Wer hat Angst vor Heidi Klum?
Der Einfluss von Fotomodellen auf das weibliche Selbstbewusstsein
Immer wieder wird behauptet, die Allgegenwart
hagerer Mannequins in den Medien verbreite einen letztlich
krankmachenden Schlankheitswahn. Neue Studien haben nun gezeigt, dass manche Frauen tatsächlich sehr negativ auf
Models reagieren. Andere allerdings lassen sich nicht sonderlich von ihnen beeindrucken.
Mannequins stöckeln schweren Zeiten entgegen: Die sogenannten
Magermodels sollen beispielsweise in Italien ganz von den
Laufstegen verbannt werden. Aber auch weniger
ausgehungert wirkende Vertreterinnen der Branche wie Heidi Klum sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, sie verbreiteten einen
krankmachenden Schlankheitswahn. Und tatsächlich haben mehrere Studien in den letzten Jahren belegen können, dass der in den Medien allgegenwärtige Anblick von übertrieben
schlanken Models bei vielen Frauen Unzufriedenheit und Angst in Bezug auf das eigene Aussehen auslöst - selbst ein statistischer Zusammenhang zwischen der Häufigkeit solcher «Begegnungen» mit unrealistischen
Idealfiguren und dem Auftreten von
Essstörungen ist in einigen Untersuchungen zutage getreten. Allerdings haben manche Versuche auch das genaue Gegenteil ergeben: Frauen fühlten sich nach dem Anblick von
Models nicht etwa schlechter, sondern besser. Um diesem auf den ersten Blick widersprüchlichen Befund auf den Grund zu gehen, hat die Psychologin Debra Trampe von der Universität Groningen zusammen mit zwei Kollegen kürzlich eine Reihe von Untersuchungen durchgeführt.[1]
Ein Teufelskreis des Vergleichens
Selbstwertmindernde Wirkungen von
Models seien letztlich darauf zurückzuführen, dass man sich im Stillen mit ihnen vergleiche und dabei schlecht abschneide, so die grundlegende Annahme der Wissenschafter. Ob man sich aber überhaupt auf einen solchen inneren
Schönheitswettbewerb einlasse, hänge von bestimmten Eigenschaften der betrachtenden Person ab. Um diese These zu prüfen, liessen Trampe und ihre Kollegen 250 Studentinnen einen Fragebogen ausfüllen, der ihre Zufriedenheit mit dem eigenen Erscheinungsbild erhob - zum Beispiel hatten die Teilnehmerinnen anzugeben, inwiefern sie ihren
Bauch oder ihre
Oberschenkel als zu
dick empfanden. Später wurde den Studentinnen ein weiterer Fragebogen unterbreitet, der die Häufigkeit erkundete, mit welcher sie ihren eigenen
Körper mit dem anderer Frauen verglichen. Die Auswertung der Antworten ergab ein eindeutiges Bild: Je unzufriedener die Studentinnen mit ihrem eigenen
Erscheinungsbild waren, desto öfter verglichen sie sich mit
Models und Stars, aber auch mit Familienangehörigen, Freundinnen, anderen Studentinnen und Frauen im Allgemeinen.
Ein ergänzendes Experiment mit 132 Studentinnen stützte die Vermutung der Forscher, dass Frauen, die mit ihrem eigenen
Körper unzufrieden sind, durch ihren Hang zum Vergleichen besonders verletzlich werden. Zunächst füllten die Teilnehmerinnen wiederum einen Fragebogen aus, der ihre
Körperzufriedenheit erhob. Dann wurden die Probandinnen gebeten, eine Aufnahme von einer
schlanken oder einer
fülligen Frau sorgfältig zu mustern. In der Hälfte der Durchgänge waren die Fotos mit dem Namen eines Parfums versehen, was den Eindruck erwecken sollte, es handle sich um Werbung und bei der abgebildeten Frau um ein
Model. Abschliessend beantworteten die Studentinnen Fragen zur
Attraktivität der abgebildeten Frau und zur Zufriedenheit mit dem eigenen
Aussehen.
Je nach dem Niveau ihrer
Körperzufriedenheit ergaben sich unterschiedliche Antwortmuster: Das
Selbstbewusstsein derjenigen, die sich in ihrem
Körper grundsätzlich wohl fühlten, erfuhr nach der Musterung der schlanken und als attraktiv eingestuften Frau nur dann einen Knick, wenn diese kein
Model zu sein schien. Frauen, die mit ihrem eigenen
Körper zufrieden sind, vergleichen sich also offenbar nur mit Frauen, die ihnen im wirklichen Leben gleichsam als Konkurrentinnen begegnen könnten;
Models werden von ihnen anscheinend als «ausser Konkurrenz» laufend und damit als weniger bedrohlich wahrgenommen. Hingegen sank das Selbstbewusstsein der Teilnehmerinnen, die mit ihrem eigenen
Körper generell unzufrieden waren, nach der Konfrontation mit der
schlanken Frau immer - unabhängig davon, ob diese ein
Model zu sein schien oder nicht. Aufgrund ihrer stark ausgeprägten Neigung zum Vergleichen scheinen diese Frauen sich also auch an Stars und Sternchen zu messen, wodurch ihre Einstellung zum eigenen Körper wie in einem Teufelskreis immer negativer zu werden droht.
