"Noch 25 Liegestütze, dann siehst du aus wie Schwarzenegger"
Von Barbara Hans
Hänseleien in der Schule,
Schamgefühle im Schwimmbad,
Depressionen beim Kleiderkauf: Deutschlands Kinder werden immer
dicker. Schuld sind Bequemlichkeit, Frust, überforderte Eltern - die Kleinen kommen in
Therapie, denn mit ein paar Tricks und Überwindung ist
Abnehmen gar nicht so
schwer.
Hamburg - Einmal hat Arian einen Brief geschrieben, weil er sich so geärgert hat. An Stefan Raab. Der hatte in seiner Latenight-Sendung gefordert,
Dicke sollten ein gutes Werk tun und für jedes
Kilo Körpergewicht ein Buch lesen. Eine Frechheit, die nicht so stehen bleiben darf, fand Arian. Auf seinen Brief bekam er eine persönliche Antwort - die allerdings nicht zu seiner Zufriedenheit ausfiel. Der Redakteur fragte, warum Arian denn mit seinen zwölf Jahren zu so später Stunde noch fernsehe.
Seither ist sich der Junge sicher: Dicke werden diskriminiert. Überall. Zum Beispiel auch in der Comedy-Serie "Drake und Josh". Da ist Drake zwar kein besonders guter Schüler, aber trotzdem ungemein beliebt - und vor allem
schlank. Josh, der
dickere der beiden, ist weitaus weniger erfolgreich.
Mit 15 Mädchen und Jungen nimmt Arian im Hamburger Stadtteil Wandsbek an einem Gesundheitsprogramm für
übergewichtige Kinder und Jugendliche teil. Name: "
Moby Dick". Logo des inzwischen deutschlandweiten Netzwerks ist ein kleiner blauer Wal mit süßem Blick. Trotzdem, der Name des Programms habe sie zunächst abgeschreckt, sagt ein Mädchen aus der Gruppe, das seinen Namen lieber für sich behalten möchte. Vor allem die Jugendlichen schämen sich, wenn Eltern,
Kinderärzte oder Lehrer sie zu dem
Gesundheitsprogramm schicken.
Schlimmer als der eigene Körper sind die Blicke der anderen
Und sie
schämen sich bei jedem Besuch im Schwimmbad. "Baden gehe ich nicht gerne", sagt eine 15-Jährige. Die abschätzigen Blicke der anderen Leute. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen
Körper im Bikini oder Badeanzug. Während das Mädchen darüber spricht, schaut es immer wieder zu Boden. Beim Kleiderkaufen, sagt sie, sei sie manchmal deprimiert, wenn wieder nichts richtig passe.
Alle Kinder und Jugendlichen hier haben ihre eigenen Geschichten von der Ausgrenzung wegen
Übergewichts zu erzählen: Man wird beim Sport als letzter in eine Gruppe gewählt. Man kann nicht so schnell laufen wie die anderen. Man wird per se für dumm gehalten.
Darum lassen es die Betreuer bei "
Moby Dick" beim Sport langsam angehen. In dieser Woche wird in einem Wäldchen gewalkt, und jeder kommt mit. Dies ist kein Sportunterricht. Hier geht es nicht darum, der oder die Schnellste zu sein, die anderen abzuhängen. Ein älteres Mädchen, das seit einem halben Jahr dabei ist, joggt die Runde. Die Kleineren trotten hinterher. "Mir ist wichtig, dass sie sich überhaupt bewegen und lernen, dass ihnen das gut tut", sagt Betreuer Frank Pleschke.
"Kann ich nicht" - diese Ausrede zählt nicht, auch nicht beim späteren Training in der Halle. Wer zetert und sich extra blöd anstellt in der Hoffnung, die Übung würde an ihm vorüberziehen, dem erklärt Pleschke, wieso die Übung wichtig ist und wie man sie richtig macht. "Und wenn Du das jetzt noch 25 Mal machst, dann siehst du aus wie Arnold Schwarzenegger", sagt er zu einem Jungen. Der hat Mühe, einen Liegestütz zu machen.
"Nur die Vermittlung von Wissen reicht nicht aus"
"Die Ursachen für das
Übergewicht liegen in zu wenig
Bewegung und zu
fettem Essen - aber auch im Bereich der
Psychologie", sagt Stefan Frädrich, Arzt und Motivationstrainer. Er arbeitet in der ProSieben-Serie "Besser essen - Leben leicht gemacht" mit dicken Kindern und ihren Familien. Eine
Therapie muss deshalb verschiedene Komponenten umfassen. Der Kinderarzt Thomas Reinehr, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter der Deutschen
Adipositas-Gesellschaft: "Sie muss langfristig angelegt sein und sollte die Bereiche
Ernährungs-, Verhaltens-, Bewegungs- und
Elterntherapie umfassen. Die Vermittlung von Wissen alleine reicht nicht aus."
Bei "
Moby Dick" ist das wöchentliche Sportprogramm an Lehrsitzungen gekoppelt. Diese sollen Wissen über gesundes Essen vermitteln und durch
Verhaltenstherapie das
Essverhalten verändern. Die Kinder bekommen konkrete Tipps: Wie gehe ich mit Hänseleien besser um? Wie stärke ich mein
Selbstvertrauen?
