Mit Wissen Kinder-Pfunden auf den Leib rücken
Ernährung als Schulstoff - von Znüni-Schnitten und Mensa-Essen
Jedes fünfte Kind sei hierzulande
übergewichtig, sagen Experten. Die Politiker gelüstet es ob diesen Zahlen nach Verboten, derweil die Pädagogen ihre Eleven mit Aufklärung auf den Pfad der gesunden
Ernährung zu bringen versuchen.
Jamie Oliver, der leicht aufgedunsene Koch- Darling mit dem geölten Mundwerk, war konsterniert. Dabei wollte der Fernsehkoch nur das Beste für Englands Schülerschaft. Er intervenierte auf ministerialer Ebene für eine Verbesserung der Schulverpflegung und versuchte sich selbst als Mensakoch. Doch erzürnte «mummies» ereiferten sich ob der Einmischung in die kulinarische
Erziehung ihrer Sprösslinge. «Die Schüler wollen den überteuerten,
fettarmen Mist nicht
essen», liess sich die «Rädelsführerin» dieses Brokkoli- Boykotts in englischen Medien zitieren. Ihren Tiraden liessen die Mütter Taten folgen und lieferten ihren Kindern die Hamburger und Fritten mittags ans Schultor.
Verbot von Süssgetränke-Automaten
Ob derlei elterlicher Renitenz kann Hans Georg Signer nur lächeln. Dem Leiter des Ressorts Schule im Erziehungsdepartement des Kantons Basel-Stadt sind keine derartigen Reaktionen bekannt, obschon auch im Stadtkanton die Schule in die elterliche
Ernährungserziehung eingreift. In Kindergärten und Primarschulen lehren die Lehrpersonen die Kinder, was ein gesunder Znüni ist. Mit den Eltern werde vereinbart, dass das Kind keine zuckerhaltigen,
fettreichen Ess- und Trinkwaren von zu Hause mitbringt. Richtige
Ernährung müsse Volksschulstoff sein, da vielen Eltern diesbezüglich elementares Wissen fehle, erklärt Signer. Vor allem Erziehungsberechtigte aus sozial schwächeren Schichten wüssten nicht, welches
Essen für ihr Kind gut sei. Eine Querschnittbefragung des Schulärztlichen Dienstes Basel-Stadt zeigt denn auch, dass der Anteil
Übergewichtiger unter ausländischen Kindern und Jugendlichen rund doppelt so hoch ist wie unter schweizerischen. Laut der Schweizerischen Gesellschaft für
Ernährung wurde die Effektivität solcher Programme bisher jedoch kaum überprüft, weshalb sich keine stichhaltigen Aussagen über die nachhaltige Wirkung machen liessen.
In die Schlagzeilen geriet Signer jüngst mit einem angeblichen Cola-Verbot auf Basler Schulgeländen. Im Gespräch stellt er richtig, dass es sich nicht um ein Süssgetränk-Verbot handle - «wir stellen keine Polizisten an die Schuleingänge, die in den Taschen nach Cola-Büchsen suchen» -, sondern um ein «Angebots-Verbot». Will heissen: Innert zwei Jahren sollen baselstädtische Schulen bzw. Mensen
Süssgetränke durch «attraktive und gesunde Angebote» ersetzen. Laut Signer geht es dem Kanton dabei um die «Kohärenz der Glaubwürdigkeit über alle Stufen». Man könne nicht im Kindergarten und in der Primarschule auf gesunde Pausenverpflegung pochen und gleichzeitig mit dem Verkauf von Cola Geld machen.
Ein Verbot von
Süssgetränke-Automaten an Schulen ist auch im Kanton Luzern in Planung, ein diesbezügliches Postulat von Josef Roos (svp.) wurde vom Grossrat für erheblich erklärt. Zudem war es der Luzerner
Gesundheitsdirektor Markus Dürr (cvp.), der im vergangenen Herbst mit seiner Forderung nach einem Autofahrverbot rund um die Schulhäuser für einigen Wirbel sorgte. Rückblickend hält
Dürr fest, dass seine damalige «Provokation» ein Erfolg war: Das Thema «
dicke Kinder» sei zum politischen Thema geworden. Auf Nachfrage bekräftigt der
Gesundheitsdirektor auch seine Forderung nach staatlicher Einmischung in die
Gesundheitserziehung und nach Verboten: Solange der Staat die durch falsche
Ernährung und mangelnde
Bewegung entstandenen
Gesundheitskosten zahlen müsse, dürfe er auch intervenieren. Die Umsetzung der einzelnen Massnahmen sei allerdings schwierig. Beispielsweise scheiterte die Idee eines obligatorischen Frühturnens mit den Schülern (vorerst) an der Starrheit der Lehrpläne.
