Essstörungen: Zu viel, zu wenig, zu dick, zu dünn
Medical Tribune Bericht
Essen - man sollte meinen, die natürlichste Sache der Welt. Aber für immer mehr Erwachsene und auch Kinder und Jugendliche gibt es diese Natürlichkeit nicht mehr:
Schlankheitswahn, Überangebot an
Nahrungsmitteln und psychische Probleme führen zu
ungesundem Essverhalten.
Essen als Sucht - das führt auf Dauer zu schweren
gesundheitlichen Problemen: Bei extremem
Untergewicht droht
Organversagen, bei
Dickleibigkeit können
Diabetes,
Herz-Kreislauf- und Gelenkerkrankungen lebenslange Folgen sein. Die extreme
Ess-Brech-Sucht kann zu einem
lebensgefährlichen Elektrolytemangel führen und einschlägige
Diäten provozieren den
Jo-Jo-Effekt, wobei sich das
Gewicht von
Diät zu Diät hochschaukelt.
Ursachen der Störung angehen
Einen neuen Weg zur Behandlung von
Essstörungen beschreitet seit dem Frühjahr 2005 der BKK Landesverband Hessen. In Zusammenarbeit mit dem Wiesbadener "
Forum für Ess-Störungen", einer
psychotherapeutischen Praxis mit mehrdimensionalem Behandlungskonzept, bieten die Betriebskrankenkassen einen neuartigen Rahmenvertrag zur Integrierten Versorgung an, an dem alle BKKs bundesweit teilnehmen können: Neben der
Psychotherapie in Einzelsitzungen werden weitere
Therapiebausteine angeboten.
Bausteinprinzip: für jeden das Richtige
Ernährungsberatung, Körperbewusstseinstraining, Gruppen- und Kunsttherapie, ein Angehörigen-Gesprächskreis sowie für Übergewichtige eine Lauftherapie sollen die Betroffenen wieder an ein normales Essverhalten heranführen. Dabei ist die Zusammenarbeit mit (Haus-)Ärzten und stationären Einrichtungen möglichst eng, um eine eventuelle stationäre Akutbehandlung und
Rehabilitation zu optimieren. Das
Modellkonzept wird von der
Abteilung Klinische Psychotherapie der Universität Mainz in einer kontrollierten Studie wissenschaftlich begleitet.
Auch die Familien werden einbezogen
Der Vorteil: Alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen können diese
Therapie ambulant - bis zu einem Jahr lang - durchführen und die Kosten werden von den BKKs übernommen. Dazu die Projektleiterin für Integrierte Versorgung beim BKK-Dachverband in Frankfurt, Kathleen Schönberner: "An diesem Modellprojekt nehmen derzeit 38 BKKs teil. Das Einzugsgebiet der Patienten und Patientinnen ist primär das Rhein-Main-Gebiet, da das Forum für
Ess-Störungen dort seinen Sitz hat. Von großem Vorteil ist die Einbindung der Familien in das Programm, da die Erkrankung oft auch das soziale Umfeld unserer Patienten betrifft."
Dass dieses multimodale Konzept sehr gut funktionieren kann, hat die 37-jährige Verkäuferin Ingrid* erfahren. Sie begann ihre Behandlung im Juni 2005 mit starkem
Übergewicht von 100 Kilo, das sie
reduzieren wollte. Zusätzlich hatte sie
Depressionen und
Alkoholprobleme, die ebenfalls in der
Therapie aufgearbeitet wurden. Zwei Monate zuvor hatte sie mit dem
Rauchen aufgehört. Während der
Therapie begann Ingrid erstmals wieder regelmäßig zu
essen und lernte, soziale Konflikte verbal auszudrücken. Von ihren Erfahrungen in den Einzelsitzungen konnte sie auch den anderen Teilnehmern berichten, was die Eindrücke noch verstärkte. Besonders
Selbstbewusstsein und
Körperwahrnehmung haben sich durch die unterschiedlichen
Therapieformen stark positiv verändert.
Entsprechend motiviert hat die Teilnehmerin ihre fünf Therapiebausteine besucht. Ingrid konnte ihr Gewicht innerhalb von zwölf
Therapiemonaten um 15
Kilo auf 85
Kilo reduzieren und auch danach über sechs Monate stabil halten.
* Name geändert
Hilfsangebote finden Sie auch im Internet:
*
www.forum-ess-stoerungen.de - Therapienetz Essstörung
*
www.bundesfachverbandessstoerungen.de - Der „Bundesfachverband Essstörungen“ bietet den Selbsttest Quick-Check Essstörungen an.
www.bzga-essstoerungen.de - Die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung bietet diverse Broschüren zum Thema an sowie das „Adressverzeichnis Beratung, Selbsthilfe, Therapie bei Essstörungen“
*
www.ab-server.de - Psychologische Online-Beratung für Betroffene und Angehörige
Quelle:
www.medical-tribune.de