vielmehr bei 120 bis 200 Kilo.
Bei Martina Frauenschläger, heute 45, fing die stete
Gewichtszunahme in der Pubertät an. Als sie schwanger war, mit Mitte 20, überschritt sie erstmals die
100-Kilo-Marke. "Ich habe unendlich viele
Diäten gemacht, habe etliche
Kilo abgenommen und danach meist doppelt so viele wieder drauf gelegt." Der berühmte
Jo-Jo-Effekt, ein Teufelskreis.
Doch mit der Gruppe hat die 45-Jährige neues
Selbstvertrauen gefunden und neue Wege zur
Gewichtsreduktion:
Ernährungsumstellung und Sport. 30
Kilo hat sie schon abgenommen. Derzeit zeigt die Waage 250
Pfund. Ihr ehrgeiziges Ziel: 30
Kilo sollen noch folgen.
Martina Frauenschläger und 11 weitere schwer
Übergewichtige hatten sich drei Monate lang in die Obhut des Ernährungsmedizinischen Centrums in der Spinnerstraße begeben. Einmal wöchentlich hatten sie sich von einem
Arzt, einem
Psychologen und einem
Ernährungsberater aufklären lassen: über
Gesundheitsrisiken des
Übergewichts wie
Herzerkrankungen, Kurzatmigkeit, Diabetes, Gelenkerkrankungen.
Darüber hinaus gab es Anregungen zum Sport, Tipps für gesunde
Ernährung, Alternativen zu fettem
Essen und Kniffe, wie die typischen
Diätfallen vermieden werden können.
Die Teilnehmer erstellten unter anderem ein
Ernährungsprotokoll, das ihnen aufzeigte, was sie an einem Tag so alles verdrückten. Eine Aktion, die manchem die Augen öffnete.
Bis dahin hatte Martina Frauenschläger zwei Jahre lang
gehungert, gehungert, gehungert, "doch kein
Gramm abgenommen." Heute weiß sie, dass sie vieles falsch gemacht hat. Etwa die Sache mit dem
Süßstoff. "Der gaukelt dem Körper vor, er bekomme
Zucker, und der
Körper schüttet
Insulin aus. Doch solange
Insulin im
Blut ist, kommt es nicht zum
Fettabbau." Falle der
Blutzuckerspiegel plötzlich rapide ab, folge
Heißhunger.
Martina Frauenschläger weiß inzwischen auch, dass zwischen den
Mahlzeiten etwa vier Stunden liegen sollten, damit der
Körper Zeit hat,
Fett abzubauen.
Auch einen
Trinkplan sollten die Teilnehmer aufstellen: "Ich kam auf stolze 4 Liter. Da freut sich eigentlich jeder Arzt", berichtet Marcel Vester. "Allerdings stellte ich schnell fest: 3 Liter bestanden aus kalorienhaltigen Getränken wie Cola."
Vester hat die Kurve noch nicht gekriegt. "Die Bequemlichkeit", räumt er seufzend ein. Immer wieder schiebt er den Zeitpunkt auf, an dem er ernsthaft mit der
Ernährungsumstellung beginnen will. Zwar brutzelt er seine Schnitzel inzwischen ohne fetttriefende Panade und weiß, dass ein Obstsalat eine gute Alternative zum Pudding ist, aber so ganz ist ihm die Ernährungsumstellung noch nicht gelungen.
Noch immer drehen sich seine Gedanken viel zu oft ums
Essen und die nächste
Mahlzeit. "Das ist schon eine Qual. Ich weiß ja, dass ein Schnitzel reichen würde,
esse aber trotzdem manchmal drei davon." Das schlechte Gewissen kriecht den 28-Jährigen schon an, bevor der letzte Bissen verschlungen ist. "Aber es ist so schwer, sich zu steuern. Das Wissen ist da, aber man kann es nicht umsetzen", meint er resigniert.
Marcel Vester will sich daher operieren lassen. Ein
Magenband soll den
Hunger zügeln. Der
Mageneingang wird dabei durch ein verstellbares Band verengt. "Anders als in anderen Ländern wird die
Adipositas-Chirurgie in Deutschland nicht so schnell und oft eingesetzt", bedauert Martina Frauenschläger. Vor einer
Operationen müssten zahlreiche Auflagen erfüllt werden.
Sie selbst hat sich gegen eine
Operation entschieden: "Weil ich persönlich das als
Zwangsmaßnahme empfinde, was meinem freien Willen widerspricht."
Sie will es aus eigener Kraft schaffen. Sie hat es satt, an der Kasse dumm angeschaut zu werden, wenn sie mal Süßigkeiten für ihren Mann kauft. "Ich weiß doch, was die Leute denken: Muss die
Dicke denn das auch noch ins sich reinstopfen?"
Im Restaurant werde sie immer von den Nachbartischen beäugt, was sie denn so vertilge. "Als ob wir
Dicken kein Recht mehr hätten, überhaupt noch etwas zu
essen."
Übergewichtige würden ständig beobachtet und bewertet.
Martina hat die ersten Hürden genommen. Beim Sport mit anderen
Übergewichtigen hat sie an Kondition zugelegt. Auch wenn es anfangs schwer war. "Stellen Sie sich doch mal vor, Sie müssten Sport treiben mit zwei Wasserkästen auf den Schultern und je einem in den Händen." So nämlich fühle sich ein
Dicker beim Fitness-Training. Doch in der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten geht vieles leichter. "Wenn man mit anderen
Dicken unterwegs ist, stören einen auch nicht mehr die blöden Blicke."
Martina Frauenschläger hält es mit Laotse: "Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt", sagt sie.
Mittwoch, 21.02.2007
Quelle :
www.newsclick.de