Fresssucht: "Holen Sie sich Hilfe"
Seminar "Ess-Störungen" vom Verein "Traumhaus" gibt Betroffenen Rat
Vom 25.04.2007
WEHEN
Fress-, Mager- und Ess-Brech-Sucht: Darum ging es beim gut dreistündigen Seminar "
Ess-Störungen" vom Verein "Traumhaus" im kleinen Haus der Arbeiterwohlfahrt an der Platter Straße im Taunussteiner Stadtteil Wehen. Diplomsozialpädagogin Annette Scheuring gab den
Betroffenen dabei einen klaren Rat: "Holen Sie sich Hilfe!"
Von
Christine Dressler
Das klang selbstverständlich. Doch an den einzelnen
Ess-Störungen oder Mischformen leiden vor allem Menschen, die eigene Probleme verdrängen, sich von anderen innerlich abschotten und eine Fassade aufrechterhalten. Wie zum Beweis dafür wollten alle Teilnehmerinnen an dem Seminar anonym bleiben.
Die Tabuisierung spiegelten auch Aussagen der Frauen wider. So gab eine 45-Jährige zu, dass sie seit 20 Jahren
essgestört sei, aber niemand davon wisse: "Ich
esse oft zu viel, treibe aber so viel Sport und
esse zwischendurch so wenig, dass ich normal aussehe." Eine gerade geheilte Mittdreißigerin erzählte, wie sie "in den Teufelskreis"
Fress-Sucht geriet und in ihm 20 Jahre gefangen blieb.
"Um wahrgenommen zu werden und fehlende Liebe und Zuwendung zu kompensieren,
aß ich - immer mehr und dann heimlich." Weil sie sich dafür und für die
Gewichtszunahme schämte, "isolierte ich mich erst recht". Erst als der Leidensdruck unerträglich wurde, sie Kontakt zu
Selbsthilfegruppen aufnahm, mit 32 Jahren eine dreimonatige stationäre
Therapie absolvierte, daheim auszog, sich ein neues Umfeld aufbaute und lernte, eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, "statt immer nur zu funktionieren", sei sie der
Sucht entkommen. "Alleine hätte ich das nie geschafft", war sich die Bürokauffrau sicher, die sich heute in der Kirche und
Selbsthilfegruppen engagiert.
Eine Berufsschullehrerin erkannte beim Seminar, dass sie an einem Mix aus
Ess- und Magersucht leidet. Eine andere informierte sich über Ess-Störungen, um ihren Schülerinnen und Schülern "besser helfen zu können". Scheuring bestätigte, dass
Ess-Störungen längst keine Frauensache mehr sind, sondern Jungen ganz genauso betreffe.
Essen als
Ersatzbefriedigung, ein geringes
Selbstwertgefühl, die Definition der eigenen Person über Leistung, einen Hang zum
Perfektionismus und die Verleugnung persönlicher Gefühle - all das konnte Scheuring als bis vor 13 Jahren von
Bulimie Betroffene bestätigen. Aus eigener Erfahrung, ihrer Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen sowie der Fachliteratur informierte sie genau über alle
Ess-Störungen. Sie begännen oft in der Pubertät. Während Fress-Süchtige über das Völlegefühl hinaus
essen, ohne der
Gewichtszunahme etwa durch Sport gegenzusteuern, nutzten
Bulimiker vor allem
Erbrechen,
Abführmittel und
Hungerkuren, um nicht
dick zu werden.
Magersüchtige wiederum reduzierten ihr
Gewicht bewusst "durch anhaltende
Nahrungsverweigerung". Die Folgen reichten bei dieser gefährlichsten Form von Kreislaufzusammenbrüchen über eine Vermännlichung des
Körpers bis hin zum völligen Verschwinden. Die häufigste Mischform kombiniere
Mager- und Ess-Brech-Sucht.
Um "Wege aus der Sucht und zu einem positiven
Selbstwertgefühl" zu finden, müssen sich
Betroffene Hilfe holen. "Das kann durch eine
Therapie,
Selbsthilfegruppe oder Freunde geschehen", betonte Scheuring, die auch Rat und Kontakte vermittelt. Erreichbar ist sie unter Telefon 0177/4079764 oder über den Verein Traumhaus (06128/6621, E-Mail traumhaus-taunusstein.de). Internet:
www.traumhaus-Taunusstein.de
Quelle :
www.main-rheiner.de