Wenn das Spiegelbild zum Feind wird
JOKER: Magersucht als Zeichen für fehlendes Selbstbewusstein – Ein Workshop in Harsefeld klärt über wahre Schönheit auf
Harsefeld (mwa). 36
Kilo bei einer
Körpergröße von 1,60 Metern. Das ist Janina K.s Bilanz ihrer
Magersucht. Warum sie aufgehört hat zu
essen und wie sie aus dem
Teufelskreis herausgekam, erzählt die Schülerin bei einem Workshop rund ums Thema
Selbstbewusstsein in der Harsefelder Haupt- und Realschule.
Stille im Raum. Zwölf Mädchen hängen wie gebannt an Janinas Lippen. „Weihnachten 2005 habe ich beschlossen, weniger zu
essen“, berichtet Janina vom Beginn ihrer
Anorexie, so das medizinische Wort für
Magersucht. Die 17-Jährige hat keine Süßigkeiten und schließlich nur noch einen Apfel am Tag
gegessen. „Meine
Hüften waren eingefallen, die
Rippen konnte man sowieso zählen, und irgendwann sind meine
Haare ausgefallen.“ Fassungslos betrachten die Zuhörerinnen ihre Referentin. Das zierliche Mädchen – „jetzt wiege ich
48 Kilo“ – erklärt, dass es sich damals nicht hübsch fand. „Mir war mein
Gesicht zu
breit, ich hatte keinen Freund. Mir ist zuerst gar nicht aufgefallen, dass ich weniger
gegessen habe.“
Den Kursteilnehmerinnen sind solche Gedanken nicht fremd. Viele hadern mit ihrem
Körpergefühl. Sandra bekennt: „Ich habe schon mal daran gedacht, zu
essen und es dann wieder
auszukotzen.“ Und Tatjana gibt zu: „Ich habe mal zwei, drei Monate nichts
gegessen. Ich dachte, wenn ich dünn bin, komme ich besser an bei Jungs.“ Die Mutter der
spindeldürren 16-Jährigen war ihre
Rettung. „Sie sagte, so kann das nicht weitergehen. Dann haben wir darüber geredet, und es war gut“, erzählt die Schülerin.
Yvonne Witte (28), Sozialpädagogin an der Haupt- und Realschule Harsefeld, hat den eintägigen Workshop zum Thema
Selbstbewusstsein organisiert. Das Konzept basiert auf der „
Real Beauty Aufklärungsserie Body Talk“, die von der „Dove Aktion für mehr
Selbstwertgefühl“ unterstützt wird. Witte ließ die Mädchen nachdenken: Was ist für mich
Selbstbewusstsein? Was ist ein
gesundes Körperbild? Was ist
Schönheit?
Für Kathleen bedeutet
Selbstbewusstsein „den
Körper so zu akzeptieren wie er ist“. Leichter fällt ihr das, seit sie im Workshop einen Film über die raffinierten Retuschier- und Schminktechniken in
Modemagazinen gesehen hat. „Man muss sich nicht so verändern, um schön zu sein“, sagt auch Tatjana. Für Janina kam diese Erkenntnis erst mit der
Zwangseinweisung in eine
Klinik für
Suizidgefährdete. „Da war es furchtbar“, erinnert sie sich. Sichtfenster ins Zimmer, unter Beobachtung duschen, verriegelte Fenster. Diese eine Nacht war ihr Schlüsselerlebnis. Mit einer
Therapeutin hat Janina ihre Erlebnisse aufgearbeitet, im März ging die
Therapie zu Ende. „Ich gehe auch mal zu McDonalds“, sagt sie und lächelt über die erstaunten Gesichter.
Quelle:
www.tageblatt.de