DER JUGENDCLUB DES THEATERS HOF IN AHORNBERG „Eiskinder“ – Ein ergreifendes Stück über einen exemplarischen Magersuchts- und Bulimiefall
Fortwährende Suche nach Liebe
Magersucht und
Bulimie sind
Krankheiten, mit denen unsere Gesellschaft nur schwer zurechtzukommen scheint, liegt doch eine der Gründe für
Essstörungen im Suchen nach der Idealfigur. Der Jugendclub des Theaters Hof führte in den Berufsschulen Ahornberg das Stück „Eiskinder“ auf, das diese Problematik thematisiert.
AHORNBERG – „Wenn ich das mit dem
Essen schaffe, dann schaffe ich alles“ – der Satz eines Mädchens, das in seiner Welt nicht mehr klar kommt. Von seinem Vater in die Karrierelaufbahn einer erfolgreichen Musikerin gedrängt, die alles erreichen soll, was er selbst nicht geschafft hat. Von seiner Mutter erdrückt, doch gleichzeitig im Stich gelassen, da sie nur „das Beste“ für sie will, aber nicht sieht, was ihre Tochter wirklich braucht. Von einer Freundin zur
Essstörung getrieben, denn nur als schlanke junge Frau könne man Karriere machen und auch bei den Männern Erfolg haben.
Leben für jemand anderen
Kathrin (Judith Kratzel) ist in keinster Weise dick, dennoch rutscht sie in eine Spirale der
Essstörungen. Es fängt mit
Hungern bis zum Umfallen an und geht später in
Bulimie über – übermäßiges
Essen und dann
Erbrechen. Doch warum? Es ist der Versuch, ein
Leben, dessen Verlauf sich der eigenen Kontrolle entzieht und nach dem Willen anderer ausrichtet, in den Griff zu bekommen. Wenn man sonst nichts kontrollieren kann, dann doch wenigstens die Bedürfnisse seines eigenen Körpers. Schlank sein bedeutet stark sein. Stark sein bedeutet glücklich sein. Ein fataler Trugschluss.
Intensives
Rollenerlebnis
„Eiskinder“ ist ein Stück der österreichischen Autorin Elisabeth Vera Rathenböck. „Der Titel ist in zweierlei Hinsicht symbolisch“, erklärt Claudia Wagner, die Leiterin der Jugendtheatergruppe. „Zum einen steht es für wörtliche Kälte, denn durch das geringe
Körpergewicht frieren solche Mädchen ständig. Zum anderen steht es für die Gefühlskälte, mit der
Magersüchtige und
Bulemiker leben. Sie treffen sowohl in ihrer Umgebung, die sie nicht versteht und nicht weiß, wie sie mit ihnen umgehen soll, auf Kälte, bauen sie als
Abwehrmechanismus aber auch in ihrem Inneren auf.“
Kathrin möchte doch nichts weiter, als dass ihr Vater, ein vielbeschäftigter Geiger, stolz auf sie ist. Und wird doch immer wieder abgewiesen. „Spielst du mit mir?“, ist die oft wiederkehrende Frage, und stets heißt es „Jetzt nicht, später.“ Sie übt Klavier, lernt bis spät in die Nacht für ihr Studium an der Musikhochschule und entwickelt einen Ehrgeiz, immer und überall die Beste zu sein. Tagsüber hungert sie, nachts stopft sie alles in sich hinein, was sie finden kann und erbricht sich anschließend.
„Zwei
Seelen wohnen, ach in meiner
Brust“ – schon Goethe war diese Problematik nicht fremd. Kathrin ringt ständig mit ihrem Gewissen (Sylwia Lukaszynska), das ihr sagt, sie müsse
abnehmen und dürfe dem
Essen nicht nachgeben. „Du frisst wie ein Schwein“, rügt es sie nach einem ihrer
Ess-Brech-Anfälle. „Warum tust du mir das an?“ – „Ich wollte die Leere in mir füllen.“ Eine scheinbar banale Begründung, doch ein tiefer Blick in Kathrins Seelenleben.
Die Produktion des Stückes war eine echte Herausforderung für die jungen Darsteller. „Am Anfang dachte ich, so wie die Situation im Stück dargestellt ist, ist sie übertrieben“, erzählt Judith. „Doch dann fiel mir auf, wie viele junge Mädchen mit
Essstörungen ich selber kenne und habe realisiert, dass die Situation wirklich so krass ist.“
„Manchmal steigere ich mich so in das Stück, in die Situation von Kathrin hinein, dass mir auf der Bühne die Tränen kommen“, beschreibt Judith die Erfahrungen mit ihrer Rolle. Die ganze Gruppe hat sich vor der zeitaufwendigen Einstudierung des Stückes noch intensiv mit dem Thema beschäftigt. „Ohne das Hintergrundwissen kann man die Situation gar nicht überzeugend genug rüberbringen“, erklärt Wagner.
Der Aufwand habe sich gelohnt, der Auftritt der Theatergruppe „war souverän und sicher, die Darbietung klasse“. „Als ich meinen Kollegen erzählt habe, dass ich ,Eiskinder‘ für unsere Jugendgruppe ausgesucht habe, hielten das alle für zu schwer“, meint Claudia Wagner, die sichtlich stolz auf ihre Schützlinge ist. „Wir hatten das Stück als dritte Produktion überhaupt, und haben es heute nach zweieinhalbmonatiger Pause das erste Mal wieder aufgeführt. Und alles lief wie am Schnürchen.“
Essstörung
besiegen
Begeistert von der Aufführung waren auch die Schülerinnen und Schüler, die im Anschluss an das Stück zu einer Diskussionsrunde mit der Theatergruppe kamen. Was kann man eigentlich tun, wenn aus der Familie oder dem Freundeskreis jemand eine
Essstörung entwickelt, aber nicht erkennen will, dass er krank ist? „Im Notfall in eine
Klinik zwangseinweisen, um sie zumindest aus der unmittelbar lebensbedrohlichen Situation herauszubekommen“, rät Gertraud Fischer, Leiterin einer
Selbsthilfegruppe für
Essgestörte. „Der Rest muss von den Betroffenen selber kommen.“ Früher war die jetzige Lehrerin für Handarbeit und Hauswirtschaft selbst betroffen, fand aber dank einer
Tanz- und
Ausdruckstherapie, die ihrem Leben einen neuen Sinn gab, wieder aus dem Teufelskreis heraus. Kann man
Essstörungen heilen? Davon ist sie überzeugt, hat sie es doch selbst geschafft.
„Es ist ein harter Weg, der, wenn man ihn geht, sehr lange dauert. Doch wenn man wirklich will und bereit ist, sich auf sein neues Leben einzulassen, das gänzlich frei ist von äußeren Zwängen und Vorschriften, kann man sich selbst finden und die
Essstörung besiegen.“ nw
Keine heile Familie: Mutter (Bianca Rinke), Vater (Fabian Riemen), Kathrin (Judith Kratzel) und das Gewissen (Sylwia Lukaszynska)
Zuerst
essen, dann
erbrechen: Kathrin wurde wieder enttäuscht, sucht Trost im
Essen und unterdrückt die Stimme ihres Gewissens.
Kontaktadresse:
Selbsthilfegruppe Essstörungen:
Diakonisches Werk Hof,
Telefon 09281/5404822
selbsthilfe-kontakt@diakonie-hochfranken.de
Quelle :
www.frankenpost.de