Essstörungen
Ulrike Gonder
Um die Nachricht vom Sieg der Griechen über die Perser zu überbringen, rannte der griechische Meldeläufer Phidippides den weiten Weg von Marathon nach Athen - so die Legende - und brach gleich darauf
tot zusammen. Etwa 2.500 Jahre später
stirbt die US-Turnerin Christy Henrich an den Folgen ihrer
Magersucht (Anorexia nervosa). Zwischen beiden Sportlern gibt es vermutlich eine Gemeinsamkeit: Sie wurden das Opfer ihrer
Endorphine. Das sind
körpereigene Drogen, die eigentlich dazu da sind, Stress-Situationen wie sportliche Höchstleistungen oder starken
Hunger zu überleben.
Endorphine, die körpereigenen Drogen
Endorphine sind winzige
Eiweißkörper, die unsere
Nervenzellen selbst herstellen. Sie dienen als
Botenstoffe und halten die Kommunikation im
Gehirn aufrecht. Ihre Entdeckung verdanken sie einer pflanzlichen
Droge, dem aus Schlafmohn gewonnen
Morphium.
Morphium ist bis heute das wirksamste Schmerzmittel, es sorgt für euphorische Zustände, lähmt das
Atemzentrum und die
Darmmuskulatur, verengt die Pupillen, setzt
Hormone frei - und es macht abhängig.
Wie kann eine solche
Substanz, die aus dem
Stoffwechsel einer Pflanze stammt, im
Gehirn des Menschen so vielfältige Wirkungen erzielen? Eine Antwort auf diese Frage erhielten
Wissenschaftler 1973, als es ihnen gelang, im Gehirn spezifische Bindungsstellen für
Morphium nachzuweisen.
Morphium oder auch das daraus gewonnene
Heroin passen zu diesen
Rezeptoren wie ein Schlüssel zum Schloss, es ist die Voraussetzung dafür, dass die
Drogen überhaupt wirken können. Aber warum in aller Welt hat der Mensch im
Gehirn Drogen-Rezeptoren? Hat das ganze am Ende einen
biologischen Sinn? Schließlich sind wir nicht auf dieser Welt, um uns mit
Morphium zu berauschen. Könnte es nicht sein, dass das
Morphium rein zufällig in Bindungsstellen passt, die eigentlich für natürliche,
körpereigene Stoffe bestimmt sind?
Drogen für die Stressbewältigung
Dass es genau so ist, konnten schottische Forscher 1975 zeigen. Es war ihnen gelungen, aus
Hirnmaterial winzige
Eiweißpartikel zu isolieren, die sich tatsächlich an diese
Drogen-Rezeptoren hefteten. Der
Körper schüttet diese
Eiweiße bei Stress-Situationen aller Art aus, sie helfen ihm, Krisen zu überstehen. Ihre Entdecker nannten sie "
Enkephaline", nach dem griechischen Ausdruck für "im Kopf". Heute nennt man solche
Substanzen, die endogen, also im
Körper gebildet werden und
morphinähnliche Wirkungen entfalten,
Endorphine.
Die nächste Frage ist, ob auch die
körpereigenen Drogen süchtig machen können. Lange Zeit hat man daran gezweifelt, heute ist es bewiesen. Herausgefunden hatte man es in den achtziger Jahren, als das Joggen in
Mode kam. Auch beim Laufen schüttet der
Körper Endorphine aus, ein völlig normaler Vorgang. Es gibt jedoch Menschen, die, haben sie einmal mit dem Laufen angefangen, nicht wieder davon loskommen. Sie müssen immer längere Strecken zurücklegen, um die begehrte
Endorphinausschüttung, ihr "high" zu erhalten - ein deutliches Anzeichen süchtigen Verhaltens. Sie laufen und laufen, sie
magern ab und laufen selbst noch mit wunden Füssen.
Vorsicht Sucht!
