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Alt 02.02.2007, 04:25
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Standard Essstörungen

Essstörungen
Ulrike Gonder
Um die Nachricht vom Sieg der Griechen über die Perser zu überbringen, rannte der griechische Meldeläufer Phidippides den weiten Weg von Marathon nach Athen - so die Legende - und brach gleich darauf tot zusammen. Etwa 2.500 Jahre später stirbt die US-Turnerin Christy Henrich an den Folgen ihrer Magersucht (Anorexia nervosa). Zwischen beiden Sportlern gibt es vermutlich eine Gemeinsamkeit: Sie wurden das Opfer ihrer Endorphine. Das sind körpereigene Drogen, die eigentlich dazu da sind, Stress-Situationen wie sportliche Höchstleistungen oder starken Hunger zu überleben.

Endorphine, die körpereigenen Drogen
Endorphine sind winzige Eiweißkörper, die unsere Nervenzellen selbst herstellen. Sie dienen als Botenstoffe und halten die Kommunikation im Gehirn aufrecht. Ihre Entdeckung verdanken sie einer pflanzlichen Droge, dem aus Schlafmohn gewonnen Morphium. Morphium ist bis heute das wirksamste Schmerzmittel, es sorgt für euphorische Zustände, lähmt das Atemzentrum und die Darmmuskulatur, verengt die Pupillen, setzt Hormone frei - und es macht abhängig.

Wie kann eine solche Substanz, die aus dem Stoffwechsel einer Pflanze stammt, im Gehirn des Menschen so vielfältige Wirkungen erzielen? Eine Antwort auf diese Frage erhielten Wissenschaftler 1973, als es ihnen gelang, im Gehirn spezifische Bindungsstellen für Morphium nachzuweisen. Morphium oder auch das daraus gewonnene Heroin passen zu diesen Rezeptoren wie ein Schlüssel zum Schloss, es ist die Voraussetzung dafür, dass die Drogen überhaupt wirken können. Aber warum in aller Welt hat der Mensch im Gehirn Drogen-Rezeptoren? Hat das ganze am Ende einen biologischen Sinn? Schließlich sind wir nicht auf dieser Welt, um uns mit Morphium zu berauschen. Könnte es nicht sein, dass das Morphium rein zufällig in Bindungsstellen passt, die eigentlich für natürliche, körpereigene Stoffe bestimmt sind?

Drogen für die Stressbewältigung
Dass es genau so ist, konnten schottische Forscher 1975 zeigen. Es war ihnen gelungen, aus Hirnmaterial winzige Eiweißpartikel zu isolieren, die sich tatsächlich an diese Drogen-Rezeptoren hefteten. Der Körper schüttet diese Eiweiße bei Stress-Situationen aller Art aus, sie helfen ihm, Krisen zu überstehen. Ihre Entdecker nannten sie "Enkephaline", nach dem griechischen Ausdruck für "im Kopf". Heute nennt man solche Substanzen, die endogen, also im Körper gebildet werden und morphinähnliche Wirkungen entfalten, Endorphine.

Die nächste Frage ist, ob auch die körpereigenen Drogen süchtig machen können. Lange Zeit hat man daran gezweifelt, heute ist es bewiesen. Herausgefunden hatte man es in den achtziger Jahren, als das Joggen in Mode kam. Auch beim Laufen schüttet der Körper Endorphine aus, ein völlig normaler Vorgang. Es gibt jedoch Menschen, die, haben sie einmal mit dem Laufen angefangen, nicht wieder davon loskommen. Sie müssen immer längere Strecken zurücklegen, um die begehrte Endorphinausschüttung, ihr "high" zu erhalten - ein deutliches Anzeichen süchtigen Verhaltens. Sie laufen und laufen, sie magern ab und laufen selbst noch mit wunden Füssen.

Vorsicht Sucht!
Kein Wunder, dass Endorphine als Dopingmittel ausprobiert worden sind. Sie bergen aber neben der Abhängigkeit noch eine weitere große Gefahr: Da sie nicht nur high, sondern auch schmerzunempfindlich machen, nimmt der Läufer die relativ starken Schmerzen nicht mehr wahr, die bei Überanstrengung eine Herzkrise einleiten. Diese Schmerzunempfindlichkeit hat wahrscheinlich auch Phidippides, den ersten Marathonläufer ums Leben gebracht. Er lief und lief immer weiter, bis zum todbringenden Infarkt.

