Experten prophezeien einen „grauen Tsunami“ in Österreich
WIEN (pp). Das jetzige
Gesundheitssystem sei nicht fit für die Zukunft. Zu diesem Schluss kommt das Beratungsunternehmen Booz Allen Hamilton in Wien. „Der graue Tsunami stürmt auch auf Österreich zu“, warnt Martin Siess, Projektleiter des Unternehmens. Bis 2050 werde der Anteil der über 60-Jährigen in Österreich auf 40 Prozent steigen, von diesen wären dann über 14 Prozent über 80 Jahre alt. „Die Kosten der Langzeitpflege sind aber nicht der kritischste Faktor, der unser
Gesundheitssystem künftig belasten wird“, sagt Berater Gerhard Plaschka.
Neue Volkskrankheiten
„Unser Zeitalter wird das Zeitalter der
Volkskrankheiten neuer Dimensionen. Die
Fettleibigkeit ist nicht nur ein amerikanisches Problem“, so Plaschka.
Fettleibige würden das Gesundheitssystem künftig noch mehr belasten, denn das
Übergewicht habe drastische medizinische Folgen wie
Herzkrankheiten und
Gelenksverschleiß. „Das sind die Hauptgründe für stationäre Aufenthalte.“ 37 Prozent der Österreich gelten als
übergewichtig, neun Prozent als
fettleibig.
Die Experten von Booz Hamilton Wien (die unter anderem Banken und Versicherungen beraten) schlagen deshalb eine Individualisierung des
Gesundheitssystems vor. Der Kunde solle selbst entscheiden, was er bekomme (was vielfältigere Versicherungsmodelle voraussetzen würde, Anm.). Außerdem: „Finanzielle Anreize für Vorsorgeuntersuchungen wären eine der Möglichkeiten, um das
Gesundheitssystem langfristig zu entlasten“, empfiehlt Plaschka.
Er sieht die Zukunft des österreichischen Gesundheitswesens in einer verstärkten Orientierung an Patientenbedürfnissen. „Unser
Gesundheitssystem muss marktwirtschaftlicher gestaltet werden“, fordert auch Geschäftsführer Helmut Maier. Und: „Die Mentalität, aus dem Zwangs-Gesundheitssystem mehr raus zu holen als man einzahlt, ist veraltet.“ Das monopolistische staatliche Umlagesystem in Österreich habe ausgedient, meint man beim Beratungsunternehmen. Er wünscht sich mehr Selbstverantwortung.
Mehr ambulante Behandlungen
Das Beratungsunternehmen plädiert außerdem für eine Verlagerung – weg vom Spitalsbett. Man könnte bis zu 2,3 Milliarden Euro einsparen, wenn man 725.000 Patienten vom stationären auf den ambulanten Bereich verlagert“, rechnet Plaschka vor. Österreich könnte mit solchen Veränderungen eine Vorreiterrolle einnehmen. Doch derzeit liegt die Zahl stationärer Aufnahmen fast 30 Prozent über dem EU-Schnitt. Das Unternehmen erhofft sich nun einen Auftrag der Regierung zur Neustrukturierung des Gesundheitssystems.
Quelle:
www.diepresse.com