Essstörungen
Schlank und krank
Text: Tinka Lazarevic
Bild: Archiv
Wenn der Umgang mit dem Essen zum Zwang wird, ist professionelle Hilfe gefragt. Den ersten Anstoss, um aus dem Teufelskreis auszubrechen, können aber oft die Angehörigen geben.
Anja S. ist dünn, viel zu
dünn. Eigentlich nur noch
Haut und
Knochen. Und doch fühlt sie sich an den
Oberschenkeln zu
dick. Während die anderen das
Mittagessen geniessen, schiebt sie es hin und her und zählt still
Kalorien. Noch häufiger erfindet sie Ausreden, um nicht mit ihren Freundinnen in der Schulkantine
essen zu müssen - sie ist stolz, dass sie sich so im Griff hat. Angefangen hat es bei ihr mit einer
Diät, doch das
Abnehmen ist inzwischen zum tagesbestimmenden Inhalt geworden und die Waage das Orakel fürs tägliche Wohlbefinden. Bloss kein
Gramm zulegen! Wie andere
Magersüchtige hat Anja eine
gestörte Selbstwahrnehmung sowie panische
Angst vor dem
Zunehmen, obwohl sie bei einer Grösse von 171
Zentimetern nur noch 47
Kilo wiegt.
Das
Gewicht von Vanessa F. hingegen liegt im Normalbereich, obwohl sie alle zwei bis drei Tage grosse Mengen von
fett- und
kohlehydratreichem Essen in sich hineinstopft: eine Schachtel Glace, eine Familienpackung Pommes Chips, drei Teller Spaghetti mit Pestosauce und einer
dicken Schicht Käse obendrauf. Sie isst auch dann weiter, wenn sie schon längst satt ist. Um eine
Gewichtszunahme zu verhindern,
schluckt sie
Abführmittel, erbricht gewollt oder
fastet drei Tage lang. Bis sie die nächste
Essattacke befällt. Dass sie an
Ess-Brech-Sucht (Bulimie) leidet, sieht man ihr nicht an, da sie
normalgewichtig ist.
Flucht vor der realen Welt
So verschieden die Ausprägungen solch
krankhaften Verhaltens sind, beiden ist eines gemeinsam: ein zwanghafter Umgang mit dem
Essen und die ständige Kontrolle des
Gewichts. Dahinter können verschiedene Gründe stecken: Abgrenzung von der Familie, Flucht vor der realen Welt, ein übertriebenes
Schönheitsideal, Verdrängung des Erwachsenwerdens und der Weiblichkeit, familiärer Leistungs- und Erfolgsdruck. Oder auch die Suche nach einem Weg, die innere Leere auszufüllen.
Bleiben
Magersucht oder
Bulimie unbehandelt, kommt es zu schweren
körperlichen Folgeerkrankungen:
Kreislaufproblemen, Nierenschäden, Osteoporose, Herzrhythmusstörungen und Schlafproblemen. Zusätzlich können psychische Störungen wie Depressionen, Zwangs- und Angststörungen auftreten. Das
Hungerregime der
Magersucht kann sogar zum
Tod führen: Die
Sterblichkeitsrate liegt bei hohen zehn Prozent. Durch die ständige Beschäftigung mit den Themen
Essen und
Gewicht leiden zudem die sozialen Beziehungen. Diese treten in den Hintergrund, wie auch die Ausbildung, der Beruf und Freizeitaktivitäten. Das führt zu einem zusätzlichen Leidensdruck.
Die wenigsten schaffen es alleine
Nicht jedes auffällige
Essverhalten ist bereits ein Grund zur Sorge. «Was die
Essstörung charakteristisch macht, sind nicht die einzelnen Verhaltensweisen an sich, sondern die Regelmässigkeit und Häufigkeit, die gedankliche und verhaltensmässige Beschäftigung mit dem
Essen sowie das Ausmass der
psychischen, sozialen und
körperlichen Folgen», erklärt Bettina Isenschmid,
Psychiaterin und Leiterin der Sprechstunde für
Essstörungen am Inselspital Bern. Oft kann erst eine ärztliche Abklärung endgültigen Aufschluss über das Vorliegen der
Krankheit geben.
Die wenigsten Betroffenen schaffen es alleine, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. «Als Faustregel gilt: Wenn eine
Essstörung länger als zwei Jahre andauert, ist die Chance auf
Selbstheilung bereits gering und eine Therapie erforderlich», sagt Isenschmid. «Früherfassung und Frühintervention sind absolut erstrangig, da die Prognose sehr viel besser ist, wenn die
Essstörung noch nicht lange andauert.»
