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Wenn Essen zum Ekel wird
Sarah Coenen war 17, als ihre Magersucht diagnostiziert wurde. Nach abgebrochenen Therapien kam die nur noch 30 Kilogramm leichte Schülerin kürzlich in eine Fachklinik. Seitdem kämpfen ihre Eltern um die Kostenübernahme. Eigentlich schien Sarah ihr Leben gut im Griff zu haben. Erfolgreich war die Realschülerin vor zwei Jahren an die Peter-Ustinov-Gesamtschule gewechselt, um ihr Abi zu machen. Die fleißige 16-Jährige schrieb gute Noten und hatte den ersten festen Freund. „Dass sie anfing, nur noch schwarz zu tragen und sich die Haare zu färben, werteten wir anfangs als positiv“, erinnert sich Monika Coenen. „Unsere Tochter war früher eher schüchtern und sehr angepasst.“ Immer geschluckt, dann alles raus Doch wer immer nur schluckt, bei dem kommt irgendwann alles ’raus – buchstäblich. Die Eltern registrierten durchaus, dass Sarah immer dünner wurden, machten sich aber zunächst keine Sorgen. „Ich habe mit 17 auch nur 48 Kilo gewogen“, bekennt die gelernte Arzthelferin. Sarahs Klassenfahrt vor einem Jahr war die Zäsur. Bei der Rückkehr sagte Sarah: „Mama, ich geh’ nicht mehr in die Schule.“ Der Stress sei ihr zu viel. „Dabei haben wir sie nie genötigt, Abi zu machen“, betont die Mutter. Das sei Sarahs eigener Wunsch gewesen. Hinzu kamen Rückfragen von Lehrern und Mitschülern, ob Sarah magersüchtig sei, zumal sie auf der Klassenfahrt selten an den Mahlzeiten teilgenommen und so traurig gewirkt habe. Die 17-Jährige gab ihre Ess-Probleme auch zu: „Ich will ja essen, aber ich kann einfach nicht.“ Dass sie ihre Magersucht nie durch schlabbrige Kleidung versteckt hat, ist für ihre Eltern ein deutlicher Hilferuf: „Nehmt mich wahr, mir geht’s nicht gut!“ Aber warum? Die Familie, zu der auch Sarahs 15-jähriger Bruder gehört, wirkt intakt. „Wir haben immer über alles reden können“ – darin sind sich Mutter und Tochter einig. Ob Sarah mit der Ablehnung ihrer Weiblichkeit ihre Angst vor der notwendigen Abnabelung offenbart? Ob sie sich mehr Aufmerksamkeit ihres beruflich selbständigen Vaters wünscht oder eine längst zurück liegende Krise ihrer Eltern verarbeitet? Die Deutungsversuche sind vielfältig. Vieles geschehe ja unbewusst, weiß die Mutter, die seit Sarahs Erkrankung viel Fachliteratur gelesen hat. Nachdem weder der schulpsychologische Dienst noch der Hausarzt noch eine Düsseldorfer Jugendpsychologin („Die Verweigerung sitzt zu tief, das ist ambulant nicht therapierbar“) helfen konnten, kam die 18-Jährige im April diesen Jahres mit 32 Kilo und einem Blutdruck von 80 / 45 das erste Mal ins Krankenhaus. Nach drei Tagen mit Infusionen auf der Intensivstation empfahl das St. Josef-Krankenhaus eine Einweisung ins Landeskrankenhaus: Auf einer normalen Station könne man die potenziell Suizidgefährdete nicht ausreichend kontrollieren. Sarah reagierte panisch – und ihr Vater mit Verständnis: „Diese Krankheit muss im Kopf gelöst werden“, weiß Wolfgang Coenen. Eine Zwangseinweisung mit künstlicher Ernährung bringe gar nichts; entscheidend sei „die intensive psychische Betreuung bei gleichzeitiger medizinischer Hilfe“. Der Computer-Spezialist hat überdies die Magersucht seiner Tochter bei der Polizei angezeigt: „Wir wollen ja nicht der unterlassenen Hilfeleistung angeklagt werden.“ Das Monheimer Hospital veranlasste einen Aufenthalt in der Fachklinik Bad Oeynhausen, der bald abgebrochen werden musste, weil die Zunahme zu gering war. Sarah gestand, Abführmittel genommen zu haben. Mit einem Body-Mass-Index von 11,2 (normal ist 23) und 30 Kilo kam Sarah vor fünf Wochen in einem lebensbedrohlichen Zustand – im Herz hatte sich bereits Wasser eingelagert – in die Klinik Lüneburger Heide. Jedes Kilo Gewichtszunahme muss nun auch psychisch verdaut werden – in Gruppen- und Einzelgesprächen, in Kunst- und Körpertherapie. Bis Ende dieses Jahres hat die Krankenkasse nun den Aufenthalt bewilligt. „Sarah ist willensstark“, sagt Monika Coenen. „Sie wird das packen.“ Und weiß: Sie muss es packen. Quelle: www.rp-online.de
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