Kein Wunder, dass
Endorphine als
Dopingmittel ausprobiert worden sind. Sie bergen aber neben der Abhängigkeit noch eine weitere große Gefahr: Da sie nicht nur high, sondern auch schmerzunempfindlich machen, nimmt der Läufer die relativ starken
Schmerzen nicht mehr wahr, die bei Überanstrengung eine Herzkrise einleiten. Diese
Schmerzunempfindlichkeit hat wahrscheinlich auch Phidippides, den ersten Marathonläufer ums Leben gebracht. Er lief und lief immer weiter, bis zum
todbringenden Infarkt.
Ob Phidippides süchtig war, wissen wir nicht. Auffällig ist jedoch, dass vor allem junge
Leistungssportlerinnen häufig an
Magersucht leiden. Diese schwere
Krankheit betrifft in westlichen Industrienationen schätzungsweise drei Prozent der Frauen jungen und mittleren Alters, bei Kunstturnerinnen sprechen verschiedene Studien dagegen von Quoten zwischen 15 und 60 (!) Prozent. Gibt es einen Zusammenhang zwischen
Sport,
Endorphinen und
Magersucht? Um diese Frage zu beantworten, müsste man wissen, wie eine
Magersucht entstehen kann
Magersucht = Drogensucht
Bei den
Hungerkünstlern handelt sich keineswegs um bockige Teenager, die mit ein wenig guten Willen und ein paar
psychologischen Tipps leicht zu behandeln wären.
Magersüchtigen fehlt es auch nicht etwa am
Appetit, im Gegenteil, sie beschäftigen sich unentwegt mit
Nahrung und
Essen. Ihr Problem ist, dass sie
süchtig nach
Hunger sind. Sie verhalten sich ebenso wie süchtige Jogger auf der Jagd nach dem "Runner's High" und ebenso wie Fixer oder
Alkoholabhängige. Sie zeigen das typische,
selbstzerstörerische Verhalten, das allen
Süchtigen gemeinsam ist. Aber wie kann man von
Hunger und
Magerkeit abhängig werden?
Das organisierte Erbrechen
Ein nachhaltig gestörtes
Essverhalten ist vielleicht die tragischste Folge des
Schlankheitswahns. Rund 90 % der Menschen, die mehr als vier
Diäten ausprobiert haben, berichten über
Schwierigkeiten im
Essverhalten.
Magersucht (Anorexie) und Ess-Brechsucht (Bulimie, Stierhunger) sind zwei schwere Formen der
Essstörungen, die sich in den letzten Jahren
epidemieartig ausgebreitet haben.
Magersüchtige sind
süchtig nach
Hunger. Sie können einfach nicht mehr damit aufhören,
hungern sich förmlich zu
Tode. Als Folge ihrer
Sucht empfinden viele von ihnen ihren ausgemergelten
Körper noch als zu
dick, drangsalieren ihn mit extremen sportlichen Aktivitäten,
Abführmitteln und
Entwässerungstabletten und können nicht einsehen, dass sie lebensbedrohlich
krank sind. Die
Magersucht ist gefährlich: Schätzungsweise 15-20 % der
Magersüchtigen sind nicht mehr zu retten, sie
sterben den
Hungertod im Schlaraffenland. Am Anfang ihrer
Sucht stand sehr oft eine
Diät.
Bulimie: Stierhunger
Ess-Brechsüchtige haben (manche mehrmals täglich) heftige, unkontrollierbare
Essanfälle, bei denen sie sich mit unvorstellbaren Lebensmittelmengen voll stopfen. Sie können erst dann aufhören, wenn ihr Bauch so schmerzt, dass partout nichts mehr hinein passt oder wenn sie gestört werden. Nach dem großen Fressen kommt der Katzenjammer, und die meisten
Bulimiker beeilen sich, den Inhalt ihres
Magens schleunigst wieder loszuwerden: sie
brechen alles wieder aus.