Deprimierend
schlanke Vasen
Wie leicht bei Frauen, denen ihr eigenes
Aussehen missfällt, das quälende
Schlankheitsideal abrufbar ist, veranschaulicht ein weiterer Versuch der niederländischen Forschergruppe eindrücklich. Ähnlich wie im gerade beschriebenen Experiment wurden 68 Studentinnen zunächst gebeten, einen Fragebogen zur
Körperzufriedenheit auszufüllen. Dann bekamen sie eine Zeichnung einer
schlanken oder einer bauchigen Vase zu sehen. Abschliessend wurden den Teilnehmerinnen wiederum Fragen zur Beurteilung ihres eigenen
Aussehens unterbreitet. Wie von den Wissenschaftern erwartet, zeigten sich die ohnehin mit ihrem Äusseren hadernden Studentinnen nach der Begutachtung der
schlanken Vase noch bedrückter, während die mit ihrem
Körper zufriedenen sich gegen das Vasen-induzierte Unbehagen als immun erwiesen.
Nun werfen diese Ergebnisse natürlich die Frage auf, wie sich das hohe Mass an Unzufriedenheit mit der eigenen
Figur, welches die besonders verletzlichen Frauen charakterisierte, überhaupt hatte entwickeln können. Einige Studien weisen darauf hin, dass die unkritische Verinnerlichung des gesellschaftlichen
Schönheitsideals im Laufe der Kindheit und Jugend den Keim zur Unzufriedenheit mit dem eigenen
Aussehen legen kann, wobei das familiäre Umfeld und die Gruppe der Altersgenossen eine gewichtige Vermittlerrolle spielen dürften. In den Vereinigten Staaten entwickelte Präventionsprogramme für
Essstörungen - beispielsweise das von der Harvard Medical School propagierte Programm «Full of Ourselves» - setzen denn auch mit einigem Erfolg auf die Entwicklung von «Medienkompetenz»: Sie leiten junge Frauen dazu an, die Dauerparade der
Schönen und
Schlanken in den Medien kritisch zu reflektieren und realistischere Ideale und Idole für das eigene Leben in Betracht zu ziehen.[2]
Models als Vorbilder
Wenn der Anblick von
Mannequins hauptsächlich Missfallen an der eigenen Figur hervorriefe und bestenfalls mit Gleichgültigkeit quittiert würde, liesse sich allerdings kaum erklären, warum mit Abbildungen von
Models gespickte
Schönheits- und
Modemagazine gerade beim weiblichen Publikum grossen Absatz finden - oder warum Heidi Klums Casting-Show «
Germany's Next Topmodel» Millionen von Zuschauerinnen vor den Bildschirm bannt. Die Vermutung drängt sich deshalb auf, dass
Fotomodelle auch positive Emotionen zu wecken vermögen, was einige Studien denn auch bestätigt haben.
So hat die Psychologin Jennifer Mills von der York University zusammen mit drei Kollegen ein Experiment durchgeführt, in dessen Verlauf 98 Studentinnen Werbefotografien vorgelegt wurden, die entweder
schlanke Models, mollige Models oder aber lediglich unterschiedliche Produkte zeigten.[3] Den Probandinnen war erklärt worden, dass sie an einer Marktforschungsstudie teilnähmen, und dementsprechend wurden sie gebeten, die Fotos auf verschiedenen Skalen zu bewerten. Danach beantworteten sie Fragen zu ihrer Einstellung gegenüber
Diäten, ihrem derzeitigen
Gewicht, dem von ihnen angestrebten
Idealgewicht und ihrem
Aussehen; den Antworten liess sich unter anderem entnehmen, dass
Diätanhängerinnen im Vergleich zu denjenigen, die keine
Diät befolgten, im Mittel mehr wogen und unzufriedener mit ihrem
Aussehen waren. Am Ende des Experiments schliesslich wurden den Teilnehmerinnen drei Sorten frisch gebackener Kekse vorgesetzt - mit der Bitte, deren Geschmack nach verschiedenen Kriterien zu beurteilen.
Bei der Datenanalyse wurde verglichen, wie die Teilnehmerinnen je nach ihrer Einstellung zu
Diäten auf die drei Arten von Werbefotografien reagiert hatten. Bemerkenswerterweise hatte der Anblick der
schlanken Models bei
Diätanhängerinnen dazu geführt, dass sie ihr wirkliches
Gewicht vorübergehend unterschätzten, ein noch tieferes
Idealgewicht angaben, mit ihrem
Aussehen zufriedener waren - und mehr Kekse assen. Nichts dergleichen geschah bei denen, die wenig von
Diäten hielten: Sie fühlten sich nach der Begegnung mit den
schlanken Fotomodellen eher etwas dicker.
Die Wissenschafter vermuten, dass die
Diätfreundinnen einer «
Schlankheitsphantasie» erlegen seien: In ihrer Vorstellung seien sie gleichsam mit den
Traumfiguren der
Models verschmolzen und hätten sich vorübergehend schlanker gefühlt - und aus diesem unverhofften Hochgefühl heraus mit gutem Gewissen genascht. Mit dem eigenen
Aussehen unzufriedene Frauen scheinen auf Heidi Klum & Co. demnach auch mit positiven Gefühlen reagieren zu können, nämlich dann, wenn sie die
Models als motivierende Vorbilder erleben, denen sie sich in kleinen
Diätschritten nähern zu können glauben - wobei nach solchen Annäherungsversuchen an die «
Schönheitsgöttinnen» freilich immer die ernüchternde Erkenntnis droht, dass diese eben doch unerreichbar sind.
Ralph Erich Schmidt
Quelle :
www.nzz.ch