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Alt 27.05.2007, 02:00
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Standard WAS KOSTET ÜBERGEWICHT?

Der Preis des Überflusses: 1,37 Mrd. Euro

25.05.2007 | 18:32 | ULRIKE WEISER (Die Presse)

WAS KOSTET ÜBERGEWICHT? Zu dick sein ist teuer für die Allgemeinheit – und für den Einzelnen. Vor allem weil es meistens sozial Schwache trifft.


Kosten Chips und Schokolade zu wenig? Ist es heutzutage zu leicht und billig, dick zu werden? Dieser Frage geht derzeit die Diskussion rund um die „Fettsteuer“ (siehe unten) nach. Eine andere Frage muss man gar nicht stellen: Dass es teuer ist, zu dick zu sein, das weiß man. Und auch, dass es immer teurer wird.
Zwischen 228 und 1138 Mio. Euro (0,1 bis 0,5 Prozent des BIP) werden für die Behandlung von Adipositas, sprich Fettsucht (siehe Kasten), ausgegeben. Die Schwankungsbreite sei hoch, weil die Kosten nicht direkt ermittelt werden konnten, sondern mit Hilfe internationaler Studien geschätzt werden mussten, sagt Anita Rieder, Sozialmedizinerin und Co-Autorin des österreichischen Adipositasberichts 2006. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte: Demnach betragen die direkten Kosten (Spitalaufenthalt, Medikamente, aber auch eigenfinanzierte Therapien) 683 Mio. Euro. Rechnet man die indirekten Kosten (durch Frühpension, Arbeitsunfähigkeit etc.) dazu, verdoppelt sich die Summe. Unterm Strich stehen damit 1,37 Mrd. Euro – der (schwer in Zahlen zu fassenden) Wert für verminderte Lebensqualität nicht eingerechnet.

Die Auswirkungen der Adipositas sind schwer einzugrenzen. Fettsucht wird selten (1,2 Prozent) als Hauptdiagnose gestellt. Der Rest entfällt auf Folgeerkrankungen, 18 listete ein Schweizer Studie auf. Die bekanntesten sind Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, es gibt aber auch Zusammenhänge mit Krebs und Depressionen. Nicht nur deshalb sehen Experten den Vergleich mit den Rauchern (sie verursachen den Krankenkassen 2Mrd. Euro Folgekosten) nicht gern. „Man soll niemanden gegeneinander ausspielen“, sagt Rieder. Dass Fettsucht neben Alkoholismus und Rauchen zu „unseren großen Krankheiten“ gehört, wie Michael Kunze, Vorstand des Instituts für Sozialmedizin an der Universität Wien formuliert, steht aber außer Zweifel.

Pro Jahr ein Prozent mehr

Ebenso, dass das Problem wächst: Die Zahl der Übergewichtigen nimmt, sofern nichts Wirksames unternommen wird, jedes Jahr um ein Prozent zu, sagt Kunze. Am stärksten legen die Jungen zu. Derzeit gilt in Österreich jeder Zweite als übergewichtig (siehe Kasten), elf bis siebzehn Prozent als fettsüchtig. Hält der Trend an, könnten bald amerikanische Verhältnisse herrschen. Mancherorts – etwa in der bäuerlichen Bevölkerung im Burgenland – ist es schon soweit: Bis zu 24 Prozent sind fettsüchtig. In den USA verschlingt die Behandlung der Adipositas sieben Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben, in Europa sind es ein bis fünf Prozent.

Das ist zwar viel, anderseits wäre auch viel einzusparen: Könnte man die Zahl der Übergewichtigen um nur ein Prozent verringern, würden, sagt Rieder, 3,3 Prozent der gesamten Gesundheitskosten (von etwa 23 Mrd. €) wegfallen. Was zeigt, wie wichtig Prävention und Bewusstseinsbildung sind, aber auch zu Ideen wie der Fettsteuer verlockt bzw., genereller formuliert, einen höheren Mehrwertsteuersatz auf ungesunde Lebensmittel und/oder einen niedrigeren auf gesunde attraktiv erscheinen lässt. Tatsächlich ist ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung eher teuer. „Was Sie mir empfehlen, das kann ich mir nicht leisten“ ist ein Satz den Bernhard Ludvik oft hört.

Der Leiter der Diabetes- und Stoffwechsel-Klinik am AKH hat sich den Spaß gemacht, und den Preis pro Kilokalorie von „guten“ und „schlechten“ Supermarkt-Jausen ausgerechnet: Erstere kostet einen Cent pro Kilokalorie, zweitere 0,3 Cent. Ein Mini-Experiment, das schwer wiegt, wenn man bedenkt, dass es als bewiesen gilt, dass Menschen mit geringem Einkommen und geringer Bildung signifikant stärker unter Übergewicht leiden.

Schlankheitsmittel boomen

Inwiefern und in welcher Form eine Preispolitik (die Ideen reichen von der Aufhebung der Mehrwertsteuer für Obst und Gemüse bis zur selektiven Verteuerung von Junk Food) den Betroffenen helfen würde, darüber sind sich die Mediziner uneins („Die Presse“ berichtete). Auch ökonomisch sind die Folgen ungewiss: „Es kommt darauf an, wodurch das Verteuerte ersetzt wird“, erklärt Marion Rauner, Gesundheitsökonomin an der Uni Wien. Denn wer sagt, dass Geld, das durch verbilligtes Gemüse eingespart wird, in der Haushaltskasse nicht die nun teureren Chips subventioniert? Auf privatwirtschaftlicher Ebene versucht man bereits jetzt über Sonderangebote kombiniert mit Information zu gesünderem Konsum anzuregen. Rieder betreut ein Supermarkt-Projekt und verspricht sich gute Erfolge.

Aber billige Wurst hin und teurer Fisch her: Viel zahlen müssen Übergewichtige so und so. Im Jahr 2005 wurden in den heimischen Apotheken über zwei Mio. Euro mit rezeptflichtigen (aber nicht erstattungsfähigen) und zehn Mio. Euro mit nicht-rezeptpflichtigen Schlankheitsmitteln umgesetzt. Was aus dem Einzelhandel und Direktvertrieb dazu zu rechnen ist, wagt Rieder nicht zu schätzen. Nur soviel: „Es boomt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2007)

Quelle : www.diepresse.com
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