Ess-Brechsüchtige leiden unter ihrer
Krankheit, fühlen sich pervers und abnormal. Deswegen halten sie ihre
Sucht geheim. Oft ahnen nicht einmal Lebenspartner und Familienangehörige von den Nöten der
Süchtigen, wissen nichts von den hemmungslosen
Ess-Brech-Orgien. Aus Angst vor dem
Zunehmen machen
Bulimiker immer wieder strenge
Diäten und nehmen große Mengen
Abführ- und Entwässerungsmittel ein. Auch sie treiben oft exzessiv Sport, um "überzählige Kalorien zu verbrennen". Schätzungen zufolge sind in Deutschland zwischen 1 und 5 % der Frauen im Alter von 15-35 Jahren betroffen, also über eine Million Frauen, Tendenz steigend. Wahrscheinlich liegt ihre Zahl höher, denn
Ess-Brechsüchtige sind meist "
normalgewichtig", sie fallen daher nicht auf. Auch am Anfang ihrer
Sucht stand sehr oft eine
Diät.
Die
körperlichen und
seelischen Folgen der
Essstörungen sind zahlreich. Als Beispiele seien genannt: Veränderungen des
Blutbildes, des
Hormonhaushaltes und des
Gehirnstoffwechsels, Ausbleiben der
Monatsregel, Gefahr des
Knochenschwundes (Osteoporose), trockene
Haut,
Haarwuchs am ganzen
Körper, Störungen des
Körpersalz- und Körperwasserhaushaltes,
Zahnschäden durch die erbrochene
Magensäure, Schwellungen der
Speicheldrüsen,
Herzrhythmusstörungen,
Nierenversagen, Unterkühlung, niedriger
Blutdruck und eine Verkleinerung des
Gehirns.
Hunger, die Droge junger Mädchen
Das
Essen versorgt den
Körper nicht nur mit
Nährstoffen und Energie, es vermittelt auch Genuss und Lustgewinn. Alle wichtigen,
lebenserhaltenden Dinge wie
Sexualität,
Essen und
Trinken, sind mit einem Lustgefühl gekoppelt. Damit stellt die Natur sicher, dass wir es immer wieder tun und dass es uns fehlt, wenn wir es nicht tun.
Lebensmittel können die Laune auf verschiedenen Wegen verbessern: So erhöhen Süßigkeiten den
Serotoninspiegel im
Gehirn, während
Muttermilch und Weizen Stoffe enthalten, die ebenfalls
Morphium-ähnlich wirken. Sie heißen im Gegensatz zu den selbstgemachten
Drogen, den Endorphinen, Exorphine, weil sie oder ihre Vorstufen von außen zugeführt werden. Die
Exorphine der
Muttermilch entstehen beispielsweise während der Verdauung aus dem
Milcheiweiß im
Darm der Babies und sorgen dafür, dass Säuglinge nach dem Stillen tief schlummern.
Fehlt die
Nahrung, sei es durch eine
Hungersnot oder eine
Diät, sinkt auch die Stimmung. Jetzt bleiben dem
Körper nur noch die
Endorphine. Sie helfen ihm, die Krise zu überstehen: sie verscheuchen
Depressionen, verringern das
Schmerzempfinden, das bohrende
Hungergefühl und die Angst - kurz, sie erhöhen das Wohlbefinden. Da
Endorphine starke "Lustmacher" sind, können sie unter Umständen auch
süchtig machen - das ist die Kehrseite der Medaille.
