Deutsche sind die dicksten Europäer
Ein Spitzenplatz für Deutschland: Zwei Drittel der Erwachsenen gelten als
übergewichtig oder sogar
fettleibig. Bewegungsfaulheit und Bierkonsum sind schuld daran. Nun droht eine
Diabeteswelle und Experten fordern Politiker zum Handeln auf.
Drei Viertel der erwachsenen Männer und mehr als die Hälfte der erwachsenen Frauen in Deutschland sind
übergewichtig oder
fettleibig. Damit gibt es in Deutschland mehr Menschen mit überhöhtem
Körpergewicht als in jedem anderen Land Europas, wie eine Studie der International Association for the Study of Obesity (IASO) belegt, die am Sonntag veröffentlicht werden soll.
In den vergangenen Jahren hatten Tschechien, Zypern und Großbritannien die Spitze der Rangliste eingenommen. Im globalen Vergleich liegt Deutschland nun mit den USA gleichauf. ,,Die
Fettleibigkeit ist zu einer weltweiten
Epidemie geworden und hat einen kritischen Punkt erreicht‘‘, warnt Vojtech Hainer, Präsident der europäischen Sektion der IASO: ,,Deutschland muss mit einer großen Belastung des
Gesundheitssystems rechnen.‘‘
Die Organisation wertet die Angaben aller EU-Mitgliedsstaaten aus, im Falle Deutschlands wurden der
Gesundheitsbericht des Bundesgesundheitsministeriums, der telefonische Bundes-Gesundheitssurvey und der Bertelsmann-
Gesundheitsmonitor herangezogen.
Demnach liegen die Deutschen beim
Übergewicht mit beiden Geschlechtern auf Platz Eins der Europa-Rangliste: 52,9 Prozent der Männer und 35,6 Prozent der Frauen gelten nach den Standards der
Weltgesundheitsorganisation WHO als
übergewichtig.
Adipös, also
krankhaft fettleibig, sind weitere 22,5 Prozent der Männer und 23,3 Prozent der Frauen.
Bierkonsum spielt eine Rolle
In dieser Kategorie liegen die deutschen Frauen auf Platz Vier, die Männer auf Platz Sechs; den Spitzenplatz nehmen Männer aus Zypern und Frauen aus Tschechien ein. Kombiniert man beide Kategorien, gelten 75,4 Prozent der deutschen Männer und 58,9 Prozent der Frauen als
übergewichtig oder
adipös - mehr als zwei Drittel der erwachsenen Deutschen. Ein 1,80 Meter großer Mensch ist ab einem
Gewicht von
81Kilogramm übergewichtig und ab 97,2
Kilogramm adipös.
Für Francesco Branca, Berater für
Ernährung bei der WHO, sind die Zahlen nicht überraschend: ,,
Übergewicht und
Adipositas entstehen, wenn mit der
Nahrung mehr
Energie aufgenommen wird, als durch
körperliche Aktivität verbrannt wird. Die Deutschen decken ihren
Energiebedarf zu 35 Prozent mit
Fett, die Empfehlung liegt bei höchstens 30 Prozent.‘‘
Zudem bewegten sich 60 Prozent der Bevölkerung nicht ausreichend.
Übergewicht sei auch eine Frage der gesellschaftlichen Stellung: Angehörige niedriger Einkommens- und Bildungsklassen seien überdurchschnittlich betroffen, so Branca. Laut Berthold Koletzko,
Ernährungsmediziner an der Universität München, spielt auch der
Bierkonsum eine Rolle: ,,Deutsche und Tschechen sind die fleißigsten
Biertrinker. Gleichzeitig führen sie die
Übergewicht-Statistik an.‘‘
Bier biete zusätzliche
Kalorien, die nicht sättigen - das trage zur Entstehung von
Übergewicht bei. Für die WHO zählen
Übergewicht und
Adipositas zu den Hauptrisikofaktoren für die Entstehung von
Zivilisationskrankheiten: Überflüssige
Pfunde können zu
Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall und mehreren Formen von
Krebs führen. Schon heute ist die
Fettleibigkeit in Europa für eine Million
Todesfälle pro Jahr verantwortlich.
Eine Diabeteswelle droht
Adipositas wirkt sich damit bereits erheblich auf die wirtschaftliche Entwicklung aus: Die durch
Übergewicht verursachten Erkrankungen haben im vergangenen Jahr sechs Prozent der Ausgaben der
europäischen Gesundheitssysteme verursacht - in Deutschland waren es (je nach Schätzung) zwischen zehn und zwanzig Milliarden Euro. ,,Die durch
Fettleibigkeit verursachten Kosten belasten das Bruttoinlandsprodukt vieler Staaten bereits mit einem Prozentpunkt - das kommt nahe an die Folgekosten des
Rauchens heran‘‘, sagt Branca.
Und dies sei erst der Anfang, ergänzt Koletzko: ,,Eine
Diabetes-Welle, die durch
Fettleibigkeit verursacht wird, rollt auf uns zu und wird das
Gesundheitssystem weiter unter Druck bringen.‘‘ Die WHO fordert die Politik daher auf, rasch zu handeln: Die Bewerbung von
fetten und stark zuckerhaltigen
Nahrungsmitteln soll beschränkt und
Bewegungsangebote für alle bezahlbar werden. ,,Entschlossenheit auf höchster politischer Ebene ist gefragt‘‘, sagt Branca: ,,Nur dann ist die
Adipositas-Epidemie umkehrbar.‘‘
Quelle :
www.sueddeutsche.de