Mollig wird gesellschaftsfähig
Trendwende in Sachen Schönheitsideal: Der Magerschick gerät zunehmend unter Beschuss. Dafür wächst das Selbstbewusstsein der Molligen.
Knochige Schlüsselbeine, Hinterteile, die in Kinderjeans passen, und
spindeldürre Ärmchen gelten vor allem in US-amerikanischen Promikreisen als Statussymbol. „
Schlank, dünn, mager!“ lautet seit Jahren die Parole. Im krassen Gegensatz dazu steht das stetig wachsende Heer der
Dicken – diesseits wie jenseits des Atlantiks
Eine Studie der University of Florida zeigt, dass die erschreckende Zunahme an
Fettleibigkeit zumindest einen positiven Effekt haben könnte: Das durchschnittliche
Wunschgewicht der Frauen hat sich leicht nach oben korrigiert, von 66 auf 67,5
Kilogramm. Was auf den ersten Blick unwesentlich scheint, hat als Durchschnittswert durchaus
Gewicht. Offenbar werden ein paar
Pfunde zu viel inzwischen gesellschaftlich stärker akzeptiert – und insgesamt weniger Frauen tappen in die
Supermagerfalle.
Anzeichen einer Trendwende
Das bestätigt auch Reinhold Laessle,
Ernährungspsychologe an der Universität Trier: „Mäßig
Dicke haben gute Chancen, gesellschaftsfähig zu werden.“ Im Gegenzug dazu beurteilt sogar die Klatschpresse Frauen mit Lollifigur, deren
Köpfe auf den
schmächtigen Körperchen übergroß wirken, zunehmend kritisch. Und
magersüchtige Models werden zum Teil von den Laufstegen verbannt. „Die Leute bekommen ein Gespür dafür, dass das im Grunde krank ist“, sagt der Wissenschaftler. Auch die Zahl der schwer
essgestörten Frauen gehe deutschlandweit leicht zurück. Obwohl ein
unrealistisches Körperideal nur einer von vielen auslösenden Faktoren für
Magersucht und
Bulimie ist, ist das ein Indikator, der hoffnungsvoll stimmt.
Selbstbewusst trotz Pölsterchen
Die Trendwende hat bereits die Werbung für sich entdeckt: Die Pflegeserie Dove machte Furore mit
Models, die selbstbewusst ihre Pölsterchen herzeigen. Mit „
dick ist schick“ hat das zum Glück nichts zu tun. „Schweres
Übergewicht bleibt ein erhebliches
Gesundheitsrisiko, darüber muss man gar nicht streiten“, so Reinhold Laessle.
Fatalerweise gleicht
Abspecken einer Sisyphusarbeit: Kaum sind die
Pfunde gepurzelt, sitzen sie schon wieder auf den
Hüften. Die leidvolle und wissenschaftlich erhärtete Erfahrung von Millionen
Dicken zeigt: Die meisten Diäten sind langfristig zum Scheitern verurteilt. Glücklicherweise geht der Trend auch beim Thema
Diät weg von unrealistischen Zielen: „Moderne Programme zur
Gewichtsregulation sind multimodal“, weiß der Wissenschaftler. Im Mittelpunkt steht nicht das
Abspecken, sondern psychologische Faktoren wie Stressbewältigung ohne Schokolade und eine Veränderung des Lebensstils. „Das
Gewicht ist dabei Nebensache“, erklärt Reinhold Laessle. Als Erfolg wird schon gewertet, wenn die
Dicken langfristig nicht noch weiter zulegen. Schon
Übergewichtigen, denen es gelingt, ihr
Gewicht um nur fünf Prozent zu reduzieren, profitieren gesundheitlich erheblich – auch ohne
gertenschlank zu sein.
Quelle:
www.focus.de