Warum der eine
süchtig wird und andere nicht, ist nicht bekannt. Es gibt allerdings Faktoren im Leben eines Menschen, die ihn anfällig für
Süchte machen, zum Beispiel die Neigung zu
depressiver Stimmung oder ein geringes
Selbstwertgefühl. Vielleicht spielen auch Störungen im
Endorphin- oder
Hormonhaushalt eine Rolle. Neben dieser "Veranlagung" oder Empfänglichkeit für süchtiges Verhalten ist aber noch ein zweiter Punkt ausschlaggebend: Man muss mit der
Droge und ihren Wirkungen in Kontakt kommen. Professor Hans Huebner, Psychiater am Evangelischen
Krankenhaus Königin Elisabeth in Berlin, hält das "Abnehmen als sozial akzeptierten Weg, sich besser zu fühlen" für die erste Kontaktmöglichkeit mit der
Droge Hungern.
Ein Beispiel
Nehmen wir ein junges Mädchen in einer westlichen Wohlstandsgesellschaft.
Schlanksein ist wichtig und erstrebenswert. Sie ist eine gute Schwimmerin und trainiert regelmäßig. Sie ist jedoch auch in der Pubertät, muss die Schule wechseln und hat Liebeskummer, kurz, sie hat eine Menge Stress. Zunächst tröstet sie sich mit Schokolade, was bei Liebeskummer ganz normal ist. Beim Trainer und den Freundinnen ruft der "Kummerspeck" jedoch alles andere als
Anerkennung hervor, und gerade die hat sie in ihrem Zustand bitter nötig. Irgendwann ist ihre Stimmung auf dem Nullpunkt. Nun entscheidet sie sich, eine strenge
Diät zu machen und ihr Schwimmtraining zu intensivieren. Alles läuft prima, sie nimmt ab, die Trainingszeiten verbessern sich wieder, und sie erntet von allen Bewunderung. Ihre Laune ist fantastisch.
Was auf den ersten Blick harmlos und "normal" aussieht, kann fatale Folgen haben: Dieses junge Mädchen hat zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, dass sie durch Verzicht auf
Nahrung und durch intensiven Sport ihre Stimmung heben kann. Ihr
Körper hat die negativen Seiten einer
Diät und der
körperlichen Anstrengung sehr effektiv mit
Endorphinen überdeckt. Die erhebliche soziale Anerkennung durch den
Gewichtsverlust und die sportlichen Leistungen steigern das Wohlbefinden noch. Überwiegt die Belohnung durch die
körpereigenen Endorphine die anfänglichen Unlustgefühle sehr stark, kann eine echte Sucht daraus werden.
Dass eine echte
Abhängigkeit entsteht, zeigt sich spätestens dann, wenn das erstrebte "
Zielgewicht" erreicht ist: Es gelingt vielen Mädchen dann nicht mehr, mit der
Diät aufzuhören. Ihr
Körper verlangt weiterhin nach den schönen Gefühlen und dem "
high". Ihre
Abhängigkeit wird sie immer weiter
hungern lassen, auch wenn sie schon nicht mehr dem
Schönheitsideal entsprechen.
Das merkt sie allerdings nicht, denn die
Sucht sorgt dafür, dass Menschen, die bis aufs
Skelett abgemagert sind, immer weiter
hungern und ihr Trainingspensum nach Möglichkeit noch erhöhen. Der
süchtige Körper tut alles, um an die Stimmungsaufheller zu kommen. Aber nun braucht er immer mehr davon, und die Wirkung geht - wie bei jeder echten
Droge - langsam aber sicher zurück. Angstzustände und
Depressionen häufen sich, und die Stimmung lässt sich nicht mehr so leicht aufputschen.
Das
Hungern wirkt also wie eine
Droge, die
süchtig machen kann. Entscheidend ist, dass in einer
depressiven Phase mit einer
Diät begonnen wird.
Diäten und Sport sind gesellschaftlich anerkannt, sie machen die negativen Empfindungen erträglich, bis der
Körper mit
Endorphinen für eine
Euphorie sorgt. Die
Abhängigkeit beginnt. Irgendwann ist der
Körper so ausgemergelt, dass nicht mehr weiter abgenommen werden kann, um das Verlangen nach
Endorphinen zu befriedigen. Es kommt schließlich zum "
burn-out", zum Ausgebranntsein, zum Zusammenbruch.
