Orthorexia nervosa
Zwang: Besessen vom gesunden Essen
Gesunde
Ernährung wird für viele Menschen immer wichtiger. Für manche allerdings zu wichtig: Es kann ein
krankhafter Zwang, sich
gesund zu
ernähren, entstehen. Der Fachbegriff dafür lautet
Orthorexia nervosa.
Sorge um die Gesundheit
Die Betroffenen sorgen sich ständig um ihre
Gesundheit. Der
Nahrungsaufnahme wird ein übertrieben hoher Stellenwert eingeräumt. Am Beginn steht meist der Wunsch, schlechte
Ernährungsgewohnheiten abzulegen, von einer
Krankheit zu genesen oder
abzunehmen.
"Gute" und "schlechte" Lebensmittel
Die
Lebensmittel werden in "
gut und gesund" und "
schlecht und ungesund" eingeteilt. Diese Menschen sind
krankhaft darauf fixiert, nur
Gesundes zu
essen. Was
gesund ist oder nicht, wird individuell eingeschätzt und festgelegt.
Täglich stundenlange Nahrungsanalyse
Das Interesse an der Zusammensetzung der
Nahrung wird zum alles bestimmenden Lebensinhalt. Stundenlang werden jeden Tag
Kalorien und
Nährstofftabellen studiert, der ideale Gehalt an
Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen berechnet.
Speisepläne schon Wochen voraus geplant
Die
Mahlzeiten werden in vielen Fällen für längere Zeit im Voraus geplant, damit die "richtige" Zusammenstellung gesichert ist. Manche erstellen schon Wochen voraus ihren
Speiseplan. Die Planung, der Einkauf, die Zubereitung und der Verzehr von
Nahrungsmittel werden zum Mittelpunkt des Lebens. Andere Bereiche werden vernachlässigt.
Genuss spielt kaum oder gar keine Rolle
Der
gesundheitliche Wert des
Essens hat Vorrang gegenüber dem Vergnügen am
Essen. Der
Genuss spielt eine immer geringere Rolle, oft ist er überhaupt nicht mehr vorhanden.
Mangelerscheinungen möglich
Die
gesundheitlichen Auswirkungen hängen von der Auswahl der Nahrungsmittel ab. Mangelerscheinungen und
Gewichtsverlust können auftreten, müssen aber
nicht.
Bei
Orthorexia nervosa steht nicht wie bei
Magersucht oder
Bulimie die Quantität der
Nahrung im Vordergrund, sondern die Qualität.
Keine Kontakte mehr: Soziale Isolation
Orthorexia nervosa kann zur
sozialen Isolation führen. Die
Betroffenen können oft keine Einladungen zum
Essen mehr annehmen, da sie "normale"
Lebensmittel nicht zu sich nehmen können.
Umgebung soll missioniert werden
Manche versuchen auch ihre Umgebung zu
missionieren. Auf Leute, die etwa Pizza oder ein
fettes Würstel
essen, wird hochmütig herabgeblickt.
Viele können auch irgendwann nicht mehr akzeptieren, dass andere ihre
Essregeln nicht einhalten und brechen den Kontakt ab. Das
Essen in Gesellschaft kann unmöglich werden.
Gefühl der totalen Selbstkontrolle
Wenn die
Betroffenen gegen ihre
Ernährungsregeln verstoßen, fühlen sie sich schuldig. Ihnen ist das Gefühl der totalen
Selbstkontrolle wichtig. Sollten Regeln gebrochen werden, werden oft noch striktere auferlegt.
Noch keine konkreten Zahlen vorhanden
Die Bezeichnung
Orthorexia nervosa wurde 1997 vom US-amerikanischen Mediziner Steve Bratmann eingeführt. Noch gibt es keine konkreten Zahlen darüber, wie viele Menschen in Vorarlberg darunter leiden.
Vorstufe zu Magersucht oder Bulimie
Es sei noch niemand in die
Beratungsstelle gekommen, der gesagt hat, er leidet unter
Orthorexia nervosa, so
Psychologin Eva Garmusch von der Kontaktstelle für
Essstörungen bei der Caritas.
Dennoch sei die Tendenz zum
krankhaften gesunden Essen immer stärker zu spüren. Dies könne oft die Vorstufe zu einer
Essstörung wie
Magersucht oder
Bulimie sein.
Unbekannter Zwang
Das sieht auch die
Psychologin Andreas Hollenstein-Burtscher vom IfS (Institut für Sozialdienste) so. Auch ihr sind keine Klienten bekannt, die speziell wegen
Orthorexia nervosa Hilfe gesucht haben. Kaum jemand würde diese Form des
Zwanges namentlich kennen, sie sei noch sehr unbekannt.
Orthorexia nervosa sei derzeit noch nicht als
Krankheitsbild oder
Essstörung offiziell anerkannt, so Garmusch. Noch werden Erfahrungen von
Betroffenen gesammelt.
Großteils Mädchen und Frauen betroffen
Ambulant werden vom IfS vor allem Menschen betreut, die an der Ess-
Brech-Sucht Bulimie leiden. Stationär werden vor allem
Magersüchtige betreut. Großteils sind noch immer Mädchen und Frauen von
Essstörungen betroffen, so Hollenstein-Burtscher. Aber in letzter Zeit würden auch immer mehr Burschen und Männer daran
erkranken.
Der Anteil der Mädchen und Frauen wird von den beiden
Psychologinnen auf 85 bis 90 Prozent geschätzt.
Quelle :
www.vorarlberg.orf.at