Fressen bis zum Erbrechen
Essen, kotzen. Essen, kotzen. Dieser Rhythmus bestimmt seit drei Jahren Lisas (26) Leben. Sie leidet an Bulimie und kämpft dagegen an. Doch die Fressattacken kommen immer wieder. Mittlerweile zerstört die Sucht ihren Körper.
von Jennifer Jahns
Während ich kotze, stelle ich mir vor, dass jetzt alles Schlimme und Bedrückende aus mir rausgeht.“ Das Schlimme ist der Alltag. Bekämpft durch zwei
Finger im
Hals. Bei Lisa*, die aus dem Landkreis Deggendorf kommt, hat alles vor drei Jahren angefangen. Aus
Frust. Aber vor allem aus Neid. Neid auf ihre Mutter. „Die hatte damals selbst
Bulimie, und ich habe gesehen, wie schnell sie durch das
Erbrechen abgenommen hat.“ Lisa wog zu dem Zeitpunkt bei einer Größe von 1,68
Meter 92
Kilo. Das
Erbrechen erschien ihr als gute Möglichkeit, weiter
essen zu können und trotzdem
abzunehmen. Zwei Monate hat es funktioniert: „Während der ersten acht Wochen konnte ich
zehn Kilo abnehmen“, sagt die heute 26-Jährige. Aber die Ernüchterung kam
Sorgfältig geplante Fressattacken
schnell. Zusammen mit den zurückkehrenden
Kilos. Lisa weiß, warum: „Wahrscheinlich habe ich nach den
Fressattacken nicht alles auskotzen können, und es ist einfach zu viel in meinem
Magen geblieben. Da habe ich wieder zugenommen.“
Fressattacken. Minuten und Stunden, in denen sich Lisa vom Alltag ausklinkt, um sich dem
Essen - oder wie sie es nennt: „
Fressen“ - hinzugeben. Minuten und Stunden, die sorgfältig geplant werden. Meist mehrmals am Tag. „Mir hat es richtig Spaß gemacht, durch den Supermarkt zu gehen, viel
Essen einzukaufen und mir vorzustellen, wie ich das zu Hause alles in mich
reinstopfen kann.“ Auch das
Reinstopfen überließ Lisa nicht dem Zufall: „Ich habe mir das ganze
Essen meist ins Wohnzimmer geholt und mich damit vor den Fernseher gesetzt. Das war wie ein Ritual.“
Ein Ritual, das täglich Tausende Frauen und Männer in Deutschland durchleben. Das bizarre Spiel mit dem
Essen nennt sich
Bulimie, medizinisch Bulimia nervosa, im Volksmund
Ess-Brech-Sucht. Der Begriff ist mittlerweile in aller Munde. Die Betroffenen selbst reden allerdings so gut wie nie in der Öffentlichkeit darüber. Die Gründe:
Scham,
Angst vor Ausgrenzung, Tratscherei, Unverständnis. Einige haben ihr Verhalten auch noch nicht als
Krankheit erkannt. Studien gehen davon aus, dass etwa 90 Prozent der
Betroffenen weiblich sind. Es besteht das Vorurteil, dass
Bulimiker immer
dünn sind - Lisa und viele andere
Betroffene beweisen das Gegenteil. Das Einstiegsalter der
Erkrankten sinkt kontinuierlich. Manche Mädchen
erbrechen bereits im Grundschulalter, um ihr
Gewicht kontrollieren zu können. Wenn man schon die Schule, die Eltern, die Freunde nicht kontrollieren kann, dann doch wenigstens das eigene
Gewicht. Ein Spiel mit der Macht. Eine Macht, die oft stärker ist als die
Betroffe-
Ertappt von der Tochter: „Mama, was machst du?“
nen. Die
Fressattacken sind ein Zwang, dem viele
Erkrankte nicht entkommen können. Und
Bulimiekranke haben für die Anfälle meist eigene, beängstigende und fragwürdige Methoden.