Magersucht und andere
Essstörungen wie etwa die
Bulimie (
Stierhunger) gibt es nicht erst seit gestern. Aber sie haben in unserer Gesellschaft in beunruhigender Weise zugenommen. Ermöglicht wird dies durch die steten Ermahnungen, ja nicht "
dick" zu werden. Ohne den
Schlankheitswahn hätten wir mit Sicherheit weniger solche Schicksale zu beklagen. Auch der Leistungssport trägt sein Scherflein zur
Suchtentstehung bei. Am Schwebebalken zählt jedes Gramm
Körpergewicht, der Leistungsdruck ist ist enorm, denn schließlich geht es ab einem bestimmten Leistungsniveau auch um eine Menge Geld. Nicht, dass hier gegen den Sport gewettert werden soll. Es soll aber zweierlei deutlich werden: Erstens lässt sich unser
Körpergewicht nicht beliebig manipulieren, und zweitens können auch so
gesunde Dinge wie Sport negative Folgen haben - unter bestimmten Umständen und wenn man es übertreibt. Neue Forschungsergebnisse sollten alle, die für das Wohl junger Sportler zu sorgen haben, hellhörig werden lassen.
Sport und Diät - eine gefährliche Kombination
Entgegen landläufiger Meinung halten die
Neurologen Cecilia Bergh und Per Södersten vom schwedischen Karolinska Institut die
Magersucht nicht für eine psychisch, sondern durch die Gehirnchemie bedingte Krankheit. Sie finden die übliche
psychiatrische Definition der
Magersucht unbrauchbar: Weder das Kriterium "Angst vor der
Gewichtszunahme" noch die "
gestörte Körperwahrnehmung" würde von allen
Magersüchtigen erfüllt. Auch seien der
Gewichtsverlust und das Ausbleiben der
Monatsregel keine sinnvollen
Diagnosekriterien, da sie als Folge der niedrigen
Nahrungszufuhr auftreten. Die Autoren halten sich deshalb lieber an die zwei hervorstechendsten und typischen Merkmale der
Anorexie: Das
Hungern und die stark gesteigerte
körperliche Aktivität.
Wie gefährlich
Diäten in Verbindung mit Sport sein können, haben Tierversuche gezeigt: Erhalten weibliche Ratten freien Zugang zu einem Laufrad und Futter, so bleibt ihr
Körpergewicht konstant. Auch wenn sie nur noch eine Stunde am Tag Gelegenheit zum Fressen haben, bekommen die Rattendamen keine Gewichtsprobleme - vorausgesetzt, sie haben kein Laufrad in ihrem Käfig. Lässt man sie nur eine Stunde fressen, gibt ihnen jedoch die Möglichkeit zu laufen, dann geschieht etwas ganz Seltsames: Die Ratten rennen, ohne ausreichend zu fressen und
magern schnell ab. Noch verblüffender ist, dass sie ihr "Training" umso stärker steigern, je mehr sie an
Gewicht verlieren. Die meisten Tiere übertreiben es dermaßen, dass sie nach kurzer Zeit
sterben. Sie zeigen also im Extrem das gleiche Verhalten wie
süchtige Menschen: Irgend etwas bringt sie dazu, ihre "Gewohnheiten" auch dann beizubehalten, wenn sie ihren
Körper und ihre Gesundheit zerstören.