Ob Phidippides süchtig war, wissen wir nicht. Auffällig ist jedoch, dass vor allem junge Leistungssportlerinnen häufig an Magersucht leiden. Diese schwere Krankheit betrifft in westlichen Industrienationen schätzungsweise drei Prozent der Frauen jungen und mittleren Alters, bei Kunstturnerinnen sprechen verschiedene Studien dagegen von Quoten zwischen 15 und 60 (!) Prozent. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Sport, Endorphinen und Magersucht? Um diese Frage zu beantworten, müsste man wissen, wie eine Magersucht entstehen kann

Magersucht = Drogensucht
Bei den Hungerkünstlern handelt sich keineswegs um bockige Teenager, die mit ein wenig guten Willen und ein paar psychologischen Tipps leicht zu behandeln wären. Magersüchtigen fehlt es auch nicht etwa am Appetit, im Gegenteil, sie beschäftigen sich unentwegt mit Nahrung und Essen. Ihr Problem ist, dass sie süchtig nach Hunger sind. Sie verhalten sich ebenso wie süchtige Jogger auf der Jagd nach dem "Runner's High" und ebenso wie Fixer oder Alkoholabhängige. Sie zeigen das typische, selbstzerstörerische Verhalten, das allen Süchtigen gemeinsam ist. Aber wie kann man von Hunger und Magerkeit abhängig werden?

Das organisierte Erbrechen
Ein nachhaltig gestörtes Essverhalten ist vielleicht die tragischste Folge des Schlankheitswahns. Rund 90 % der Menschen, die mehr als vier Diäten ausprobiert haben, berichten über Schwierigkeiten im Essverhalten. Magersucht (Anorexie) und Ess-Brechsucht (Bulimie, Stierhunger) sind zwei schwere Formen der Essstörungen, die sich in den letzten Jahren epidemieartig ausgebreitet haben.

Magersüchtige sind süchtig nach Hunger. Sie können einfach nicht mehr damit aufhören, hungern sich förmlich zu Tode. Als Folge ihrer Sucht empfinden viele von ihnen ihren ausgemergelten Körper noch als zu dick, drangsalieren ihn mit extremen sportlichen Aktivitäten, Abführmitteln und Entwässerungstabletten und können nicht einsehen, dass sie lebensbedrohlich krank sind. Die Magersucht ist gefährlich: Schätzungsweise 15-20 % der Magersüchtigen sind nicht mehr zu retten, sie sterben den Hungertod im Schlaraffenland. Am Anfang ihrer Sucht stand sehr oft eine Diät.

Bulimie: Stierhunger
Ess-Brechsüchtige haben (manche mehrmals täglich) heftige, unkontrollierbare Essanfälle, bei denen sie sich mit unvorstellbaren Lebensmittelmengen voll stopfen. Sie können erst dann aufhören, wenn ihr Bauch so schmerzt, dass partout nichts mehr hinein passt oder wenn sie gestört werden. Nach dem großen Fressen kommt der Katzenjammer, und die meisten Bulimiker beeilen sich, den Inhalt ihres Magens schleunigst wieder loszuwerden: sie brechen alles wieder aus.

Ess-Brechsüchtige leiden unter ihrer Krankheit, fühlen sich pervers und abnormal. Deswegen halten sie ihre Sucht geheim. Oft ahnen nicht einmal Lebenspartner und Familienangehörige von den Nöten der Süchtigen, wissen nichts von den hemmungslosen Ess-Brech-Orgien. Aus Angst vor dem Zunehmen machen Bulimiker immer wieder strenge Diäten und nehmen große Mengen Abführ- und Entwässerungsmittel ein. Auch sie treiben oft exzessiv Sport, um "überzählige Kalorien zu verbrennen". Schätzungen zufolge sind in Deutschland zwischen 1 und 5 % der Frauen im Alter von 15-35 Jahren betroffen, also über eine Million Frauen, Tendenz steigend. Wahrscheinlich liegt ihre Zahl höher, denn Ess-Brechsüchtige sind meist "normalgewichtig", sie fallen daher nicht auf. Auch am Anfang ihrer Sucht stand sehr oft eine Diät.

Die körperlichen und seelischen Folgen der Essstörungen sind zahlreich. Als Beispiele seien genannt: Veränderungen des Blutbildes, des Hormonhaushaltes und des Gehirnstoffwechsels, Ausbleiben der Monatsregel, Gefahr des Knochenschwundes (Osteoporose), trockene Haut, Haarwuchs am ganzen Körper, Störungen des Körpersalz- und Körperwasserhaushaltes, Zahnschäden durch die erbrochene Magensäure, Schwellungen der Speicheldrüsen, Herzrhythmusstörungen, Nierenversagen, Unterkühlung, niedriger Blutdruck und eine Verkleinerung des Gehirns.