Eltern werden an Informationsabenden und -nachmittagen eingebunden. Die Mütter und Väter sind wichtig: "Ohne die Eltern können wir überhaupt nichts erreichen, das haben Studien gezeigt", sagt Reinehr. Schließlich sind sie es, die einkaufen, kochen oder ihre Kinder zum Leeressen des Tellers auffordern.
Wie groß das Problem der
übergewichtigen Kinder inzwischen ist, zeigt die aktuelle "Studie zur
Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland" (KiGGS). Ihr zufolge ist eines von sechs Kindern (beziehungsweise Jugendlichen) in Deutschland übergewichtig. 6,3 Prozent sind
adipös, leiden unter übermäßiger Ansammlung von
Fettgewebe im Körper. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der adipösen Jugendlichen verdoppelt. Besonders beängstigend sei, "dass die
Übergewichtigen immer
dicker" würden, sagt Experte Reinehr.
Übergewicht und
Adipositas werden anhand des sogenannten
Body-Mass-Index berechnet. Er legt in Abhängigkeit von Alter und Geschlecht fest, ob jemand als
übergewichtig oder
adipös gilt.
Immer weniger Bewegung, immer mehr Gewicht
Ist der Speck erst auf den Rippen, verzweifeln viele. "Die Jugendlichen glauben: Ich bin
dick, ich bleibe
dick, ich kann gar nichts ändern. Und dann ändern sie nichts, bleiben dick und fühlen sich bestätigt", sagt Motivationstrainer Frädrich. Starkes
Übergewicht liege häufig an Gewohnheit und Bequemlichkeit.
Von
Fitnesswahn könne keine Rede sein, im Gegenteil: Immer weniger Kinder machen dem Experten zufolge Sport. Vor 20 Jahren sei Sport in Familien noch an der Tagesordnung gewesen. Heute dagegen "flüchten immer mehr Jugendliche in eine virtuelle Realität. Studien deuten darauf hin, dass Kinder mehr Zeit vor dem Fernseher oder Computer als in der Schule verbringen".
Frädrich macht Wertewandel und Wissensmängel verantwortlich für das Problem: "
Gesunde Ernährung hat seinen Stellenwert eingebüßt. Alles muss schnell gehen. Das
Essen soll schnell auf den Tisch, es soll schnell und leicht konsumierbar sein und möglichst billig." Viele Eltern handeln dem Experten zufolge falsch - wenn auch womöglich aus guter Absicht. Am Ende seien sie dankbar für Tipps, wie man gesund und
fettarm kocht. Frädrich will das "Problembewusstsein schärfen und gleichzeitig Lösungen aufzeigen".
Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen ist keineswegs nur ein ästhetisches Problem - sondern auch ein
gesundheitliches. Etwa ein Drittel der Betroffenen leiden unter
Bluthochdruck. Und das Risiko, an
Alterdiabetes zu erkranken, (
Typ-2-Diabetes), steigt mit dem
Gewicht. Frädrich: "Wenn wir nichts unternehmen, kommt da ein großes Problem auf uns zu."
Die Experten sind sich einig: Wenn die Kinder und Jugendlichen erst mal willens sind, etwas zu verändern, dann schaffen sie es auch. Kinder haben gute Chancen, ihr Gewicht zu reduzieren, wenn sie erst einmal Hilfe in Anspruch nehmen. "Wenn man ihnen einmal einen Weg aufgezeigt hat und sie motiviert sind, dann funktioniert das auch", sagt Frädrich.
"Das Problem sind diejenigen, die wir nicht erreichen"
Reinehr hat die gleiche Erfahrung gemacht, beim "Obeldicks"-Programm der Vestischen Kinder- und Jugendklinik der Universität Witten/Herdecke. Von den Kindern, die den Motivationstest zur Aufnahme ins Abnehm-Programm bestehen, schließen 79 Prozent erfolgreich ab.
"Unser größeres Problem sind jene, die wir über das Programm nicht erreichen. Die hätten die Hilfe am nötigsten", sagt der Kinderarzt. "Krankhaftes Übergewicht ist ein Schichtproblem. Zwar kommt Adipositas in allen Schichten vor - aber nicht in allen gleich häufig." Vor allem Kinder von Migranten erreiche man noch zu wenig. Es mangle an Problembewusstsein, zumal das Thema kulturelle Fragen berühre. "In manchen Kulturen gelten übergewichtige Menschen als besonders schön. Und wenn Übergewichtige als schön gelten, wie will man dann jemanden zum Abnehmen bewegen?"
Dabei kann Abnehmen sogar Spaß machen. Zum Beispiel den 15 Jungen und Mädchen der "Moby Dick"-Gruppe. Die Treffen seien lustig, sagen sie, man verstehe sich gut. Und man fühle sich in der Gruppe nicht so allein.
Dass der sichtbare Erfolg bei einigen auf sich warten lässt - das nehmen Arian und die anderen nicht so schwer.
Quelle :
www.spiegel.de