Hungern bis in den Tod Etwa 700 000 Deutsche leiden an Magersucht oder Bulimie Mitten in der Nacht steht Anna vor dem Kühlschrank. Heißhunger plagt sie. Sie verschlingt einen Topf voll kalter Nudeln. Prompt nagt das schlechte Gewissen an ihr. Sie läuft auf die Toilette und erbricht. „Das war das letzte Mal“, nimmt sie sich vor. Doch auch am nächsten Tag kreisen ihre Gedanken wieder nur ums Essen. Die schlanke Frau zieht sich immer mehr zurück.
„Ich hab’ mein Leben doch im Griff“, denkt Anna. „Da muss doch das
Essen auch klappen.“ Nicht nur
Models und
Schauspielerinnen leiden unter dem
Zwang, jede
Kalorie zählen zu müssen. Etwa 700 000 Deutsche, so schätzen Experten, haben
Ess-Störungen, wie zum Beispiel
Bulimie. 100 000 davon leiden an
Magersucht – eine potenziell
tödliche Erkrankung. Etwa 15 Prozent der
Betroffenen sterben daran.
Immer mehr Frauen über 35 haben Ess-Störungen
„Oft ringen Frauen Monate mit sich, bevor sie anrufen“, sagt Ingrid Mieck von der Beratungsstelle Cinderella für
Ess-Störungen. „Die
Hemmschwelle ist immens.“ Vielen fällt es leichter, eine E-Mail zu schreiben. Doch wer sich an Cinderella, die erste
ambulante Stelle für
Ess-Störungen in Deutschland, wendet, hat den entscheidenden Schritt geschafft: Er ist bereit, darüber zu sprechen.
Die meisten Frauen, die an
Magersucht oder
Bulimie leiden, sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. „Aber auch immer mehr Frauen über 35 suchen Hilfe“, erzählt Mieck, die seit 19 Jahren bei Cinderella arbeitet. „Und bereits Zehnjährige wetteifern um eine
schlanke Linie.“ Auch Männer haben immer öfter ein
falsches Ernährungsverhalten. „Doch Frauen gestehen sich das Problem eher ein“, beobachtet die
Psychologin.
Bulimie ist wie die Abhängigkeit von Drogen oder Alkohol eine
Sucht. Die
Betroffenen verlieren die
Kontrolle und steigern die Dosis. Wie andere Drogen sind
Bulimie und Magersucht ein Ventil für tiefer liegende seelische Probleme.
Ursachen gibt es viele: Ängste, Stress in der Familie, in der Beziehung. Ehrgeizige Menschen befreien sich von einem Druck, den sie sich meist selbst auferlegen.
Essanfälle unterbrechen ihre sonst strikte
Nahrungskontrolle. Der Begriff
„Bulimie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt
Ochsenhunger. In Mengen verzehren
Bulimiker kalorienreiche Portionen. Danach kommen
Schuldgefühle. Sie versuchen das
Essen loszuwerden, durch Erbrechen, Abführmittel oder exzessiven Sport.
Das ganze Leben dreht sich nur noch um das Essen
Wird der Kühlschrank in einem Anfall von
Heißhunger fast leer
gegessen, spricht man von einer „
Binge-Eating-Störung“.
Betroffene stopfen in kurzer Zeit große Mengen in sich hinein. Sie verlieren die Kontrolle, wie viel sie
essen und wann sie aufhören müssen. „Manche geben zwischen 300 und 600 Euro für
Fressanfälle aus“, erzählt Mieck. 35 Prozent der Patienten mit einer
Binge-Eating-Störung – im Englischen bedeutet „binge“ Besäufnis – sind Männer.
Magersüchtige dagegen essen nur noch kleinste, möglichst
kalorienarme Mahlzeiten.
Oft beginnt es mit einer harmlosen
Diät. Aus Angst,
dick zu werden, reden sie sich ein, nur einen Apfel und einen
Magerjoghurt essen zu dürfen. „Man ist nur noch auf das
Essen und Nicht-Essen fixiert“, beschreibt Mieck den Einstieg in die
Magersucht. Manche gehen so weit, nichts mehr zu
essen – aus Furcht vor den Gewissensbissen danach. Das schließt aber nicht aus, dass
Magersüchtige andere raffiniert bekochen. So können sie verheimlichen, dass sie ihren
Körper als Feind erleben und bekämpfen. Oft hört die
Psychologin: „Durch die Bulimie habe ich das Lügen gelernt.“ Bis der
Körper nicht mehr mitmacht.
Auch die Medien fördern
Ess-Störungen. Von Heidi Klums Fernsehshow „Germany’s Next Topmodel“ hält Ingrid Mieck wenig. Mehr als 16 000 junge Frauen haben sich für die zweite Staffel beworben. „Doch Heidi Klum hat Aufmerksamkeit erregt.
Essen ist zum Thema geworden“, sagt Mieck. Schon vor Jahren hat sie Modeschöpfer an einen runden Tisch gebeten. Vergeblich.
Bei Cinderella werden Hilfesuchende an Therapeuten und Kliniken vermittelt. Der Verein bietet Einzelberatungen und offene Gruppen an. In den vergangenen 22 Jahren hat sich viel verändert. „Die Anfragen werden mehr. Allerdings informieren sich viele im Internet“, sagt Mieck. Zudem gibt es eine Computer-Selbsthilfe. Im Internet führt die
Bulimie-Patientin ein Esstagebuch. Ein „Coach“ meldet sich per E-Mail. „Doch niemand sollte sich schämen, mit einem
Therapeuten über eine
Ess-Störung zu sprechen. Wir hören den ganzen Tag davon“, sagt die
Psychologin.
Beratungsstelle für Ess-Störungen, Cinderella e.V.,Westendstr. 35, Tel.089/50 22 575
cinderellaberatg@aol.com.
Infos zum Selbsthilfeprogramm bei Cinderella e.V.
Folgen von Magersucht und Bulimie
- Bei Magersüchtigen bleibt die Monatsblutung aus. Die Fruchtbarkeit kann eingeschränkt werden.
- Blutdruck und Pulsschlag sind niedrig. Herzrhythmusstörungen treten auf. Man friert leichter.
- Magersüchtige leiden oft unter Lustlosigkeit, Müdigkeit und Schlafstörungen.
- Bei jungen Menschen kann das Wachstum gehemmt werden. Auch die Knochen können brüchig werden. Bulimiker haben oft schlechte Zähne. Der erbrochene Mageninhalt zerstört den Zahnschmelz.
- Das Erbrechen verletzt Speiseröhre und Magen.
- Die Haare fallen aus.
- Der Durchfall wird chronisch. Der Körper trocknet aus.
- Schwere Folgen sind Kreislaufzusammenbruch, Nierenversagen und Störungen des Elektrolythaushalts, die zum Herzversagen führen können.
Quelle :
www.merkur-online.de