Experten warnen vor Fettleibigkeit als Seuche
Überernährung wird zum globalen Problem – die Zahl der Dicken steigt weltweit drastisch an: Diabetes, Schlaganfall, Herzinfarkt und Darmkrebs sind typische Folgeerkrankungen von Fettleibigkeit. Mediziner und Versicherungsexperten prophezeien einen Kollaps der Gesundheitssysteme.
Bis zu zehn Prozent der
Krankheitskosten in den Industriestaaten seien durch
Fettleibigkeit verursacht, sagte Professor Hans Hauner von der Uniklinik der TU München. Statt Vorbeugungsprogramme zum
Abspecken bezahlten die meisten Kassen nur
Medikamente und ärztliche
Behandlungen, wenn die
Folgekrankheiten bereits ausgebrochen seien.
„Die
Behandlung von
Adipositas (Fettleibigkeit) findet de facto nicht statt“, kritisierte der Mediziner. „Wir schauen zu, wie die Menschen sich
ungesund ernähren, und dann haben wir schöne teure
Medikamente.“ Das aber werde schon bald „nicht mehr finanzierbar“ sein. „
Adipositas ist eine chronische
Krankheit“, betonte Hauner. Da
Fettleibigkeit in Deutschland aber nicht als
Krankheit anerkannt sei, dürften die gesetzlichen Kassen erst zahlen, wenn
Folgeerkrankungen eingetreten seien.
In Deutschland seien bereits jedes sechste Kind und jede fünfte Frau
übergewichtig. In den USA hätten zwei Drittel der Bevölkerung nicht nur Wohlstandsringe, sondern Speckgürtel angesetzt: Dort bereiteten die
übergewichtigen Fluggäste den Fluggesellschaften zunehmend Sorgen, weil sie „nicht mehr wissen, wie sie ihre Passagiere in die Flugzeuge hineinbekommen“. Angesichts der Klimadebatte würden immer kleinere Autos gebaut – in die schon jetzt nicht mehr jeder hineinpasse. Hauner warnte vor einer weltweiten
Adipositas-Epidemie.
„
Diabetes hat schon Tendenzen eines Flächenbrandes“, sagte Achim Regenauer von der Münchener Rückversicherung.
Schlaganfall,
Herzinfarkt,
Gelenkerkrankungen und
Darmkrebs seien weitere typische
Folgeerkrankungen von
Fettleibigkeit. Überernährung und Bewegungsmangel seien inzwischen ein globales Problem: „Die Schwellenländer holen stark auf.“ Regenauer, nannte vor allem den Anstieg der
Fettleibigkeit bei Kindern besorgniserregend. Früher sei
Übergewicht ein Thema der über 30- oder 40-Jährigen gewesen, heute würden Verengungen der
Herzkranzgefäße als Folge schon bei Kindern festgestellt. „Der menschliche
Organismus muss die Folgen des
Übergewichts damit zwei oder drei Jahrzehnte länger aushalten – mit allen gesundheitlichen Konsequenzen und
Folgeerkrankungen.“ Das bedeute für die Versicherer auch zwei Jahrzehnte mehr Kosten.
Hauner sagte: „Es reicht nicht zu glauben, wir müssten die Menschen nur aufklären – das versuchen wir seit 30 Jahren vergeblich“. Er sehe seine
Patienten alle paar Wochen für 20 Minuten. „In der anderen Zeit verhindert die Gesellschaft, dass sie das umsetzten, was wir ihnen vorschlagen.“ Denn im Alltag seien die Menschen fast ständig mit einem Überangebot an Süßigkeiten und Fastfood konfrontiert. Überall lockten – oft billige –
Lebensmitteln mit hoher
Energiedichte wie Chips und immer größere Portionen. Schulen und Betriebe müssten an einem Strang ziehen. Auch im Städtebau und in der Verkehrsplanung müssten Möglichkeiten für Sport und
Bewegung einbezogen werden. Die
Krankenversicherungen müssten mehr dafür tun, damit ihre Kunden
gesund blieben, statt später das Kurieren der
Krankheiten zu bezahlen.
Als gutes Beispiel wurde eine
Versicherung genannt, die
übergewichtigen Patienten ein individuelles Programm zum Abspecken zusammenstellt und durch einen persönlichen Betreuer unterstützt, der regelmäßig telefonisch nachfragt und berät. Die Versicherung stellt auch eine Waage und einen Bewegungssensor, der die Messdaten automatisch an einen
Arzt weiterleitet. Die Hälfte der Teilnehmer habe sich dauerhaft mehr bewegt und
gesünder gegessen, 28 Prozent hätten auf Dauer deutlich
abgenommen. Der Kostenanstieg bei diesem
Patientenkreis sei geringer, sagte der Arzt Stefan Kottmair. Ein
Herzinfarkt- oder Schlaganfall-Patient koste 22.000 Euro im Jahr.
Quelle:
www.welt.de