Essstörungen - "Ekelgefühle lassen sich therapieren"
Anne Schienle über Personen mit Essstörung.
Frau Professor Schienle, welchen Zusammenhang gibt es zwischen Essstörungen und Ekel?
Ekel ist eine der elementarsten Emotionen des Menschen und seinem Ursprung nach auf die
Nahrung bezogen. Evolutionstheoretisch betrachtet motiviert er die orale Abwehr beispielsweise von schlechtem
Essen. Das spiegelt schon der angeekelte Gesichtsausdruck wider, der der gleiche ist wie beim tatsächlichen
Erbrechen. Deswegen lag die Hypothese nahe, dass Personen, die unter
Magersucht (Anorexie),
Ess-Brech-Sucht (Bulimie) oder
Ess-Anfällen - einer
Binge Eating Disorder (BED) - leiden, ein verändertes
Ekelempfinden im Vergleich zu Personen ohne
Essstörung aufweisen. Daher untersuche ich, welche Rolle der
Ekel für die Entstehung und Aufrechterhaltung von
Essstörungen spielt.
Mit welchem Ergebnis?
Unsere aktuelle, noch nicht veröffentlichte Studie mit
Bulimie- und BED-
Patientinnen zeigt, dass das allgemeine
Ekelempfinden bei den
essgestörten Patientinnen nicht ausgeprägter ist als bei der Kontrollgruppe. Da liegt bei anderen psychischen Störungen, etwa bei Spinnenphobikern oder
Zwangspatienten, oft eine viel größere allgemeine Ekelempfindlichkeit vor. Allein bei
nahrungsbezogenen Reizen, zum Beispiel Bildern von verdorbenen, ungewöhnlichen aber auch bei hoch
kalorischen Nahrungsmitteln reagieren
Essgestörte deutlich stärker.
Wie messen Sie Ekel?
Wir haben einen Fragebogen zur Erfassung der Ekelempfindlichkeit entwickelt und messen die
Gehirnaktivität im
Magnetresonanztomographen (MRT) während die Probanden Ekel- oder
Nahrungsbilder betrachten. Die Selbstauskunft und das Brainimaging im MRT zeigen, dass die
Nahrungsbilder bei
Bulimikerinnen stärker als bei den anderen Gruppen Ekel auslöste, was unter anderem mit einer Aktivierung der Insula einherging. Diese
Hirnregion wird von einigen
Neurowissenschaftlern als die
Ekelregion schlechthin bezeichnet. Allerdings haben unsere Studien dieses Ergebnis nicht bestätigt. Ich denke, sie spielt auch bei Angst und anderen Emotionen eine Rolle.
Kann man Ekel abtrainieren?
Auf jeden Fall. Das sehe ich auch an mir selber. Unser
Ekel-Bilderset fand ich zu Beginn auch widerlich, jetzt registriere ich nur noch das dargestellte Objekt - ohne dass ein
Ekelgefühl entsteht. Auch bei Spinnenphobikern haben wir durch
Konfrontationstherapie gute Erfolge erzielt, die irrationale Angst beziehungsweise den
Ekel abzubauen.
Ekelüberempfindlichkeit, ein zentraler Faktor bei Waschzwängen, lässt sich ebenfalls
therapieren. Bei
Essstörungen wissen wir allerdings noch nicht, ob der
nahrungsbezogene Ekel Ursache oder Folge der
Krankheit ist. Weitere
Ekel basierte Emotionen, wie die Scham, könnten hier wichtiger sein. Das sollte näher untersucht werden.
Quelle:
www.fr-online.de