Schönheit im Zeichen der Globalisierung - Anorexie und Bulimie als Exportware
(PA) Der diesjährige „Welttag für Seelische Gesundheit“ am 10. Oktober widmet sich kulturellen Einflüssen auf die Psyche
Essstörungen sind längst nicht mehr nur eine
Wohlstandskrankheit der
Industrienationen. Mit der medialen Verbreitung des westlichen
Schönheitsideals seit Mitte der 90er Jahre erfahren
Anorexie und
Bulimie einen dramatischen Aufschwung in Ländern, in denen ein dünner
Frauenkörper vormals Ausdruck von Armut und Schwäche war.
„Den Medien allein die Schuld an dieser Entwicklung zu geben, wäre sicherlich zu einfach. Wie groß ihr Einfluss auf gesellschaftliche Maßstäbe jedoch ist, zeigt sich an prominenten Beispielen wie auf den Fiji-Inseln und in Afrika“, sagt Silvia Uhle, Leitende Psychologin der Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie in Münster.
1998, drei Jahre nach dem Import von Serien wie „Melrose Place“ und
Modemagazinen, finden sich auf den Fiji-Inseln bereits 74 Pro-zent der weiblichen Teenager zu
dick, 15 Prozent kontrollieren ihr
Gewicht, indem sie
erbrechen.
Diäten gehören zur Tagesordnung. Wer
modern und erfolgreich sein will, muss nach westlichen Standards
schlank sein.
Auch in Afrika verändert sich das
Schönheitsideal mit dem Einzug westlicher Medien. Früher wurden
dünne Frauen diskriminiert, heute gelten sie als begehrenswert, erfolgreich und wohlhabend. Seitdem hochgewachsene und
schlanke afrikanische
Models, wie Agbani Darego und Ajuma Nasenyana,
Schönheitswettbewerbe gewinnen und internationale Laufstege erobern, haben
Essstörungen Hochkonjunktur.
Weltweit versuchen sich immer mehr junge Frauen in eine
Modelfigur hineinzuhungern, obwohl der Kontrast zwischen
Idealfigur und realen
Maßen laut der British Medical Association nie größer war als heute: Das
Durchschnittsgewicht von
Models liegt mittlerweile etwa 20 Prozent unter dem
Bevölkerungsdurchschnitt.
Dieser Trend zeigt sich auch an weiblichen Schaufensterpuppen. Nach Aussage von finnischen Wissenschaftlern ist der dargestellte
Fettanteil in den letzten 50 Jahren so stark gesunken, dass er heute weniger als 17 Prozent des
Körpergewichtes beträgt. Normal wären 20 bis 30 Prozent. Im Vergleich zur durchschnittlich gebauten Frau haben Schaufensterpuppen heute 13,5 Zentimeter weniger
Hüftumfang und zehn
Zentimeter dünnere Oberschenkel. „Überträgt man diese Maße auf Frauen, wären normale
Körperfunktionen wie
Menstruation und
Schwangerschaft nicht mehr möglich. Nach WHO-Standards würden sie als
unterernährt gelten“, erklärt Silvia Uhle.
Während die einen das globale Streben nach westlichen
Schönheitsstandards als emanzipatorischen Prozess von Frauen begreifen, die um ihre soziale Unabhängigkeit ringen, warnen die anderen vor einem neuen Kulturimperialismus, der Frauen in eine „innere Gefangenschaft“ treibt. Nach dem Export westlicher Vorstellungen von
Schönheit und Erfolg, die eine weltweite Ausbreitung von
Bulimie und
Magersucht begünstigt haben, ist es nun an der Zeit ein
Schönheitsideal zu vermitteln, das sich wieder an der Realität misst, Unzulänglichkeiten zulässt und stärker auf innere Werte setzt – national wie international.
Allgemeine Informationen zu Essstörungen erhalten Interessierte im Internet unter http://www.c-d-k.de. Mittwochs zwischen 17 und 20 Uhr bietet die Klinik unter der Rufnummer 0251/4810-100 für Betroffene und Angehörige ein kostenloses Informationstelefon an.[/u]
Quelle:
www.presseanzeiger.de