Das Hauptziel einer Behandlung ist die Normalisierung und Stabilisierung des
Essverhaltens und des
Gewichts sowie das Abklären der Gründe, die hinter der
Essstörung liegen. Dies erfordert eine
psychotherapeutische Betreuung. Je nach Ursache der Störung ist es sinnvoll und notwendig, Familienmitglieder in die Therapie einzubeziehen. Menschen mit
Essstörungen haben auch eine gestörte
Wahrnehmung des eigenen
Körpers. Mit diversen Übungen soll vermittelt werden, wie sie ein besseres
Körpergefühl und neue
Körperakzeptanz erreichen. Meistens werden verschiedene
Therapien miteinander kombiniert; diese dauern Monate oder sogar mehrere Jahre.
Wie sollen Angehörige reagieren?
Eine Behandlung kann erst erfolgen, wenn die
Betroffenen selber Einsicht in ihre
Krankheit entwickeln und bereit sind, sich helfen zu lassen. Der erste Anstoss dazu kann aus dem Umfeld kommen. Bevor Sie jemanden auf sein auffälliges
Essverhalten ansprechen, informieren Sie sich über die
Krankheitssymptome.
Sprechen Sie die Person behutsam an und äussern Sie Ihre Beobachtungen und Sorgen. Zeigen Sie, dass Ihnen etwas an ihrem Wohlergehen liegt, nicht am
Essverhalten an sich. Es nützt nichts, sie zu zwingen, wieder mehr zu essen - das treibt sie höchstens noch mehr in die Isolation.
Sprechen Sie in der Ich-Form, damit Ihre Beobachtungen nicht als Vorwürfe aufgefasst werden.
Fragen Sie nach, was die Person bewegt und was ihr zu schaffen macht, und ermutigen Sie sie, sich an eine Beratungsstelle zu wenden. Stellen Sie aber keine eigene
Diagnose: Sie sind kein Therapeut!
Zu Beginn werden solche Gespräche oft abgeblockt. Die Leidtragenden schämen sich für ihr Verhalten und werden leugnen, dass sie ein Problem haben. Zeigen Sie hier Geduld und Ausdauer, aber beharren Sie nicht ständig auf dem Thema. Wichtig ist es aufzuzeigen, dass jemand ein offenes Ohr hat und es zahlreiche Fachstellen gibt, die weiterhelfen können.
Für Angehörige sind
Magersucht oder
Bulimie ebenfalls eine Belastung und führen die eigene Hilflosigkeit und Überforderung vor Augen. Holen Sie sich, wenn nötig, selber Hilfe bei einer
Beratungsstelle oder
Selbsthilfegruppe.
Wie erkennen Angehörige Essstörungen?
Zuerst muss die
Krankheit als solche erkannt werden. Angehörige und Freunde sollten hellhörig werden, falls mehrere der folgenden Anzeichen auftreten:
Der/die Betroffene
meidet gemeinsame Mahlzeiten
hat Ess-Spleens, sucht immer
twas Besonderes oder vermeidet Speisen mit vielen Kalorien
beschwert sich ständig über zu fettes oder zu üppiges Essen
teilt das Essen in verbotene und erlaubte Nahrungsmittel ein
stochert im Essen, zerkleinert die Bissen und isst sehr langsam
hält sich für zu dick und spricht häufig über Abnehmen, Diäten und Fitness
stellt sich täglich auf die Waage
verlässt während des Essens häufig den Tisch oder geht nach den Mahlzeiten sofort aufs WC
isst zu ungewöhnlichen Zeiten oder heimlich
lässt Nahrungsmittel heimlich verschwinden, zum Beispiel in Taschentüchern oder in der Handtasche, oder wirft sie weg
ist hyperaktiv, treibt übertrieben Sport und ruht sich fast nie aus
versteckt oder hortet Lebensmittel und Süssigkeiten
verschlingt ungewöhnlich grosse Mengen an Lebensmitteln oder Süssigkeiten (Essattacken)
klagt häufig über Verstopfung und/oder nimmt oft Abführmittel
hat ausgeprägte Gewichtsschwankungen
macht ungern Besuche, weil diese zum Essen verpflichten könnten
hat keine Einsicht in das mögliche Krankheitsbild und will sich nicht medizinisch untersuchen lassen
Quelle :
www.beobachter.ch