Kampf gegen Kilos und Kalorien
Heute ist Welternährungstag. Doch viele Menschen, die genug Nahrung haben, verzichten freiwillig auf ihr Essen - aus krankhaftem Wahn. In Deutschland leiden rund 700 000 Menschen an Magersucht oder Bulimie. Über 21 Prozent der 11- bis 17-Jährigen zeigen erste Symptome, betroffen sind besonders junge Mädchen.
Ein Apfel, ein Scheibe Knusperbrot, zwei Pfefferminzbonbons – das ist für viele, vor allem junge Frauen schon relativ viel
Nahrung für einen Tag. Der Gang zur
Waage wird dann meist zu einer Qual. Ein
Kilo mehr! - Damit wollen und können
Mager- und Ess–Brech-Süchtige nicht leben.
In Deutschland geht es so oder so ähnlich über 100 000 Menschen, insbesondere Frauen zwischen 15 und 35 Jahren. Diese Zahl gibt das Deutsche Institut für
Ernährungsmedizin und
Diätetik in Aachen an. Weitere etwa 600 000 Frauen und Männer leiden unter
Ess-Brech-Sucht (Bulimie).
Wie schlimm ein von
Magersucht zerstörter
Körper aussehen kann, zeigte vor Kurzem Fotograf Oliviero Toscani in Mailand mit Hilfe seines umstrittenen Werbefotos für die Modemarke "Nolita". Darauf ist eine nackte, bis auf die
Knochen herunter
gehungerte Frau, die Schauspielerin Isabelle Caro, zu sehen. Dieses Werbebild soll eine Kampagne gegen
Magersucht (Anorexie) sein, welches Modedesigner größtenteils befürworten.
Aufklärung statt Abschreckung
Hilfsgruppen für
Magersüchtige stehen dieser Aktion allerdings eher skeptisch gegenüber. ABA, die italienische Gemeinschaft gegen
Anorexie, Bulimie und
Fettsucht, ließ in einer Meldung der Nachrichtenagentur ANSA die Befürchtung verlauten, dass dieses Foto Nachahmer mit sich bringen könnte, die nach öffentlicher Aufmerksamkeit suchen. Gesprächsstoff lieferte das Foto auch in Deutschland. So distanziert sich unter anderem die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) in Köln – eine Fachbehörde im Geschäftsbereich des Gesundheitsministeriums – grundsätzlich von schockierenden Darstellungen kranker Menschen und hält solche auch nicht für hilfreich. "Abschreckung kann zwar ein kurzfristig öffentliches Interesse hervorrufen, aber sie trägt nicht zur eigentlichen Aufklärung und langfristigen Information bei", sagte Marita Völker-Albert von der BzgA-Pressestelle auf Nachfrage von medien-mittweida.de.
Betroffene, wie in diesem Fall Menschen mit
Magersucht, fühlten sich durch so ein Plakat eher bestätigt, während
Nicht-Betroffene abgestoßen würden. Diese Polarisierung habe keinen präventiven Effekt und fördere auch nicht das Verständnis für Menschen mit
Magersucht, so Völker-Albert weiter. Die BZgA arbeite dagegen stets mit Aufklärung und Information, nicht mit Abschreckung.
Vor allem die Vorbildfunktion spielt in Bezug auf
Essstörungen - insbesondere bei Jugendlichen – eine tragende Rolle. Frauen wie "Fluch der Karibik"-Darstellerin Keira Knightley, Musikertochter Nicole Richie oder Fußballergattin Victoria Beckham machen das extreme Abspecken ja "bestens" vor. Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) für 2007 machen deutlich, dass insgesamt mehr als ein Fünftel (21,9 Prozent) der Kinder und Jugendlichen in Deutschland im Alter von 11 bis 17 Jahren Symptome einer
Essstörung zeigen. Erwartungsgemäß liegt der Anteil der Mädchen mit 28,9 Prozent deutlich höher, als der der Jungen mit 15,2 Prozent. KiGGS legt des Weiteren dar, dass sich im Altersvergleich für Jungen ein abnehmender, für Mädchen ein zunehmender Trend für das Vorliegen einer möglichen
Essstörung bis hin zum 17. Lebensjahr zeigt. Vor allem heranwachsende Frauen stehen also unter einem wachsenden Druck, dem vorgegebenen
Schönheitsideal zu entsprechen.
Optimierung von Therapieangeboten
Demzufolge ist es auch überwiegend das weibliche Geschlecht, das sich, wenn überhaupt, behandeln lässt. Darauf konzentriert sich seit Mai dieses Jahres auch die Medizinische Universitätsklinik Heidelberg in Form einer Studie. In dieser werden zwei ambulante
Therapieangebote für
untergewichtige Frauen mit
Essstörungen verglichen. "An unserer Abteilung wird seit vielen Jahren im Bereich der
Essstörungen, speziell
Magersucht geforscht. Wir haben bis jetzt 50 erwachsene Patientinnen an neun verschiedenen Zentren bundesweit in die Studie eingeschlossen", sagt die verantwortliche Biometrikerin Beate Wild von der Klinik für
Psychosomatische und Allgemeine Klinische Medizin. Die Heidelberger Experten behandeln etwa 160 überwiegend junge Frauen mit
Essstörungen pro Jahr. 60 der Teilnehmerinnen leiden unter
Magersucht. Die betroffenen Frauen leiden an massivem Untergewicht und lang anhaltenden
körperlichen und psychischen Beschwerden. Ziel der Heidelberger Studie ist es, das Behandlungsangebot noch besser auf die individuellen Bedürfnisse der
Patientinnen einstellen zu können. "Der Abschluss der Studie wird erst in zweieinhalb Jahren sein, vorher werden keine Zwischenauswertungen gemacht", erklärt Beate Wild gegenüber medien-mittweida.de.
Quelle:
www.medien-mittweida.de