Bulimie: Wenn das Essen zur Qual wird
Eine Betroffene erzählt von ihrem Leben zwischen Magersucht und Fressattacken - Therapien in der Inntalklinik
von Anna Kessler.
Simbach. Sie lebt seit 14 Jahren in einem Teufelskreis aus
Magersucht und
Bulimie. Alle
Behandlungen waren bislang erfolglos. Ein Schicksal von vielen in der
Inntalklinik, die seit Jahren
essgestörte Patienten therapiert. Der Leere im Magen und im Leben entkommen, für die meisten ein schwieriges Ziel. Die PNP hat mit einer
Betroffenen gesprochen.
Angefangen hat alles vor rund 14 Jahren. Mit 19 wurde Christina (Name von der Redaktion geändert) von einem Bekannten vergewaltigt. Eine Mischung aus Scham und Schuldgefühlen brachte sie dazu, ihre schönen, weiblichen Rundungen als Auslöser für die Vergewaltigung zu sehen. Christina fällt in die
Magersucht, empfindet
Essen, sobald es in ihrem
Körper ist, als Bedrängung und
Fremdkörper.
Die nächsten sieben Jahre werden zu einem Hin und Her aus
bulimischen Attacken und Phasen, in denen sie tagelang gar nichts
isst. Sie
hungert sich von 65 auf 47
Kilo herunter. Doch das ist nicht alles, sie treibt zusätzlich exzessiv Sport. Morgens joggen, mittags schwimmen und nach Feierabend bis zu 45
Kilometer Rad fahren. »Ich hab glücklicherweise einen robusten
Körper und war während dieser Zeit
körperlich nie am Limit. «
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Magensäure greift Zähne an
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Eltern und Freunde bekamen von all dem nichts mit. »Weil ich so extrem fit war, hat niemand eine
Essstörung bei mir vermutet«, erinnert sich die 33-Jährige heute. Der Zahnarzt sprach sie als Erster darauf an. Er bemerkte den schlechten Zustand ihrer Zähne, die von der
Magensäure stark angegriffen waren. Er nannte ihr zwei mögliche Gründe: zu viel
Essig oder
Bulimie. »Ich habe alles abgestritten, habe ihm gesagt, dass es bestimmt daran liegt, dass ich viel Cola trinke und Balsamico mag. « Auch ihr damaliger Freund hatte etwas bemerkt, sprach sie aber nie direkt darauf an. »Die wenigsten trauen sich etwas zu sagen«, erzählt sie. Als die Beziehung endet, erleidet sie einen Zusammenbruch. Sie wird von
Minderwertigkeitsgefühlen gequält, sucht die Schuld am Scheitern der Beziehung wieder bei sich.
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Organe funktionieren nicht mehr richtig
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Im Jahr 2000 kommt sie zum ersten Mal in die
Inntalklinik nach Simbach. Die
Ärzte stellen fest, dass ihre
Organe nicht mehr richtig funktionieren. Das
Verdauungssystem ist zusammengebrochen, ihre
Lymphknoten sind geschwollen, die
Nieren sammeln übermäßig Wasser an.
Auf der Station S2 werden bis zu 40 Patienten mit unterschiedlichen Arten und Ausprägungen von
Essstörungen behandelt. Nur extrem
Untergewichtige werden nicht aufgenommen. »Das Denken dieser Menschen ist so sehr eingeschränkt, dass keine Chance für den nötigen
psychotherapeutischen Prozess besteht«, erklärt Funktionsoberleiterin Dr. Karin Heilmann.
Nach elf Wochen
Therapieprogramm konnte Christina das
Essen wieder einigermaßen genießen. »Vorher habe ich nur im Stehen gegessen, weil ich mir verbot, es im Sitzen zu genießen. « Für
Patienten mit
Magersucht und
Bulimie ist ein stabiles
Gewicht, ein strukturierter
Essensplan und die Förderung der
Selbständigkeit am wichtigsten. Die
Behandlung besteht aus
Gruppen- und
Einzeltherapien.
In der Gesprächsgruppe erzählen sich die
Patienten ihre Erfahrungen, tauschen Gefühle aus. In der
Gestaltungstherapie wird versucht, die Probleme zu malen, zeichnen und modellieren. Genauso wichtig ist die
Tanztherapie, bei der sich jeder von einer neuen Seite kennen lernen kann.