Lisa bevorzugt während der
Fressattacken heißes
Essen. „Das lässt sich leichter kotzen.“ Außerdem kann sie sich während der Attacken ihrer Lust auf Schokolade und Gebäck hingeben. „Dazu trinke ich immer extrem heißen Tee. So verflüssigt sich das Gebäck, und ich kann es besser
erbrechen.“ Außerdem denkt Lisa in „Schichten“. Wenn sie verschiedene Sachen in sich reinfrisst, muss das erste
Lebensmittel etwas sein, das wieder leicht zu
erbrechen ist. So kann, laut Lisa, auch alles, was im
Magen auf diesem
Lebensmittel landet, später wieder mit
ausgekotzt werden. Wie pervers diese Überlegungen sind, weiß Lisa selbst: „Ist doch eigentlich alles voll blöd, oder?“
Auch das ist ein Grund, warum sich
Bulimiekranke selten anderen Menschen mitteilen - sie haben Angst, als abartig, eklig, verrückt erklärt zu werden. Welcher
Nicht-Betroffene kann schon verstehen, wie man in wenigen Minuten einen halben Kühlschrank leer
essen kann, riesige Mengen
Essen in sich
hineinstopft, die kurze Zeit später wieder
erbrochen werden?
Lisa hat ihre
Krankheit lange für sich behalten. Das war nicht leicht. Denn Lisa hat einen Ehemann und eine vierjährige Tochter. Da musste im Badezimmer oft die Dusche laufen, damit die
Würge- und Brechgeräusche nicht nach draußen ins Kinderzimmer dringen. Der leicht säuerliche Geruch, der nach dem
Erbrechen im Bad zurückblieb, war nicht ganz so einfach zu verbergen. Auch war es schwer zu erklären, warum der Kühlschrank plötzlich leer und kein
Essen für die Tochter mehr da war. Irgendwann kam dann Lisas Mann hinter ihr
ungewöhnliches Essverhalten. Seine Reaktion spiegelt wider, was viele denken, die bei jemandem
Bulimie entdecken. „Zuerst zeigte er nur Unverständnis“, sagt Lisa. Wahrscheinlich, weil er mit der
Krankheit nichts anzufangen wusste. „Als er mein Verhalten öfter mitbekam, hielt er mich für verrückt.“ Und als ihm schließlich das volle Ausmaß der
Krankheit bewusst wurde, war er besorgt. Er begann, mit Lisa über ihre
Krankheit zu sprechen. Dem perversen Verhalten Raum geben. Endlich sprechen. Endlich dem ganzen Ekel Platz machen. Endlich die
Frustration rauslassen. „Diese ersten Gespräche haben mir sehr geholfen“, sagt Lisa. Und zugleich wurde ihr bewusst, wie
krank sie ist. Eine
Krankheit, die auch Lisas kleine Tochter mitbekam. „Als ich mal wieder
gekotzt habe und gerade über der Kloschüssel hing, stand plötzlich meine kleine Tochter hinter mir und fragte: ,Mama, was machst du da?‘. Das war ein Schock.“ Lisa hatte vergessen, die Toilettentür abzuschließen.