Gesunde Menus kein Grosserfolg
Skeptisch gegenüber von oben verordneten Verboten und deren Wirkung ist man beim Schweizerischen Netzwerk
Gesundheitsfördernder Schulen (SNGS), welches Schulen bei der Integration von
gesundheitsrelevanten Fragen auf allen Ebenen des Schulgeschehens unterstützt. Das Entfernen von
Süssgetränken und -waren aus den Automaten sollte idealerweise Resultat eines Prozesses sein, an welchem die ganze Schule beteiligt ist, erklärt Programmleiterin Barbara Zumstein. Dasselbe gelte für die Einführung von «gesunden» Pausenkiosken oder für das Aufstellen von Hahnenburger-Trinkbrunnen. Selbstbeschlossene Massnahmen zur Förderung eines
gesunden Körpergewichts würden von der Schüler- und Lehrerschaft eher mitgetragen. Das Bundesamt für
Gesundheit (BAG) taxiert seinerseits Verbote oder die Besteuerung von «
ernährungsphysiologisch ungünstig zusammengesetzten
Lebensmitteln» als eine «politisch umstrittene Massnahme zur Bekämpfung der
Adipositas-Epidemie». Da gemäss einem Report der Weltgesundheitsorganisation (WHO) speziell bei Kindern zuckerhaltige
Getränke einen Einfluss auf die
Fettleibigkeitsrate zu haben scheinen, seien Massnahmen im Schulbereich aber ein «sinnvoller Beitrag zur Verminderung von
Übergewicht und Adipositas».
Neben
Süssgetränken und Znünis stehen auch die Mittagsmenus in den Schulkantinen in der Kritik, was Mensabetreiber wie SV Schweiz dazu veranlasste, ausgewogene Menus für die Schülerkundschaft zu entwickeln - quasi als Pendant zu den bewährten kalorienarmen Menus in den Personalrestaurants. Man habe nach gesundem Fast Food gesucht, das nicht zu weit vom Durchschnittsgeschmack der Kundschaft entfernt sei, erklärt die SV-Schweiz-Pressesprecherin Silvia Schnidrig. Der Erfolg bei der Schülerschaft ist jedoch bescheiden: die «fit@school»-Gerichte machen lediglich 10 Prozent aller verkauften Menus aus; in den Personalrestaurants liegt der Anteil
kalorienreduzierter Gerichte bei rund 15 Prozent. Die Topseller in sämtlichen Mensen und Kantinen bleiben Pommes frites und Schnitzel.
Erziehung und Fast-Food-Bannmeilen
Allen bisher getroffenen
gesundheitspräventiven Massnahmen zum Trotz scheint
ungesundes Essen also weiterhin den Massengeschmack zu treffen. Deshalb wurden bereits Stimmen laut, die zusätzliche gesetzliche Regulierungen forderten. Diese reichen vom Verbot von Nahrungsmittelwerbung, die auf die Gruppe der Minderjährigen zielt, über die Erhebung von Gesundheitstaxen auf Spielsachen, welche die körperliche Aktivität beeinträchtigen, bis hin zur Regulierung des Essensangebots in der Umgebung von Schulen. Das BAG hält indessen fest, dass für den Bund das «selbstverantwortungsvolle Handeln des informierten Konsumenten» im Vordergrund stehe. Erfahrungen aus Finnland zeigten jedoch, dass eine Kombination von Aktionen auf kommunaler Ebene, nationalen Kampagnen und «gezielten gesetzlichen Vorschriften» die
Ernährungsgewohnheiten verändern und die
Volksgesundheit nachhaltig verbessern können.
Quelle :
www.nzz.ch