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Alt 28.02.2007, 17:20
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Standard Kilo um Kilo

Kilo um Kilo
Ein Mädchen aus Remscheid erzählt von der Zeit, als sie magersüchtig gewesen ist – und wie sie wieder gesund wurde.


Veronika aus Remscheid war magersüchtig. Über Jahre hungerte sich die heute 21-Jährige auf weniger als 30 Kilo herunter – und brachte sich damit in Lebensgefahr. Für X-ray hat Veronika (die in Wirklichkeit einen anderen Namen hat) die Geschichte ihrer Krankheit aufgeschrieben:
Ich kann gar nicht genau sagen, wie das alles angefangen hat. Wie das alles so anfangen konnte. Wie und wann sich alles so „verfestigt“ hat, dass ich nicht den Übergang bemerkte.
Wenn ich zurückdenke an die Zeit, in der ich immer ein glückliches Kind war, dann ist dies auch die Zeit, in der ich ein übergewichtiges Kind war. Übergewichtig, aber glücklich, zufrieden, immer gut gelaunt – und gesund.
Hin und wieder wurde ich von Schülern und anderen geärgert, aber ich würde es nicht als besonders viel oder schlimm bezeichnen. Daher ist es schwer, nachvollziehen zu können, was der Auslöser für dieses „Spiel zwischen Essen und Nicht-Essen, Freud und Leid, dem Rechnen und Bewegen, Leben und Tod“ war.
Eines Tages kam der Punkt, an dem ich es leid war, übergewichtig zu sein.
Sommerferien 1997 Veronikas Gewicht: 77 Kilo
Kurz vor meinem 12. Geburtstag.
Ich begann, Süßigkeiten zu reduzieren, ersetzte Cola durch Sprite (was keinen wirklichen Unterschied machte) und trieb mehr Sport. Allerdings trieb ich vorher schon Sport. Ich nahm gesund ab, anfangs etwa ein Kilo pro Woche und fühlte mich (körperlich wie auch seelisch) gut. Ich aß all das, was ich gerne mochte – nur in Maßen.
Als die Sommerferien vorbei waren, fiel keinem wirklich etwas an mir auf. Vielleicht trieb mich dies auch noch weiter an... Irgendwann kamen erste „Bestätigungen“ von Klassenkameraden, später auch von Lehrern. Da wog ich um die 77 Kilo.
Mit etwa 14 Jahren müsste ich 66 Kilo gewogen haben, bei einer Größe von 1,62 Meter. Dieses Gewicht behielt ich etwa ein Jahr.
Sommer 2001 Veronikas Gewicht: 42 Kilo
Ich hatte meinen Realschulabschluss. Gerade zufrieden war ich nicht mit meiner Figur, aber die Abschlussfeier war ja unumgänglich, und ich freute mich ja sogar auf sie! Die meisten Mädchen trugen elegante Kleider und hatten eine wunderschöne Hochsteckfrisur. Ich trug eine Hose und ein Shirt.
Die darauf folgenden Sommerferien gingen vorbei und ich wechselte auf ein Gymnasium, um das Abitur anzustreben. Es wurde nicht nur von den Anforderungen in der Schule her schwieriger, sondern auch für mich im Bezug auf „neue-Kontakte-knüpfen“. Mein (Ess-)Problem verselbstständigte sich. In den Pausen stand ich meistens mit einigen Schülern zusammen – aber ein Teil von ihnen war ich wohl eher nicht.
Meine Noten waren zwar nicht übermäßig schlecht, jedoch trotz Anstrengung auch nicht gerade „berauschend“. Als ich trotz allem den Führerschein anfing, wurde es noch stressiger – und somit wurde auch mein Essproblem schlimmer.
Schüler und Lehrer sahen es mir in der 12. Klasse an, ich wog noch etwa 42 Kilo.
Herbst 2003
Ich überlegte eine Zeit lang, ob ich die Schule abbrechen sollte, wenn ich eine Lehrstelle bekäme.
Anfang der 13. Klasse bekam ich „zufällig“ eine Stelle. Als Konditor-Auszubildende. Anfang Oktober folgte der Beginn meiner Ausbildung.
Konditorin? Mit den Anzeichen der Magersucht? Oder gar schon Symptomen? War dies der Schritt in eine andere, neue Richtung? In die richtige Richtung?
Doch anstatt wie gedacht (wohl vielmehr gehofft), dass sich alles zum Positiven wendet, war die Ausbildung anscheinend noch ein Anlass dafür, dass sich mein Problem fortsetzte, sich weiter verselbstständigte.
Januar 2004
Meine Krankheit brach völlig aus.