Am Gemeinschaftstisch gibt es klare Essensregeln und eine feste
Essenszeit: Mindestens 40 Minuten müssen die
Patienten sitzen bleiben. In zwei »Blitzlichtrunden« vor und nach dem
Essen sagt jeder, welches Gefühl gerade in ihm dominiert. »Manche versuchen zu tricksen«, erzählt Christina. »Sie schneiden das
Essen auf dem Teller ganz klein, damit es nach mehr aussieht. « Sie selbst ist schon weiter, sitzt mittlerweile am »Tisch für Fortgeschrittene«. Eine
Therapeutin, die mit dabei sitzt, gibt jedem eine Rückmeldung über die »geschaffte« Menge
Essen.
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Neue Strukturen
im Leben finden
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Die Einzeltherapie findet einmal pro Woche statt. Hier werden zum Beispiel schlechte Beziehungserfahrungen aufgearbeitet. Häufig sind diese besonders angst- und schambesetzt.
In einem geregelten Alltag zurecht zu kommen, ist ein großes Problem. Alles dreht sich nur noch um das Thema »
Essen«. Der
Therapeut versucht, dem
Patienten neue Strukturen zu zeigen. Familie, Freunde, Arbeit, Hobbies und
Essen - für alles wird ein neuer Platz im Leben des
Patienten geschaffen.
Nach der ersten
Therapie vor sieben Jahren ging es Christina anfangs besser. Sie schulte um, hatte viel Freude in ihrem neuen Job. In ihrem alten Beruf als
Lebensmittelverkäuferin wollte und durfte sie nicht zurück. In ihren schlimmsten Phasen hatte sie dort Unmengen »Verbotenes«, wie Eis und Schokolade, in sich hineingestopft.
In dieser Zeit erzählte sie zum ersten Mal ihren Freunden von ihrer
Krankheit. »Manche verstanden es einfach nicht, ein paar waren sehr betroffen und bewunderten mich für den Mut, es offen zu sagen«, erinnert sie sich. »Ich habe seither wenig gute Freunde, von denen ich Komplimente annehmen kann. Mein neuer Chef und die engsten Kollegen wissen Bescheid, darüber bin ich sehr froh. «
Als Ende 2006 ihr neuer Freund Schluss macht, fällt sie erneut in ihr altes Muster zurück,
bulimische Attacken bestimmen wieder ihr Leben. Mit dem Mann hatte sie sich wohl gefühlt, konnte auch normal mit ihm zusammen
essen. Nach dem Beziehungs-Aus wird ihr klar, dass sie nur ihm zuliebe
gegessen hat und eigentlich todunglücklich war. »Was hilft mir ein Mann, der mir eine Jacke für 500 Euro kauft, wenn er mich nicht trösten kann?«
Bei ihrer Familie findet sie Trost und Unterstützung, seit Anfang Februar ist sie wieder in der
Inntalklinik. Erst jetzt wurde ihr in der
Therapie klar, was hinter ihrer
Krankheit steckt: mangelndes
Selbstbewusstsein. »Als Kind bin ich immer für sehr fähig gehalten worden. Deswegen sehen in mir alle nur die starke Person, die mit allem klar kommt. «
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»Essen ist Liebe
und Zuwendung«
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Mit vier Kindern war ihre damals noch sehr junge Mutter einfach überfordert. Christina war die älteste und häufig bei der Großmutter. Die gab ihr anstatt Trost immer etwas zu
Essen, wenn sie weinte, erinnert sich Christina. »Ich habe da gelernt, dass Nähe etwas Schlechtes und
Essen Liebe und Zuwendung ist. «
Jetzt versucht die 33-Jährige in der
Klinik die nötige Kraft zu sammeln, die sie braucht, um später nicht in ihr altes Dilemma zurückzufallen. »Ich habe im Moment große Angst vor draußen. Hier in der Klinik ist es leichter mit der
Krankheit zu leben, weil man einfach respektiert wird. «
Christina meint: »Den Ausstieg schafft man nur, wenn man lernt, sich selbst eine gute Mutter zu sein. « Und das hat sie sich felsenfest vorgenommen.
Quelle :
www.pnp.de