Hunger, die Droge junger Mädchen
Das Essen versorgt den Körper nicht nur mit Nährstoffen und Energie, es vermittelt auch Genuss und Lustgewinn. Alle wichtigen, lebenserhaltenden Dinge wie Sexualität, Essen und Trinken, sind mit einem Lustgefühl gekoppelt. Damit stellt die Natur sicher, dass wir es immer wieder tun und dass es uns fehlt, wenn wir es nicht tun. Lebensmittel können die Laune auf verschiedenen Wegen verbessern: So erhöhen Süßigkeiten den Serotoninspiegel im Gehirn, während Muttermilch und Weizen Stoffe enthalten, die ebenfalls Morphium-ähnlich wirken. Sie heißen im Gegensatz zu den selbstgemachten Drogen, den Endorphinen, Exorphine, weil sie oder ihre Vorstufen von außen zugeführt werden. Die Exorphine der Muttermilch entstehen beispielsweise während der Verdauung aus dem Milcheiweiß im Darm der Babies und sorgen dafür, dass Säuglinge nach dem Stillen tief schlummern.

Fehlt die Nahrung, sei es durch eine Hungersnot oder eine Diät, sinkt auch die Stimmung. Jetzt bleiben dem Körper nur noch die Endorphine. Sie helfen ihm, die Krise zu überstehen: sie verscheuchen Depressionen, verringern das Schmerzempfinden, das bohrende Hungergefühl und die Angst - kurz, sie erhöhen das Wohlbefinden. Da Endorphine starke "Lustmacher" sind, können sie unter Umständen auch süchtig machen - das ist die Kehrseite der Medaille.

Warum der eine süchtig wird und andere nicht, ist nicht bekannt. Es gibt allerdings Faktoren im Leben eines Menschen, die ihn anfällig für Süchte machen, zum Beispiel die Neigung zu depressiver Stimmung oder ein geringes Selbstwertgefühl. Vielleicht spielen auch Störungen im Endorphin- oder Hormonhaushalt eine Rolle. Neben dieser "Veranlagung" oder Empfänglichkeit für süchtiges Verhalten ist aber noch ein zweiter Punkt ausschlaggebend: Man muss mit der Droge und ihren Wirkungen in Kontakt kommen. Professor Hans Huebner, Psychiater am Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth in Berlin, hält das "Abnehmen als sozial akzeptierten Weg, sich besser zu fühlen" für die erste Kontaktmöglichkeit mit der Droge Hungern.

Ein Beispiel
Nehmen wir ein junges Mädchen in einer westlichen Wohlstandsgesellschaft. Schlanksein ist wichtig und erstrebenswert. Sie ist eine gute Schwimmerin und trainiert regelmäßig. Sie ist jedoch auch in der Pubertät, muss die Schule wechseln und hat Liebeskummer, kurz, sie hat eine Menge Stress. Zunächst tröstet sie sich mit Schokolade, was bei Liebeskummer ganz normal ist. Beim Trainer und den Freundinnen ruft der "Kummerspeck" jedoch alles andere als Anerkennung hervor, und gerade die hat sie in ihrem Zustand bitter nötig. Irgendwann ist ihre Stimmung auf dem Nullpunkt. Nun entscheidet sie sich, eine strenge Diät zu machen und ihr Schwimmtraining zu intensivieren. Alles läuft prima, sie nimmt ab, die Trainingszeiten verbessern sich wieder, und sie erntet von allen Bewunderung. Ihre Laune ist fantastisch.

Was auf den ersten Blick harmlos und "normal" aussieht, kann fatale Folgen haben: Dieses junge Mädchen hat zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, dass sie durch Verzicht auf Nahrung und durch intensiven Sport ihre Stimmung heben kann. Ihr Körper hat die negativen Seiten einer Diät und der körperlichen Anstrengung sehr effektiv mit Endorphinen überdeckt. Die erhebliche soziale Anerkennung durch den Gewichtsverlust und die sportlichen Leistungen steigern das Wohlbefinden noch. Überwiegt die Belohnung durch die körpereigenen Endorphine die anfänglichen Unlustgefühle sehr stark, kann eine echte Sucht daraus werden.