Ich war ein wandelndes Etwas – konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Ich hatte keine Kraft, hatte Probleme beim Schreiben und beim Zudecken, brauchte Hilfe beim Anziehen.
Keiner weiss WIE, aber IRGENDWIE hielt ich mich auf den Beinen; ich wankte durch die Gegend. Immer diese Kälte. Immer dieses Schwächegefühl, welches ich mir jedoch nicht eingestand:
„Alles klappt doch! Irgendwie klappt es. Vielleicht nicht mehr ganz so wie früher, aber irgendwie... Was wollt ihr denn?“
War das noch ein Leben – oder doch schon eine Last? Eine Last für mein Leben – oder für das der anderen?
Montag, 26. Januar 2004 Veronikas Gewicht: knapp 30 Kilo
Das Datum für meinen freiwilligen Eintritt in eine Spezial-Klinik. Gleichzeitig mein Eintritt in den Kampf um Essen oder Nicht-Essen, um Leben oder Nicht-Leben. Nach dem Mittagessen erfuhr ich, dass ich in ein richtiges Krankenhaus müsste. Es sei zu riskant, mich dort zu behalten, da dort keine intravenöse Ernährung durchgeführt werden konnte.
Auf Grund meines Gewichts von knapp 30 Kilo wurde ich erst auf die Intensivstation gebracht. Ich bekam eine Magensonde durch die Nase. Innerhalb von drei Wochen nahm ich dort bis auf das Gewicht von 38 Kilo zu. Außerdem bekam ich einen ZVK (Zentraler Venenkatheter): einen Schlauch, der am Hals „montiert“ wird, damit dem Körper flüssige Nahrung zugefügt werden kann.
Ich war so stolz und glücklich, als ich mich irgendwie alleine im Bett hochziehen konnte, um am Bettrand sitzen zu können. Das war ein anstrengender Akt, der erst nach einigen Tagen meiner „Aufpäppelung“ möglich war.
Außer den Narben der ZVKs und den vielen Erinnerungen bleibt auch eine Fehlstellung der Hände: Die Finger lassen sich nicht mehr so gut bewegen wie früher, fühlen sich irgendwie steif an.
Drei Wochen später wurde ich direkt im Anschluss zurück in die Klinik gebracht, die eigentlich nur vorgesehen war.
Dienstag, 27. April 2004
Mein Entlassungstag. Ich wog 44,4 Kilo.
Doch bis zum Januar 2005 fiel das Gewicht wieder rapide ab; in dieser Zeitspanne kam ich weitere vier Male in zwei verschiedene Krankenhäuser. Ende Dezember 2005 betrug mein Gewicht in etwa das, welches ich im Januar 2004 hatte: etwa 29,8 kg.
In allen Krankenhäusern bekam ich über ZVKs Nahrung und aß selbstständig ein wenig.
Zwischen den einzelnen Krankenhausaufenthalten war ich wieder eine Zeit lang in der Berufsschule in meiner alten Klasse.
Sommer 2005
Ich durfte meine Ausbildungstätigkeit stundenweise versuchen auszuüben, um wieder in die Arbeitswelt eingegliedert zu werden. Dann wurde mir gekündigt: teils wegen des Problems, der Krankheit Magersucht, teils wegen meiner Hände.
Sommer 2006
Meine Mutter wurde von einer Ernährungsberaterin beim Einkaufen angesprochen. Ich war ein paar Schritte davor und bekam es nicht mit. Dann sprach sie auch mit mir und nahm mich mit in ihr „Büro“, das sich neben dem Geschäft befand.
Sie sprach erst mit mir alleine an ihrem Arbeitsplatz, danach kam meine Mutter hinzu. Sie schrieb uns eine Telefonnummer von einem Arzt auf, zu dem ich seitdem regelmäßig gehe und durch den ich zu einer Therapeutin kam.
Er versuchte alles Mögliche für meine Hände, und um mich auf den Weg zurück ins Leben zu bringen. Durch ihn veränderte sich viel:
Ich bekam wieder mehr Freude und Spaß im und am Leben, wollte „raus“, war (und bin) körperlich und psychisch in besserer Verfassung. Ich nahm zu, konnte wieder einiges essen, was ich mir jahrelang verkniffen habe – ich merkte, dass ich zurück ins Leben komme!
Heute geht Veronika wieder zur Schule und macht eine Ausbildung zur Gestaltungstechnischen Assistentin. Ihre Therapie macht sie weiterhin mit ihrem Hausarzt und einer Psychotherapeutin. Veronika wiegt 39,5 Kilo. An Dinge wie Kuchen tastet sie sich vorsichtig heran. Sie will bis 46 Kilo zunehmen – das ist ihr Ziel. Ihren Händen geht es immer noch nicht besser.

Quelle : www.rga-online.de
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