Bergh und Södersten machen dafür die
Botenstoffe im
Gehirn verantwortlich, z.B. das
Dopamin. Ähnlich wie
Serotonin und
Endorphine kann
Dopamin das Wohlbefinden erhöhen. Es gehört zu unserem
körpereigenen Belohnungssystem, mit dem sichergestellt wird, dass sinnvolle und lebenserhaltende Handlungen beibehalten werden. Es kann aber auch mit nicht sinnvollen Handlungen verknüpft sein und ein Verlangen nach "mehr" auslösen. Aber der Reihe nach:
Hungern und
körperlicher Stress bewirken eine erhöhte Ausschüttung eines Hormons (CRF) im Hypothalamus. Der Hypothalamus ist der entwicklungsgeschichtlich sehr alte Teil unseres
Gehirns, der für die Regulation
lebenserhaltender "Triebe" verantwortlich ist:
Essen,
Trinken, die Lust auf
Sex,
Atmen,
Blutdruck,
Körpertemperatur, alles das wird mit Hilfe verschiedener
Hormone von hier aus geregelt. Das vom Hypothalamus ausgeschüttete Hormon CRF veranlasst die
Nebennierenrinde, ebenfalls mehr
Hormone zu produzieren (Glucocorticoide, zu denen auch das Cortisol gehört). Das bewirkt zweierlei: CRF unterdrückt den Hunger, während die
Hormone der
Nebennierenrinde Euphorien auslösen können.
Tatsächlich ergaben Untersuchungen an
Magersüchtigen erhöhte CRF-
Spiegel im
Gehirn und hohe
Cortisolwerte im
Blut. Seit 25 Jahren ist zudem bekannt, dass
Nahrungsverzicht und
Gewichtsverlust bei
hungernden Frauen
Wohlbefinden auslösen. Mit anderen Worten: Sind
Hunger und Sport erst einmal mit angenehmen Empfindungen gekoppelt, kann es zur
Sucht kommen. Die schwedischen Forscher wundert es deshalb nicht, "dass das Risiko, sich selbst auszuhungern bei weiblichen Spitzensportlern deutlich erhöht ist".
Keine Frage, Sport ist
gesund und gerade das Laufen bietet eine Reihe von Vorteilen. Auch die angenehmen Gefühle, die sich einstellen, sobald man sich so richtig ausgepowert hat, sind normal und
gesund. Die
Endorphine und all die anderen "
Glückshormone", die unser Körper herstellt, erfüllen wichtige Aufgaben für das reibungslose Funktionieren des
Stoffwechsels. Wir können von Glück sagen, dass wir sie haben. Sonst gäbe es womöglich nur noch Einzelkinder auf der Welt: Ohne
Endorphine wären die
Schmerzen einer Geburt wohl kaum auszuhalten - und wer würde sich so etwas ein zweites Mal antun, gäbe es nicht das kleine "
high" aus der faszinierenden Chemiefabrik unseres
Körpers. Gefährlich wird es erst, wenn wir von diesen
Glücksgefühlen abhängig werden. Und so wie es aussieht, scheint ein extrem schlankes und auch ein extrem sportliches
Körperideal dieser Abhängigkeit Vorschub zu leisten. Wer an nichts anderes mehr denken kann als ans Training, wessen ganzer Lebensinhalt dem
Schlanksein gilt und wer merkt, dass soziale Kontakte immer unwichtiger werden, sollte sich schleunigst Hilfe suchen.
Soziale Normen junger Frauen
Soziale Normen im
Ernährungsverhalten junger Frauen
(Umfrageergebnisse von Prof. Dr. Joerg M. Diehl, Gießen, 1995)
Von 672 jungen Frauen, deren aktuelles
Gewicht bereits unter dem sog.
Idealgewicht liegt, wollen
1 kg abnehmen: 5,3 %
2 kg abnehmen: 14,1 %
3 kg abnehmen: 12,2 %
4 kg abnehmen: 7,0 %
5 kg abnehmen: 13,1 %
nicht abnehmen: 43,6 %
Antworten von 13-18jährigen Gymnasiastinnen auf Aussagen zum
Essen und zur
Figur:
Nach dem
Essen mache ich mir Sorgen, zu
dick zu werden: 31 %
Ich fühle mich schuldig, wenn ich zuviel
gegessen habe: 25 %
Ich denke, meine Oberschenkel sind zu
dick 55 %
Quelle :
http://www.optipage.de