Tipps vom Arzt und Anregungen von Gleichgesinnten - dann klappt’s besser mit der Ernährungsumstellung
Von Stefan Käshammer
Ernährungsgewohnheiten zu ändern, fällt bekanntlich schwer. Leider eben auch
Übergewichtigen oder
Patienten mit
Diabetes oder
Herz-Kreislauf-Erkrankungen, denen eine solche
Ernährungsumstellung immer wieder ans
Herz gelegt wird.
Ein Grund dafür, dass es mit den
Diäten meist nicht so gut klappt, ist:
Essen und
Trinken sind stark an das Sozialverhalten und an gesellschaftliche Normen gekoppelt. Kollegen, die das berücksichtigen, können bei
übergewichtigen Patienten viel bewirken. Durch alltagstaugliche
Ernährungstipps und die Überweisung von
Patienten an spezialisierte
Ernährungsberater lassen sich
Patienten zu ersten Schritten motivieren.
Wollen
Patienten abnehmen, so reicht es nicht, wenn die Komponenten einer
hypokalorischen Kost verfügbar, bezahlbar und schmackhaft sind. Eine solche
Diät muss auch sozial akzeptiert sein und sich mit einem vertretbaren Zeitaufwand zubereiten lassen. "Ein
übergewichtiger Fernfahrer etwa wird sich nur ungern an der Autobahnraststätte mit einem Fitness-Salat zu seinen Kollegen setzen", so Professor Alfred Wirth aus Bad Rothenfelde.
Der Kohlenhydratanteil im Essen sinkt, der Fettanteil steigt
Die
Nahrungszusammensetzung habe sich zudem in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert: Nach Daten des britischen National-Food-Survey-Registers habe der
Kohlehydratanteil in der Nahrung 1950 noch über 50 Prozent gelegen. 1990 waren es nur noch 45 Prozent. In der gleichen Zeit sei der
Fettanteil von durchschnittlich 35 auf über 40 Prozent gestiegen, berichtete Wirth beim MedCongress in Baden-Baden.
Die Rate von
Übergewicht und
Adipositas bei Kindern hängt zudem vom Bildungsgrad der Eltern ab, betonte Wirth. In einer Studie mit 6400 Kindern in Ostdeutschland waren
Übergewicht und
Adipositas am seltensten, wenn die Eltern studiert hatten oder immerhin zwölf Jahre mit Schule und Ausbildung verbracht hatten (Int J Obes Relat Metab Disord 27, 2003, 963).
Außerdem wird heute insgesamt mehr gegessen als früher: Die Portionsgrößen in Restaurants, Kantinen und im Lebensmittelhandel sind kontinuierlich größer geworden, sagte Wirth. Das führe unweigerlich dazu, dass die Menschen mehr essen. So haben in einer US-Studie diejenigen Probanden, die große Portionen vorgesetzt bekamen, auch mehr davon gegessen als Probanden, die kleine Portionen erhielten (Am J Clin Nutr 76, 2004, 1207).
Und diese Entwicklung gibt es schon seit Jahrzehnten: "Auf die mageren Nachkriegsjahre folgte die große
Fresswelle. Seitdem hat der durchschnittliche Deutsche einen
Energieüberschuss von mehreren
100 kcal pro Tag", berichtete die
Ernährungswissenschaftlerin Dr. Angela Jordan aus Grebenstein bei einer Veranstaltung in Düsseldorf. Auch in puncto Vielfalt hat sich das Angebot an
Nahrungsmitteln verändert.
In den 50er Jahren gab es in Deutschland etwa 1400 verschiedene
Lebensmittel zu kaufen. Heute sind es über 9000. "Bei dieser Fülle von Produkten geht es nicht mehr darum, satt zu werden.
Essen ist längst zu einem
Lifestyle-Faktor geworden", sagte Jordan.
Patienten, die sich falsch
ernähren, bräuchten deshalb Hilfestellung dabei, sich eine ausreichende und bedarfsgerechte
Nährstoffzufuhr im Alltag anzugewöhnen und in ihrem Tagesablauf genügend Zeit für
Nahrungsbeschaffung, -zubereitung und -verzehr einzuplanen.
Ernährungspezialisten helfen Hausärzten bei der Beratung
Dazu können Hausärzte einen Anstoß geben. Eine vollständige
Ernährungsberatung sei jedoch nicht die Aufgabe von Hausärzten, sagt Jordan. Aus Zeitmangel und Budgetdruck ist sie oft auch gar nicht möglich. Hilfreich sei daher der Kontakt zu Fachleuten, an die niedergelassene Ärzte ihre
Patienten vermitteln können. Einzel- oder
Gruppenberatungen sowie praktische
Ernährungstipps bieten etwa die Deutsche Gesellschaft für
Ernährung oder der Verband der
Diätassistenten an. Sinnvoll sei es auch, Kochkurse oder das gemeinsame Kochen mit Freunden zu empfehlen.
Bei
Patienten mit niedrigem Einkommen sei es zudem wichtig, im individuellen
Ernährungsplan die zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen und die aktuelle Lebenssituation zu berücksichtigen. Solchen
Patienten könne etwa geraten werden, beim Verzehr von
Fertiggerichten auf Abwechslung zu setzen: "Fertiglebensmittel sind nicht grundsätzlich schlecht. Wenn
Patienten darauf achten, dass darin die wichtigsten
Nahrungsbestandteile regelmäßig vorkommen, ist schon viel erreicht", so Jordan. Zeit- oder Geldmangel seien keine Begründung, sich ungesund zu ernähren.
Ernährungstipps im Internet
www.dge.de (Deutsche Gesellschaft für Ernährung): Verzeichnis qualifizierter Ernährungsberater, nach Postleitzahlen geordnet.
www.vdd.de (Verband der Diätassistenten): Ernährungstipps und Suchmaschine für Adressen freiberuflicher Diätassistenten.
www.5amtag.de: Gesundheitskampagne "5 am Tag" propagiert mehrmals täglichen (im Idealfall fünf mal) Verzehr von insgesamt 600 Gramm Obst und Gemüse.
www.kinder-leicht.net: Homepage der Kampagne "Kinderleicht - Besser essen, mehr bewegen" des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Infos etwa zur Gesund-Essen-Aktion für Kitas und Eltern "FIT KID" oder zu Sinnesschulungen für Kinder.
www.mitfreundenkochen.de ("Cookeria"): Anbieter von Gruppen-Kochkursen (in Berlin).
www.co-cooking.de: Internet-Plattform für Interessierte, die sich mit Gleichgesinnten zum gemeinsamen Kochen und Essen treffen wollen. Die Registrierung ist kostenlos. (skh)
Quelle:
www.aertzezeitung.de