Dass eine echte Abhängigkeit entsteht, zeigt sich spätestens dann, wenn das erstrebte "Zielgewicht" erreicht ist: Es gelingt vielen Mädchen dann nicht mehr, mit der Diät aufzuhören. Ihr Körper verlangt weiterhin nach den schönen Gefühlen und dem "high". Ihre Abhängigkeit wird sie immer weiter hungern lassen, auch wenn sie schon nicht mehr dem Schönheitsideal entsprechen.

Das merkt sie allerdings nicht, denn die Sucht sorgt dafür, dass Menschen, die bis aufs Skelett abgemagert sind, immer weiter hungern und ihr Trainingspensum nach Möglichkeit noch erhöhen. Der süchtige Körper tut alles, um an die Stimmungsaufheller zu kommen. Aber nun braucht er immer mehr davon, und die Wirkung geht - wie bei jeder echten Droge - langsam aber sicher zurück. Angstzustände und Depressionen häufen sich, und die Stimmung lässt sich nicht mehr so leicht aufputschen.

Das Hungern wirkt also wie eine Droge, die süchtig machen kann. Entscheidend ist, dass in einer depressiven Phase mit einer Diät begonnen wird. Diäten und Sport sind gesellschaftlich anerkannt, sie machen die negativen Empfindungen erträglich, bis der Körper mit Endorphinen für eine Euphorie sorgt. Die Abhängigkeit beginnt. Irgendwann ist der Körper so ausgemergelt, dass nicht mehr weiter abgenommen werden kann, um das Verlangen nach Endorphinen zu befriedigen. Es kommt schließlich zum "burn-out", zum Ausgebranntsein, zum Zusammenbruch.

Magersucht und andere Essstörungen wie etwa die Bulimie (Stierhunger) gibt es nicht erst seit gestern. Aber sie haben in unserer Gesellschaft in beunruhigender Weise zugenommen. Ermöglicht wird dies durch die steten Ermahnungen, ja nicht "dick" zu werden. Ohne den Schlankheitswahn hätten wir mit Sicherheit weniger solche Schicksale zu beklagen. Auch der Leistungssport trägt sein Scherflein zur Suchtentstehung bei. Am Schwebebalken zählt jedes Gramm Körpergewicht, der Leistungsdruck ist ist enorm, denn schließlich geht es ab einem bestimmten Leistungsniveau auch um eine Menge Geld. Nicht, dass hier gegen den Sport gewettert werden soll. Es soll aber zweierlei deutlich werden: Erstens lässt sich unser Körpergewicht nicht beliebig manipulieren, und zweitens können auch so gesunde Dinge wie Sport negative Folgen haben - unter bestimmten Umständen und wenn man es übertreibt. Neue Forschungsergebnisse sollten alle, die für das Wohl junger Sportler zu sorgen haben, hellhörig werden lassen.

Sport und Diät - eine gefährliche Kombination
Entgegen landläufiger Meinung halten die Neurologen Cecilia Bergh und Per Södersten vom schwedischen Karolinska Institut die Magersucht nicht für eine psychisch, sondern durch die Gehirnchemie bedingte Krankheit. Sie finden die übliche psychiatrische Definition der Magersucht unbrauchbar: Weder das Kriterium "Angst vor der Gewichtszunahme" noch die "gestörte Körperwahrnehmung" würde von allen Magersüchtigen erfüllt. Auch seien der Gewichtsverlust und das Ausbleiben der Monatsregel keine sinnvollen Diagnosekriterien, da sie als Folge der niedrigen Nahrungszufuhr auftreten. Die Autoren halten sich deshalb lieber an die zwei hervorstechendsten und typischen Merkmale der Anorexie: Das Hungern und die stark gesteigerte körperliche Aktivität.

Wie gefährlich Diäten in Verbindung mit Sport sein können, haben Tierversuche gezeigt: Erhalten weibliche Ratten freien Zugang zu einem Laufrad und Futter, so bleibt ihr Körpergewicht konstant. Auch wenn sie nur noch eine Stunde am Tag Gelegenheit zum Fressen haben, bekommen die Rattendamen keine Gewichtsprobleme - vorausgesetzt, sie haben kein Laufrad in ihrem Käfig. Lässt man sie nur eine Stunde fressen, gibt ihnen jedoch die Möglichkeit zu laufen, dann geschieht etwas ganz Seltsames: Die Ratten rennen, ohne ausreichend zu fressen und magern schnell ab. Noch verblüffender ist, dass sie ihr "Training" umso stärker steigern, je mehr sie an Gewicht verlieren. Die meisten Tiere übertreiben es dermaßen, dass sie nach kurzer Zeit sterben. Sie zeigen also im Extrem das gleiche Verhalten wie süchtige Menschen: Irgend etwas bringt sie dazu, ihre "Gewohnheiten" auch dann beizubehalten, wenn sie ihren Körper und ihre Gesundheit zerstören.

