Fettgewebe ist kein plumper Energiespeicher, sondern ein hoch spezialisiertes Organ
Von Natalie Angier
Fett hat das Image eines Prügelknaben. Es soll alleine verantwortlich sein für die grassierende Übergewichtsepidemie. Fett muss weg, heisst daher die Devise. Und das nehmen Jahr für Jahr Tausende von Schweizern wörtlich; sie lassen sich Zehntausende Kilos Fett von den Oberschenkeln, den Bäuchen, den Hintern, dem Doppelkinn oder dem männlichen Busen absaugen.
Denn allzu deutlich klingen die Warnungen: Zu viel Fett erhöht das Risiko, an Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und anderen Zipperlein zu erkranken. Kaum jemandem fällt es daher schwer, Fett zu verachten und es als unnatürlichen Ballast zu betrachten. Nur: Das Fettgewebe ist nicht das eigentliche Problem. Wer es dafür verantwortlich macht, zu dick zu sein, einen zu hohen Blutdruck zu haben oder aus dem letzten Loch zu pfeifen, der begeht den gleichen Fehler wie ein Alkoholiker, der seine Leber für die Zirrhose verantwortlich macht. Genauso wie die Säuferleber ihr Bestes tat, die Unmengen an Alkohol, in die sie getaucht wurde, zu entgiften, will das Fettgewebe im Grunde nur Gutes, indem es die überschüssigen Energiepakete, die wir in uns hineinstecken, effizient absorbiert. Fettleibigkeit hat laut Bruce Spiegelman vom Dana-Farber Cancer Institute in Boston nichts mit einem Defekt im Fettgewebe zu tun. Wenn man mehr Kalorien aufnimmt, als man verbrennt, muss der Körper gezwungenermassen mit dem Energieüberschuss zurechtkommen. Das Fettgewebe sei der richtige Ort dafür, so Spiegelman. Hätte der Körper keine Fettzellen, müsste er die überschüssige Energie einfach anderswo speichern.
Rund zwei Drittel des Hirns bestehen aus Fett
Und das wäre wirklich fatal. So gibt es seltene Stoffwechselkrankheiten, bei denen es dem Körper an Fettgewebe mangelt. Anstatt im Fett lädt der Körper die überschüssige Energie einfach in der Leber ab. Das kann zu einem starken Anschwellen des Organs führen, zu Leberversagen und letztlich gar zum Tod. Ein bisschen Fettgewebe ist daher für die Hormon- und Diabetesspezialistin Barbara Kahn vom Beth Deaconess Medical Center an der Harvard University in Boston «eine gute Sache».
Das finden auch Evolutionsbiologen. Sie erklären die relative Plumpheit des Menschen im Vergleich zu unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, mit dem viel grösseren Hirn. Selbst ein schlanker Topathlet mit einem Körperfettanteil von gerade mal 8 bis 10 Prozent ist immer noch um ein paar Prozentpunkte «fetter» als ein Schimpansenmännchen. Und zwar, so die These, damit die Fettspeicher im Falle einer Hungersnot noch genügend Reserven haben, um das Hirn zu füttern. Rund zwei Drittel des Hirns bestehen aus Fett.Fett, das weiss man heute, ist viel mehr als eine farb- und formlose Masse. Die Fettspeicher sind hoch spezialisierte Organe; sie sind so fein abgestimmt auf ihre Aufgabe, Energie zu speichern, wie Muskeln gemacht sind, um sich zusammenzuziehen. Das Körperfett besteht aus ungefähr 40 Milliarden Fettzellen, so genannten Adipozyten. Das meiste Fett ist direkt unter der Haut verstaut, aber auch um und zwischen anderen Organen gibt es Fett, das so genannte viszerale Fett. Jede Fettzelle ist eine Art draller Ballon, gefüllt mit fettigen «Lipiden», so genannten Triglyceriden. Diese Moleküle bestehen aus drei Fettsäure-Ketten, die grossteils aus Kohlenstoff- und Wasserstoffatomen aufgebaut sind; verbunden sind sie mit einer zuckrig-süssen Glycerol-Spange. Gramm für Gramm haben Fettmoleküle mehr als doppelt so viele Kalorien wie Eiweisse oder Kohlenhydrate.
Das Fettgewebe schüttet 20 verschiedene Hormone aus
Die meisten Zellen des Körpers bestehen zu einem Grossteil aus einem wässrigen «Zytoplasma», wo die Eiweisse ihre Arbeit verrichten. Nicht so Fettzellen. Mehr als 95 Prozent des Adipozyten-Volumens ist mit Fettmolekülen gefüllt. Die Zellen sind zudem äusserst dehnbar, können mehr und mehr Fette und Zucker anhäufen und ihr Volumen dabei um ein Vielfaches vergrössern. Wenn wir an Gewicht zulegen oder abnehmen, hat das vor allem damit zu tun, dass die Fettzellen wachsen oder schrumpfen.Fettgewebe ist ein so genannt endokrines Organ, das mindestens 20 verschiedene Hormone ausschüttet und so andere Gewebe im ganzen Körper steuert. Eines der wichtigsten ist Leptin, ein Hormon, das den Appetit regelt und möglicherweise bei Mädchen die Pubertät einläutet.
Je nachdem, ob sie prall gefüllt sind mit Fetten oder nicht, sondern Fettzellen andere Substanzen ab. So schütten «fette» Fettzellen Entzündungsbotenstoffe wie TNF-alpha oder RBP4 aus. Laut Bruce Spiegelman ist dies der Versuch des Körpers, eine weitere Anhäufung von adipösem Gewebe zu verhindern. Nur: In der Regel versagt diese Strategie. Das Resultat der Ausschüttung von TNF-alpha & Co. sind eine chronische Entzündung und eine erhöhte Insulin-Resistenz, eine Vorstufe zu Diabetes. Und Forscher glauben heute, dass die chronische Entzündung und die Insulin-Resistenz letztlich verantwortlich sind für eine ganze Bandbreite an Krankheiten, die mit Fettleibigkeit einhergehen: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs.
Quelle:
www.sonntagszeitung.ch