Wenn Essen die innere Leere füllt
Essstörungen haben ihre Ursachen oftmals im gesellschaftlichen Umfeld / Steigende Tendenz
Stadtlengsfeld – Der Traum von der
Model-Karriere oder zumindest von der
Ideal-Figur, unbewältigte Konflikte und Probleme mit dem Überfluss –
Essstörungen haben ihre Ursachen kaum im
Bauch, sondern im
Kopf. Vor allem junge Frauen leiden an
Anorexie (Magersucht) oder
Bulimie (Ess-Brech-Sucht). Doch wächst die Zahl der männlichen
Patienten. In der Stadtlengsfelder Burg-Klinik arbeiten Psychologen, Internisten und
Therapeuten eng zusammen, wenn sie
Patienten mit
Essstörungen behandeln, um nicht nur den Symptomen zu Leibe zu rücken, sondern vor allem die Ursachen zu bekämpfen. Das öffentliche Interesse an dieser Thematik ist groß. Das bewies der große Zuspruch beim jüngsten Reha-Tag in der Stadtlengsfelder Klinik, wo
Anorexie und
Bulimie im Mittelpunkt standen.
„
Essstörungen brauchen ein soziales Umfeld. In Entwicklungsländern gibt es sie kaum“, sagt Andree Mitzner, Psychologe an der Burg-Klinik. In Ostdeutschland nahmen die
Erkrankungen seit 1990 rapide zu. „Die Warenfülle ist seitdem vorhanden, um die innere Leere zu füllen“, meint Mitzner. Junge Frauen im pubertären Alter sind am häufigsten betroffen. „Vor allem, wenn sie aus Elternhäusern kommen, wo sie sich selbst überlassen und gemeinsame Mahlzeiten eine Seltenheit sind.“
Anorexie-Patienten sind häufig zwischen 12 und 20 Jahre alt und kommen häufig aus „höheren Schichten“, wo stets Erfolg gefordert sei.
Bulimie-Patienten sind meistens zwischen 18 und 30 Jahre alt.
„Das gesellschaftliche
Schlankheitsideal unterwirft insbesondere Frauen geradezu einem Diktat.
Schlanksein wird als Voraussetzung für Erfolg propagiert, für Anerkennung, Wertschätzung und Attraktivität“, erzählt
Oberärztin Marion Reh, Fachärztin für innere Medizin an der Burg-Klinik. Deshalb der hohe weibliche
Patienten-Anteil. Doch die Männer holen auf, weiß Andree Mitzner: „Weil sie sich zunehmend über ihren
Körper identifizieren. Schauen Sie sich diverse Zeitschriften an. Immer häufiger zieren deren Titelbilder sportliche Männer.“ Früher galten Geld, Auto und Leibesfülle als Symbole der Macht. Heute sei mehr ein sportlicher
Körper gefragt.
„Die Gesellschaft treibt die
Erkrankung voran“, ist sich Sibylle Falkenhahn, Verwaltungsdirektorin der Burg-Klinik, sicher. In Stadtlengsfeld werden im Schnitt ständig zehn
Patienten behandelt. „Die
Patientenzahlen sind allerdings von der Zuweisung abhängig und spiegeln nicht unbedingt die Entwicklung der
Krankheit wider“, räumt sie ein. Die Burg-Klinik ist die einzige Einrichtung in Thüringen, die sich auf dem Gebiet der
Essstörungen spezialisiert hat.
Essstörungen werden mit
Suchttherapien behandelt. „In vielen
Kliniken gibt es ein sehr rigides Vorgehen mit Belohnungs- und Bestrafungssystemen, Ausgangs- und Kontaktsperren bis hin zur vorzeitigen Entlassung“, sagt Andree Mitzner. Die Burg-Klinik lehnt diese harten Bandagen ab, „weil die zugrunde liegenden Probleme damit unbearbeitet bleiben“, erklärt der
Psychologe. Bei A
norexie-Patienten spielen häufig Autoritätsprobleme eine Rolle. „In der Gruppe sind sie dann sozial sehr angepasst, zu Hause treten die Probleme dann aber wieder auf“, so Mitzner. „Wir denken, dass die
Patienten über die
Essstörungen unbewusst ihre Entwicklungskonflikte lösen wollen.“ Diese Situation wird ihnen erklärt, mit dem Ziel, dass die
Patienten die Verantwortung für ihre
Essstörungen erkennen und übernehmen. „Die
Patienten tragen nicht die Verantwortung für die schwierigen Entwicklungsbedingungen, wohl aber für das Aufrechterhalten der
Störung“, sagt Mitzner.
Zunächst konzentriert sich die
Behandlung darauf, die Symptome zu reduzieren. „Dadurch treten die Gefühle stärker zu Tage und können bearbeitet werden“, erläutert Mitzner. Jeder reagiere anders: Manche werden zornig, andere
depressiv. Vom Verlauf hänge ab, wie lange sie in der Burg-Klinik bleiben müssen. „Das ist aber keine Bestrafung oder Belohnung. Vielmehr gibt es für jeden
Patienten ein maßgeschneidertes Programm.“ Oberärztin Marion Reh spricht von einer „multimodalen Behandlung“, die vom Bezugstherapeuten koordiniert wird. Die medizinische Versorgung sei ebenso wichtig wie die psychologische
Behandlung. Ärzte, Schwestern und
Ernährungsberater arbeiten hierbei eng zusammen.
Quelle:
www.freies-wort.de