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Alt 28.02.2007, 23:12
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Standard Hungern bis in den Tod

Hungern bis in den Tod Etwa 700 000 Deutsche leiden an Magersucht oder Bulimie Mitten in der Nacht steht Anna vor dem Kühlschrank. Heißhunger plagt sie. Sie verschlingt einen Topf voll kalter Nudeln. Prompt nagt das schlechte Gewissen an ihr. Sie läuft auf die Toilette und erbricht. „Das war das letzte Mal“, nimmt sie sich vor. Doch auch am nächsten Tag kreisen ihre Gedanken wieder nur ums Essen. Die schlanke Frau zieht sich immer mehr zurück.

„Ich hab’ mein Leben doch im Griff“, denkt Anna. „Da muss doch das Essen auch klappen.“ Nicht nur Models und Schauspielerinnen leiden unter dem Zwang, jede Kalorie zählen zu müssen. Etwa 700 000 Deutsche, so schätzen Experten, haben Ess-Störungen, wie zum Beispiel Bulimie. 100 000 davon leiden an Magersucht – eine potenziell tödliche Erkrankung. Etwa 15 Prozent der Betroffenen sterben daran.

Immer mehr Frauen über 35 haben Ess-Störungen
„Oft ringen Frauen Monate mit sich, bevor sie anrufen“, sagt Ingrid Mieck von der Beratungsstelle Cinderella für Ess-Störungen. „Die Hemmschwelle ist immens.“ Vielen fällt es leichter, eine E-Mail zu schreiben. Doch wer sich an Cinderella, die erste ambulante Stelle für Ess-Störungen in Deutschland, wendet, hat den entscheidenden Schritt geschafft: Er ist bereit, darüber zu sprechen.
Die meisten Frauen, die an Magersucht oder Bulimie leiden, sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. „Aber auch immer mehr Frauen über 35 suchen Hilfe“, erzählt Mieck, die seit 19 Jahren bei Cinderella arbeitet. „Und bereits Zehnjährige wetteifern um eine schlanke Linie.“ Auch Männer haben immer öfter ein falsches Ernährungsverhalten. „Doch Frauen gestehen sich das Problem eher ein“, beobachtet die Psychologin. Bulimie ist wie die Abhängigkeit von Drogen oder Alkohol eine Sucht. Die Betroffenen verlieren die Kontrolle und steigern die Dosis. Wie andere Drogen sind Bulimie und Magersucht ein Ventil für tiefer liegende seelische Probleme.
Ursachen gibt es viele: Ängste, Stress in der Familie, in der Beziehung. Ehrgeizige Menschen befreien sich von einem Druck, den sie sich meist selbst auferlegen. Essanfälle unterbrechen ihre sonst strikte Nahrungskontrolle. Der Begriff „Bulimie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt Ochsenhunger. In Mengen verzehren Bulimiker kalorienreiche Portionen. Danach kommen Schuldgefühle. Sie versuchen das Essen loszuwerden, durch Erbrechen, Abführmittel oder exzessiven Sport.
Das ganze Leben dreht sich nur noch um das Essen
Wird der Kühlschrank in einem Anfall von Heißhunger fast leer gegessen, spricht man von einer „Binge-Eating-Störung“. Betroffene stopfen in kurzer Zeit große Mengen in sich hinein. Sie verlieren die Kontrolle, wie viel sie essen und wann sie aufhören müssen. „Manche geben zwischen 300 und 600 Euro für Fressanfälle aus“, erzählt Mieck. 35 Prozent der Patienten mit einer Binge-Eating-Störung – im Englischen bedeutet „binge“ Besäufnis – sind Männer. Magersüchtige dagegen essen nur noch kleinste, möglichst kalorienarme Mahlzeiten.
Oft beginnt es mit einer harmlosen Diät. Aus Angst, dick zu werden, reden sie sich ein, nur einen Apfel und einen Magerjoghurt essen zu dürfen. „Man ist nur noch auf das Essen und Nicht-Essen fixiert“, beschreibt Mieck den Einstieg in die Magersucht. Manche gehen so weit, nichts mehr zu essen – aus Furcht vor den Gewissensbissen danach. Das schließt aber nicht aus, dass Magersüchtige andere raffiniert bekochen. So können sie verheimlichen, dass sie ihren Körper als Feind erleben und bekämpfen. Oft hört die Psychologin: „Durch die Bulimie habe ich das Lügen gelernt.“ Bis der Körper nicht mehr mitmacht.
Auch die Medien fördern Ess-Störungen. Von Heidi Klums Fernsehshow „Germany’s Next Topmodel“ hält Ingrid Mieck wenig. Mehr als 16 000 junge Frauen haben sich für die zweite Staffel beworben. „Doch Heidi Klum hat Aufmerksamkeit erregt. Essen ist zum Thema geworden“, sagt Mieck. Schon vor Jahren hat sie Modeschöpfer an einen runden Tisch gebeten. Vergeblich.
Bei Cinderella werden Hilfesuchende an Therapeuten und Kliniken vermittelt. Der Verein bietet Einzelberatungen und offene Gruppen an. In den vergangenen 22 Jahren hat sich viel verändert. „Die Anfragen werden mehr. Allerdings informieren sich viele im Internet“, sagt Mieck. Zudem gibt es eine Computer-Selbsthilfe. Im Internet führt die Bulimie-Patientin ein Esstagebuch. Ein „Coach“ meldet sich per E-Mail. „Doch niemand sollte sich schämen, mit einem Therapeuten über eine Ess-Störung zu sprechen. Wir hören den ganzen Tag davon“, sagt die Psychologin.
Beratungsstelle für Ess-Störungen, Cinderella e.V.,Westendstr. 35, Tel.089/50 22 575 cinderellaberatg@aol.com.
Infos zum Selbsthilfeprogramm bei Cinderella e.V.

Folgen von Magersucht und Bulimie
- Bei Magersüchtigen bleibt die Monatsblutung aus. Die Fruchtbarkeit kann eingeschränkt werden.
- Blutdruck und Pulsschlag sind niedrig. Herzrhythmusstörungen treten auf. Man friert leichter.
- Magersüchtige leiden oft unter Lustlosigkeit, Müdigkeit und Schlafstörungen.
- Bei jungen Menschen kann das Wachstum gehemmt werden. Auch die Knochen können brüchig werden. Bulimiker haben oft schlechte Zähne. Der erbrochene Mageninhalt zerstört den Zahnschmelz.
- Das Erbrechen verletzt Speiseröhre und Magen.
- Die Haare fallen aus.
- Der Durchfall wird chronisch. Der Körper trocknet aus.
- Schwere Folgen sind Kreislaufzusammenbruch, Nierenversagen und Störungen des Elektrolythaushalts, die zum Herzversagen führen können.


Quelle : www.merkur-online.de
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