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Alt 01.06.2007, 20:01
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Standard Ursachen: Vorgelebter Lebensstil

Ursachen: Vorgelebter Lebensstil

Die Ursache für die ständig wachsende Zahl übergewichtiger Kinder ist nicht, dass die Kleinen sich heute weniger beherrschen können als früher, berichtet Adipositasexperte Martin Wabitsch. Aber ihre Lebenswelt hat sich im Vergleich zu den vorhergehenden Generationen sehr stark geändert. Familien können sich dem kaum entziehen. Martin Wabitsch fordert deshalb, dass ein Ruck durch die ganze Gesellschaft gehen müsse, damit sich die Lebenswelt für Kinder ändert. Dazu gehören zum Beispiel mehr Spiel- und Sportangebote für Kinder, gesündere Lebensmittel und ausgewogene Ernährung in den Schulen und Kitas. Psychodiabetologin Andrea Benecke könnte sich Gesundheit als Schulfach durchaus vorstellen. Wichtig wäre auch, dass ein ungesunder Lebensstil in Medien und Werbung weniger suggeriert würde. Während sich die erstgenannten Maßnahmen wenigstens teilweise realisieren lassen – momentan läuft zum Beispiel ein großes Präventionsprogramm der Bundesregierung gegen Übergewicht von Kindern „Besser essen. Mehr bewegen. Kinderleicht“, an dem Schulen, Kitas und andere Einrichtungen teilnehmen – kann man bei den Medien nur an das Verantwortungsgefühl der Entscheider appellieren.
Die Macht der Gene

Das Risiko für Übergewicht beginnt bereits vor der Geburt: Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder eine um 50 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit haben, dick zu werden, wenn ihre Mütter in der Schwangerschaft rauchten (University of Queensland). Auch die Gene spielen eine Rolle. Tatsächlich scheint es ein „Dick-Gen“ zu geben. Ist es verändert, wird dem Körper ein Mangel des Sattmacher-Hormons Leptin vorgegaukelt, und der Appetit steigt rasant an, der Energieverbrauch sinkt jedoch. Die Folge: Gewichtszunahme. Leptin informiert den Stoffwechsel darüber, wie viel Fett der Organismus enthält – ist der Leptinspiegel niedrig, signalisiert das „zu wenig Fett, also Energie zuführen, bitte essen“. Ist er hoch, nimmt der Appetit ab. „Allerdings ist eine Genveränderung des Leptins bei Menschen extrem selten“, winkt Adipositasexperte Martin Wabitsch ab. Ausschlaggebend sei vielmehr die genetische Veranlagung also das Zusammenspiel von mehreren ererbten Faktoren. Wenn diese stark ausgeprägt sind, können der Wille und das Verhalten nur wenig gegen die Neigung zum Zunehmen ausrichten.
Bis zur Pubertät sind Eltern Vorbilder

Die Reaktionskette, an deren Ende Übergewicht steht, erklärt Martin Wabitsch so: „Genetische Veranlagung, plus Stoffwechseleinflüsse aus den letzten Schwangerschaftsmonaten und danach lernen von den Eltern.“ Die Eltern sind, was den Lebensstil betrifft, vor allem bis zur Pubertät das große Vorbild. Sind sie eher Bewegungsmuffel und starke Esser, ahmt das der Nachwuchs unwillkürlich nach. „Jugendliche orientieren sich dann mehr am gleichaltrigen Bekannten- und Freundeskreis, aber auch an den Medien“, berichtet Psychodiabetologin Andrea Benecke.
Die unteren Schichten erreichen

Dabei scheint Übergewicht für Kinder und Erwachsene ein sozial-gesellschaftliches Problem zu sein. Angehörige der oberen Schichten ernähren sich gesünder und bewegen sich mehr im Vergleich zu denen aus sozial schwächeren Schichten. Einige Untersuchungen, etwa die Kieler Adipositas-Präventionsstudie (KOPS), zeigen, dass die sozioökonomische Struktur der Familie ausschlaggebend dafür ist, ob Abnehmprogramme greifen oder nicht. Hier müsste man gezielt ansetzen und die unteren Schichten erreichen. „Dazu müssten sich Berater, ähnlich wie Streetworker, in die sozialen Brennpunkte begeben, dort Kontakt in den Kommunikationszentren aufnehmen, das Problem Übergewicht kenntlich machen und die Familien dabei unterstützen, den Lebensstil umzustellen“, erklärt Andrea Benecke. Doch dafür fehlt es an den Mitteln.
Fernsehen macht dreifach dick

Weiterer Risikofaktor für Übergewicht ist Fernsehen. Stunden vor dem TV-Gerät machen erwiesenermaßen dick. „Die Zeit, die man mit Fernsehen verbringt, steht in direktem Zusammenhang mit dem Aufbau von Übergewicht“, warnt Martin Wabitsch. Ursache ist einmal, dass sich die Kinder in dieser Zeit ruhig halten und nicht herumtollen und damit Energie verbrauchen. TV-Genuss macht aber auch darüber hinaus noch zusätzlich dick: Spannende Filme und interaktive Spiele lassen den Cortisol-Spiegel in die Höhe schnellen. Senken lässt er sich vor allem durch Bewegung. Ist er allerdings auf Dauer erhöht, führt das zu Übergewicht. Eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit den Medien spielt auch die Werbung, der vor allem kleinere Kinder noch völlig wehrlos gegenüberstehen. Oft können sie noch nicht Werbung und Programm unterscheiden und lassen sich schnell von dem Gesehenen prägen. Andrea Benecke zieht den Vergleich: „Das kennt man aus eigener Erfahrung – man sieht in der Werbung leckere Chips oder feine Schokolade, und plötzlich fällt einem ein, dass man so etwas ja noch vorrätig hätte …“
Appetitfaktor Zusatzstoffe

Nicht zuletzt mitverantwortlich für die Übergewichtsmisere ist das Überangebot an Snacks, Fast Food, Süßigkeiten und Getränken, die überall und zu jeder Tageszeit verfügbar sind, immer öfter sogar in XXL-Größen. Riskant sind dabei auch die Inhaltsstoffe vieler Nahrungsmittel und Getränke, Geschmacksverstärker wie Glutamat, aber auch Zucker und Vanillin. Diese Substanzen regen den Appetit an und führen zu Heißhungerattacken. Denn der Körper schüttet kurzfristig viel Insulin aus. Das senkt den Blutzuckerspiegel, und Hunger meldet sich. Auch Süßstoffe geraten immer wieder unter diesen Verdacht. Doch anscheinend reagieren nur manche Menschen sensibel auf den künstlichen Zucker. Psychodiabetologin Andrea Benecke empfiehlt deshalb: „Man muss es einfach ausprobieren, ob man auf Süßstoffe mit Appetitsteigerung reagiert und falls das der Fall ist, auf sie verzichten.“

Krankheiten wie etwa eine Schilddrüsenunterfunktion oder bestimmte Tumoren sind dagegen äußerst selten die Ursache für Übergewicht im Kindesalter. Adipositas-Experte Martin Wabitsch: „Die Quote liegt unter einem Prozent – trotzdem sollte der Arzt bei einem übergewichtigen Kind auch immer an diese Möglichkeit denken.“

Quelle : www.focus.de
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