Bergh und Södersten machen dafür die Botenstoffe im Gehirn verantwortlich, z.B. das Dopamin. Ähnlich wie Serotonin und Endorphine kann Dopamin das Wohlbefinden erhöhen. Es gehört zu unserem körpereigenen Belohnungssystem, mit dem sichergestellt wird, dass sinnvolle und lebenserhaltende Handlungen beibehalten werden. Es kann aber auch mit nicht sinnvollen Handlungen verknüpft sein und ein Verlangen nach "mehr" auslösen. Aber der Reihe nach: Hungern und körperlicher Stress bewirken eine erhöhte Ausschüttung eines Hormons (CRF) im Hypothalamus. Der Hypothalamus ist der entwicklungsgeschichtlich sehr alte Teil unseres Gehirns, der für die Regulation lebenserhaltender "Triebe" verantwortlich ist: Essen, Trinken, die Lust auf Sex, Atmen, Blutdruck, Körpertemperatur, alles das wird mit Hilfe verschiedener Hormone von hier aus geregelt. Das vom Hypothalamus ausgeschüttete Hormon CRF veranlasst die Nebennierenrinde, ebenfalls mehr Hormone zu produzieren (Glucocorticoide, zu denen auch das Cortisol gehört). Das bewirkt zweierlei: CRF unterdrückt den Hunger, während die Hormone der Nebennierenrinde Euphorien auslösen können.

Tatsächlich ergaben Untersuchungen an Magersüchtigen erhöhte CRF-Spiegel im Gehirn und hohe Cortisolwerte im Blut. Seit 25 Jahren ist zudem bekannt, dass Nahrungsverzicht und Gewichtsverlust bei hungernden Frauen Wohlbefinden auslösen. Mit anderen Worten: Sind Hunger und Sport erst einmal mit angenehmen Empfindungen gekoppelt, kann es zur Sucht kommen. Die schwedischen Forscher wundert es deshalb nicht, "dass das Risiko, sich selbst auszuhungern bei weiblichen Spitzensportlern deutlich erhöht ist".

Keine Frage, Sport ist gesund und gerade das Laufen bietet eine Reihe von Vorteilen. Auch die angenehmen Gefühle, die sich einstellen, sobald man sich so richtig ausgepowert hat, sind normal und gesund. Die Endorphine und all die anderen "Glückshormone", die unser Körper herstellt, erfüllen wichtige Aufgaben für das reibungslose Funktionieren des Stoffwechsels. Wir können von Glück sagen, dass wir sie haben. Sonst gäbe es womöglich nur noch Einzelkinder auf der Welt: Ohne Endorphine wären die Schmerzen einer Geburt wohl kaum auszuhalten - und wer würde sich so etwas ein zweites Mal antun, gäbe es nicht das kleine "high" aus der faszinierenden Chemiefabrik unseres Körpers. Gefährlich wird es erst, wenn wir von diesen Glücksgefühlen abhängig werden. Und so wie es aussieht, scheint ein extrem schlankes und auch ein extrem sportliches Körperideal dieser Abhängigkeit Vorschub zu leisten. Wer an nichts anderes mehr denken kann als ans Training, wessen ganzer Lebensinhalt dem Schlanksein gilt und wer merkt, dass soziale Kontakte immer unwichtiger werden, sollte sich schleunigst Hilfe suchen.

Soziale Normen junger Frauen
Soziale Normen im Ernährungsverhalten junger Frauen
(Umfrageergebnisse von Prof. Dr. Joerg M. Diehl, Gießen, 1995)

Von 672 jungen Frauen, deren aktuelles Gewicht bereits unter dem sog. Idealgewicht liegt, wollen

1 kg abnehmen: 5,3 %
2 kg abnehmen: 14,1 %
3 kg abnehmen: 12,2 %
4 kg abnehmen: 7,0 %
5 kg abnehmen: 13,1 %
nicht abnehmen: 43,6 %

Antworten von 13-18jährigen Gymnasiastinnen auf Aussagen zum Essen und zur Figur:

Nach dem Essen mache ich mir Sorgen, zu dick zu werden: 31 %
Ich fühle mich schuldig, wenn ich zuviel gegessen habe: 25 %
Ich denke, meine Oberschenkel sind zu dick 55 %

Quelle : http://www.optipage.de
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