Das ist meine Geschichte - Anett Y. aus Dresden: Seit mehr als 15 Jahren kämpft die junge Frau gegen die heimtückische Krankheit. Sie weiß, dass es keine Heilung gibt, aber sie will leben
Es gab Tage, an denen stopfte Anett Y. alles in sich hinein, was der Kühlschrank hergab. Dann schlich sie auf die Toilette und
erbrach sich. „Ich habe mich vor mir selbst geekelt, wollte nicht mehr ich sein“, erklärt sie, was für einen Außenstehenden nur schwer zu begreifen ist.
Leidensweg
Seit mehr als 15 Jahren lebt Anett in ihrer eigenen Welt. Die beschreibt die gelernte Wirtschaftskauffrau aus Dresden so: „Manchmal schaffte ich nur eine halbe Banane oder zwei Knäckebrotscheiben am Tag, ich bin nicht beziehungsfähig, kann nicht arbeiten.“
Lebenswille
Anett Y. ist
krank - schwer
krank. Es begann mit
Magersucht, unterbrochen von schweren
Bulimieanfällen. Sie hat schon mehrere
Therapien hinter sich, die wenigstens zu einem Ergebnis führten: Anett hat im Gegensatz zu vielen anderen Mädchen und Frauen, die an dieser schlimmen
Krankheit leiden, beschlossen zu leben. „Ich weiß, dass sich viele meiner Leidensgenossinnen jeden Tag ein wenig mehr zu
Tode hungern.“ Die Ursachen, mit denen das Dilemma beginnt, sind unterschiedlich. Manche wollen aussehen wie
Models, andere haben schlimme Erfahrungen gemacht, und viele schöpfen aus dem Verzicht aufs
Essen sogar scheinbar Kraft, ein böses Überlegenheits- und Lebensgefühl - so lange, bis es nicht mehr geht. Anett: „Das tut niemand, weil er
sterben will, sondern weil die
Krankheit, wenn sie ausbricht, keine andere Wahl lässt. Was da abläuft, passiert im
Gehirn - ohne den Mut zu sachkundiger
Hilfe ist man verloren.“
Alltag
Auch bei Anett stand es schon auf des Messers Schneide. „Es begann 1992. Ich hatte von heute auf morgen schlimme
Depressionen, wollte nicht mehr laufen, essen, da sein.“ Nur mit der Hilfe von
Psychologen kam sie schließlich Stück für Stück an die Wurzeln: „Ein
Kindheitstrauma - niemand sollte mich mehr berühren.“ Ihre Ehe ging daran kaputt. Zehn Jahre lang, bis 2002, führte Anett ein Leben am Rande des Abgrundes. „Ich zog mich immer mehr von vielen Freunden zurück. Meine Tage waren komplett von der
Krankheit diktiert. Ich erfand die verrücktesten Geschichten, warum ich keinen
Hunger hätte, begnügte mich mit Milchkaffee und irgendwelchem weichen Zeug. Und wenn ich wirklich mal
essen musste, nahm ich hinterher sofort ein
Abführmittel oder steckte mir wenig später auf der
Toilette den
Finger in den
Hals...“ Es kam der Punkt, da konnten auch die dicksten Pullover Anetts
Krankheit nicht mehr verbergen: „Ich machte eine Zwiebel aus mir, zog alles übereinander, um mich zu verstecken - auch, weil ich ständig fror.“
Hilfe
Zum Glück hat Anett Eltern, die ihr in diesen schwierigen Phasen zur Seite standen - und bis heute stehen. „Mein Vater organisierte für mich Termine bei
Therapeuten, sonst wäre ich nicht mehr am Leben.“ Die ersten
Therapien hatten bei der jungen Frau, die mit ihrer
Größe von 1,66 m zu manchen Zeiten weniger als 40
Kilogramm auf die
Waage brachte, nur ein Ziel: „Zu Anfang geht es den Ärzten darum, dass der
Körper wieder lernt zu
essen. Was in dieser Phase in einem abläuft, ist Kampf: Man weiß, dass man
essen muss, aber der
Körper entscheidet dagegen.“
Heilung?
„Nach vielen Sitzungen mit meinem
Therapeuten kamen wir dem Auslöser der
Krankheit bei mir näher.“ Sie mag nicht weiter darüber reden, sagt nur leise: „Der Täter wurde nie gefasst.“ Jahrelang hat ihr
Gehirn dieses Erlebnis tief vergraben. Doch plötzlich, während ihrer Ehe, durchbrachen ihre Dämonen den schützenden Damm. Anett: „Ich wollte nicht mehr berührt werden und begann, mich hässlich zu
hungern.“
Kampf
Erklärungen sind das eine,
Heilung das andere. Anett: „Es gab Phasen, da ging es mir richtig gut. Da dachte ich euphorisch, jetzt bist du über den Berg, kannst ganz normal leben.“ Sie entschied sich sogar für ein Kind. „Niclas ist fast zwei Jahre alt und mein großes Glück.“ Und ihr Anker in dieser so bedrohlichen Welt. Anett: „Ich glaube nach all den Jahren nicht mehr, dass ich
geheilt werden kann. Aber ich weiß, wie man kämpft.“ Diesen Kampf ficht Anett Y. seit Jahren aus. In ihrem Tagebuch steht derzeit der Eintrag: 44,5
Kilogramm. Kommende Woche geht sie erneut in eine Tagesklinik. „Ich muss lernen, mit der
Krankheit zu leben. Ich hoffe so sehr, dass ich irgendwann wieder arbeiten kann - das wäre sehr schön...“
Quelle:
www.super-illu.de