Fettleibigkeit in Großbritannien - Das große Fressen
Die Fettleibigkeit der Briten nimmt solche Ausmaße an, dass Politiker das Übergewicht auf der Insel mehr fürchten als den Klimawandel.
Deutschland hat seinen Michel, die USA haben Uncle Sam, und die Franzosen ihre Marianne. Großbritanniens Nationalsymbol hingegen ist seit Hunderten Jahren der feiste John Bull, ein weniger vor
Gesundheit als vielmehr durch zu viel Fleisch und Kartoffeln strotzender
Fettwanst.
Bislang war man auf der Insel stolz auf dieses Sinnbild; nun aber haben Experten herausgefunden, dass Bull die Briten tatsächlich viel zu gut
verkörpert: Denn Engländer, Schotten und Waliser gehören mit zu den
dicksten Europäern, und ein Ende des Trends ist nicht abzusehen.
Mitte dieser Woche wird eine von der Regierung eingesetzte Kommission einen Bericht über die
Fettleibigkeit der Briten und die Auswirkungen auf das nationale
Gesundheitswesen vorlegen. Was von den Erkenntnissen bislang an die Öffentlichkeit drang, scheint derart dramatisch zu sein, dass sich der sonst eher nüchtern seine Worte abwägende
Gesundheitsminister Alan Johnson zu einem kühnen Vergleich genötigt sah: Das Ausmaß der Krise entspreche der Gefahr, die durch den Klimawandel drohe.
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass schon in 25 Jahren jeder zweite Brite klinisch
übergewichtig sein wird - eine Folge von zu viel Chips, Fertiggerichten und Bier auf der einen und einem eklatanten Mangel an Sport und
Bewegung auf der anderen Seite. Von Mitte des Jahrhunderts an würden durch
Fettleibigkeit ausgelöste
Krankheiten wie etwa
Diabetes das staatliche
Gesundheitswesen mit 45 Milliarden Pfund (knapp 70 Milliarden Euro) im Jahr belasten. Der bislang kostenfreie Nationale
Gesundheitsdienst würde unter der Belastung kollabieren.
Eine Warnung stieß auch Colin Waine aus, der dem Interessenverband National Obesity Forum vorsteht. Die Folgen der
Adipositas, erklärte er, würden weitaus schneller wirksam werden als die Konsequenzen der Erderwärmung. "Das Ausmaß an
Fettleibigkeit unter Kindern wird dazu führen, dass die Lebenserwartung zum ersten Mal seit 200 Jahren wieder zurückgeht‘", erklärte er. "Diese Kinder werden vor ihren Eltern sterben." An Vorschlägen, wie man dem
Übergewicht beikommen will, mangelt es nicht.
Familienminister Ed Balls etwa forderte weiterführende Schulen auf, vor allem für Mädchen attraktivere Sportarten wie Frisbee oder Yoga sowie coolere Sportdresses anzubieten. Darüber hinaus wurde die für
Lebensmittelsicherheit zuständige Food Standards Agency damit beauftragt, ein mögliches Verbot der als
gesundheitsgefährdend eingestuften
Transfettsäuren zu untersuchen. Sie gelten als Mitverursacher von
Arteriosklerose und
Herzinfarkten.
Andere Regierungsbehörden wiederum stellen eigene Bezüge zwischen
Ernährung und Klimawandel dar: Wie die Zeitung The Times unter Berufung auf einen Report des Landwirtschaftsministeriums berichtete, sollen die Briten auf Frischmilch verzichten, um den Planeten zu retten.
Da die Kühlschränke, in denen in Supermärkten Molkereiprodukte gekühlt werden, Kohlendioxid absonderten, müssten die Briten auf UHT-Milch umsteigen. Wie die Beamten sich diese Revolution in einem Land vorstellen, in dem noch immer morgens der Milchmann kommt, ließen sie freilich ebenso offen wie die Antwort auf eine zweite Forderung: Der Methan-Ausstoß auf den Kuhweiden soll in den kommenden Jahren um 60 Prozent gesenkt werden. Anders ausgedrückt: Britanniens Rinder sollen dem Klima zuliebe nur mehr halb so viel furzen wie bisher.
Quelle:
www.sueddeutsche.de