Damit es bei
betroffenen jungen Frauen künftig erst gar nicht so weit kommt, arbeiten die Universitätskliniken Heidelberg und Göttingen in Zusammenarbeit mit den Psychologischen Instituten der Universitäten Heidelberg und Göttingen sowie das Institut für Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie Heidelberg e.V. derzeit an einer neuen Studie über
Bulimie. Die Studie richtet sich vor allem an Mädchen und junge Frauen im Alter zwischen 15 und 21 Jahren. „Bisherige
Therapieprogramme zur
Bulimia nervosa beziehen sich auf Frauen allgemein, ohne die Gruppe der jungen Mädchen speziell zu beachten. Die neue Studie berücksichtigt die besondere Situation junger Frauen in dieser Lebensphase, das heißt Pubertät, persönliche Entwicklung oder Übergang in den Beruf“, sagt Annette Stefini, Diplom-Psychologin am Universitätsklinikum Heidelberg und wissenschaftliche
Auf Altersgruppen ausgerichtete
Therapie
Mitarbeiterin und Organisatorin des Projektes. Stefini geht davon aus, dass zwischen 15 und 20 Prozent der jungen Frauen und jugendlichen Mädchen an einer atypischen oder ausgeprägten
Bulimie leiden. Die, speziell auf diese Altersgruppe ausgerichteten,
Therapien werden seit Ende 2006 in Göttingen und seit Mai 2007 in Heidelberg erprobt. Die jeweiligen Projektleiter sind Prof. Günter Reich und Dr. Klaus Thomas Kronmüller. Das
Therapieprogramm wird ambulant durchgeführt und läuft über 60
Therapiestunden in etwa einem Jahr. Wenn nötig, können auch die Eltern in die
Therapie einbezogen werden. Die
Behandlungen sollen dazu beitragen, jungen Frauen in einem frühen Stadium der
Krankheit individuell zu helfen. Bisher konnten acht Mädchen in Göttingen und sechs Mädchen in Heidelberg an den Programmen teilnehmen. „Um Erfolge festzustellen, ist es noch zu früh. Wir rechnen jedoch damit, dass sich das
Essverhalten bei den meisten
Patientinnen normalisiert und sich die psychische Befindlichkeit stabilisiert“, so Stefini.
Lisa durchläuft ebenfalls eine
Therapie. Seit vielen Monaten geht sie zu einem Psychotherapeuten mit wöchentlichen Gesprächen, zusätzlich nimmt sie
Antidepressiva ein. Die Gespräche tun ihr gut. Hier lernt sie, warum sie „
fressen und kotzen“ muss, warum sie denkt, dass sie durch das
Auskotzen die
Frustrationen des Alltags bewältigen kann, und sie lernt Methoden, die dafür besser geeignet sind: Sport, Freunde treffen, einfach mal Schreien. Sie erfährt, welche Auswirkungen ein Streit mit ihrem Mann auf die
Krankheit hat, welche Rolle ihre Kindheit und das teils schwierige Verhältnis zu ihren Eltern spielt, und sie lernt, darüber nachzudenken, in welchen Momenten sie
essen und
erbrechen muss.
Ständiges Übergeben stört Herz-Kreislauf
Lisa will gesund sein. Wie die meisten Betroffenen. Leben wie normale Menschen. In Gemeinschaft
essen können. Lisa hat keine Lust mehr, ihren Alltag nach dem
Essen und
Brechen zu organisieren. Sie hat keine Lust mehr, auf unerwartete Besucher böse zu sein, die sie in ihrem
Fress-Brech-Ritual stören. Sie hat keine Lust mehr, nach dem
Erbrechen eine Stunde auf der Couch liegen zu müssen, den Alltag vor Erschöpfung kaum mehr bewältigen zu können, weil der
Körper so geschwächt ist. Heute weiß Lisa:
Bulimie macht dick. Heute wiegt die junge Frau 110 Kilo. Und die Bulimie hat Spuren an ihrem
Körper hinterlassen: Sie leidet unter
Magenschmerzen,
Halsschmerzen durch das ständige
Erbrechen,
Kopfschmerzen durch die Anstrengung beim
Übergeben,
Depressionen. Außerdem führt das ständige
Überfressen und anschließende
Erbrechen zu
Herzrhythmusstörungen. „Da steigere ich mich dann so rein, dass ich teilweise beim
Erbrechen Panikattacken bekomme.“ Die
Panikattacke beim letzten
Erbrechen war besonders schlimm. Drei Stunden hat sie gedauert. „Da habe ich mir gedacht: Das ist ein eindeutiges Zeichen deiner Psyche. Jetzt reicht’s.“ Das liegt drei Tage zurück. Seitdem hat Lisa nicht mehr
erbrochen. „Darauf bin ich stolz“, sagt sie und lächelt ein wenig. So weit war Lisa schon einige Male gewesen.
Quelle:
www.pnp.de