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Alt 01.11.2007, 13:10
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Standard "Wollt ihr so aussehen wie ich?"

Per SMS schreibt sie: "Treffpunkt: Hotel Lutetia, Boulevard Raspail, 14.00. Ich werde eine Mütze tragen. Herzlich, Isabelle." Zwei Tage später sitzt sie in der Hotelhalle des Pariser Hotels an einem der runden Tische, sie trägt eine schwarze Mütze, ein schwarzes Kleid, schulterfrei. Isabelle Caro ist krank. Sie ist 25 Jahre alt, misst 1,65 Meter und wiegt 32 Kilo. Sie bestellt Tee. Das beigefügte Mandelgebäck rührt sie nicht an.

Und während sie leise spricht, sorgen Fotos von ihr weltweit für großen Lärm: Isabelle, nackt und ungeschminkt, die Augen weit aufgerissen. Sie ist die Frau auf den Plakaten der "No. Anorexia"-Kampagne, die zur Mailänder Modeschau in Italien lanciert wurde.




Der Mann, der Isabelle Caro für die Kampagne fotografierte, heißt Oliviero Toscani. Der war in den 80er Jahren für die Benetton-Werbung verantwortlich: das Baby an der Nabelschnur, der Aidskranke im Sterbebett, das blutige Hemd eines Soldaten, alles Toscanis Ideen. Dem US-Sender CNN antwortete der Fotograf auf den Vorwurf, die spindeldürren Models und anorektischen Stars würden Jugendliche zu krankhaftem Essverhalten animieren: "Jemand muss doch zeigen, was Magersucht wirklich bedeutet." Doch die Effekte der verstörenden Fotos sind umstritten. Während einige applaudieren und hilflos über Mindestalter und Mindestgewicht der Mannequins diskutieren, warnen andere davor, die Bilder der dürren Isabelle Caro würden Mädchen zur Nachahmung reizen.
In Frankreich kennt man Caro schon seit Anfang des Jahres. Das französische Fernsehen TF 1 hat sie eine Woche lang begleitet, hat sie beim Baden gezeigt, beim Essen, hat auf ihre Rippen gezoomt, auf ihre von Schuppenflechten gepeinigten Beine und Ellbogen. Durch ein Casting bekam sie das Angebot, für Toscani zu posieren. Jetzt kennt man ihren Körper auf der ganzen Welt. Isabelle Caro sagt: "Ich weiß, dass die Bilder Abscheu erzeugen. Ich will, dass sich Jugendliche, die immer dünner werden, fragen: Will ich so aussehen wie sie? Will ich aussehen wie eine Leiche?"

"Nicht die Industrie ist schuld"

Ihr Arm zittert vom Gewicht des silbernen Teekruges, den sie in der Hand hält, um sich neues Wasser in ihre Tasse zu gießen. Sie sagt: "Die Mode-Industrie übt zwar einen schlechten Einfluss auf Jugendliche aus, aber die Ursache der Magersucht liegt tiefer." Darum habe sie sich entschlossen, an die Öffentlichkeit zu treten. "Magersucht findet oft im Stillen statt. Unbemerkt tauschen sich Jugendliche in Internetforen über ihre Erfahrungen aus, die Eltern haben keine Ahnung, schauen weg."

Sie wolle keine Angst mehr haben, ihren Körper zu zeigen, sie wolle andere ermutigen, darüber zu reden, nur so könne man die Krankheit besiegen. "Ich habe mich lange genug versteckt. Ich will meine Geschichte erzählen."Und Isabelle erzählt: "Ich wuchs mit meiner Mutter in einem abgeschiedenen Haus im Norden Frankreichs auf, in der Normandie. Mein Vater war oft unterwegs, das nächste Haus 500 Meter entfernt. Bis ich vier Jahre alt war, ging es mir einigermaßen gut. Danach wurde es schlimm. Meine Mutter fiel in eine starke Depression, blieb oft tagelang im Bett, weinte, brüllte, weil sie von ihrem Liebhaber wegen einer sehr viel jüngeren Frau verlassen wurde. Von diesem Tag an verbot sie mir zu wachsen. Sie sagte: ,Bleib immer mein kleines Kind.' Ich durfte nicht altern, ich durfte das Haus nicht verlassen, ich durfte keine Emotionen zeigen, nicht weinen, nicht lachen. Ich wollte eine gute Tochter sein, ich wollte meine Mutter glücklich machen."

Àlso ging sie nicht mehr zur Schule, klebte sämtliche Fenster mit Zeitungspapier zu. Im Haus, so soll ihre Mutter befohlen haben, musste sie sich einen Wollschal um den Mund binden; alles, was von außen eindringen konnte, galt als böse. "Selbst frische Luft." So vergingen zehn Jahre. "Ich wurde mit 13 Jahren magersüchtig. Ich verlor schnell an Gewicht. Mit 16 hatte ich zum ersten Mal eine Freundin aus der Nachbarschaft, mit 18 kam ich ins Krankenhaus. Ich wog 25 Kilo. Nach dem mehrwöchigen Aufenthalt kehrte ich nie mehr in die Normandie zurück." Sie sagt: "Genug geredet. Gehen wir spazieren."

Es ist Herbst in Paris, die Touristen stehen sich im VI. Arrondissement auf den Füßen. Caro läuft an Kleiderläden und Imbissbuden vorbei, in schnellen Schritten, sie zählt auf: "Baguette geht gut, Gemüse auch, am besten püriert." Sie mag Sushi und frische Sachen, aber noch sei ihr Magen so klein - sie formt mit ihren dünnen Fingern ein O. Viel Platz sei nicht darin. "Alles, was fettig ist, vertrage ich nicht, das ist wie eine Blockade", keine Pommes frites, wenig Fleisch. Wenn sie nur an Fett denke, werde sie nervös. "Doch es geht mir besser denn je." Seit sie über alles spreche, habe sie zwei Kilo zugenommen.

Sie hat begonnen, Schauspielunterricht zu nehmen, noch sei sie auf die Rolle der Leiche abonniert. "Ich hoffe, mein Repertoire in den nächsten Jahren zu verbreitern." Sie lacht. Ihre Agentur führt sie im Register als "Komödiantin". - "Mein Traum?", wiederholt sie die Frage. "Ich will eine Familie, ich will, dass die Menschen aufhören, an Magersucht zu denken, wenn sie meinen Namen hören. Ich will, dass sie sagen: Seht her! Das ist Isabelle, eine ganz normale Frau."

Zur Person
Isabelle Caro , 25, leidet unter Magersucht, seit sie 13 Jahre alt ist. Mit 18 wog sie nur noch 25 Kilo. Heute ist die 25-jährige Schauspielerin auf dem Weg der Besserung.

Schlagartig bekannt wurde sie als Model für die Plakat-Kampagne "No. Anorexia" in Italien. Diese wurde inzwischen verboten; sie respektiere die Würde des Menschen nicht, so die italienische Werbeaufsicht Giurì.



Quelle: www.fr-online.de
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