Magersüchtige stellen schockierende Videos ins Internet, die anderen Mädchen zum Hungern verleiten soll
Von unserer Redakteurin Laetitia Obergföll
FREIBURG. "Geiles Video!" schreibt CaroJenny. Sie hat gerade einen Film auf der Internetplattform You Tube gesehen. Eines, das junge Mädchen zeigt, die offensichtlich
Essstörungen haben. Mit einer eigenartigen Ästhetik wird geradezu für
Magersucht geworben. "
Hungern ist ein Beispiel für Willen" , wird zwischendurch eingeblendet. Oder "Du wirst all deine schönen, schönen
Knochen sehen können." Wer solche Filme ins Netz stellt, bietet anderen eine Inspiration zum
Dünnsein, Englisch "
Thinspiration" .
Die Bilder auf You Tube oder My Video richten sich an eine bestimmte Gruppe von Internetnutzern. Sie sind fast ausschließlich weiblich und
Pro Ana. Oder
Pro Mia. Diese harmlosen Bezeichnungen stehen für
Anorexia und
Bulimie. In zahllosen Internetforen treffen sich Mädchen, die Anas Freundin werden wollen oder es bereits sind. Die Betreiber der Chaträume weisen zwar darauf hin, dass sich dort Menschen mit
Essstörungen treffen und keine dazukommen sollen, die abnehmen wollen. Klickt man nach diesem ersten Hinweis aber weiter, offenbart sich einem bald eine perverse Welt. Eine, die häufig voller bunter Schmetterlinge und zerbrechlicher Feen ist. Sie flattern einem häufig über den Bildschirm, wenn man tiefer in die Foren eindringt. Und zeichnen ein verklärtes Bild.
Diese Ästhetik findet sich auch in den Videos wieder. Zumindest am Anfang. Im späteren Stadium der Krankheit gleiten viele Betroffene in eine selbstzerstörerische Phase ab. Ihre Blogs sind düster. Die Musik deprimierend. Diese Mädchen setzen sich mit dem
Tod auseinander. Immer wieder findet sich auch der Spruch "die to be thin" (
sterben, um
dünn zu sein). Im Internet suchen die Mädchen sich Schwestern, sogenannte Twins, um sich gemeinsam an Anas Gebote zu halten.
"Die Foren und Videos schätze ich als sehr gefährlich ein" , sagt die Psychologin Eva Wunderer, die für Anad arbeitet, einer Organisation, die
Beratungsstellen und Wohngruppen für Menschen mit
Essstörungen betreibt. "Sie sind weit verbreitet und laufen genau auf der Schiene, auf der Jugendliche erreicht werden." Etliche
Patientinnen hätten bereits solche Filme gesehen. Besorgniserregend sei auch die Gruppendynamik, die in den Foren und Chaträumen angefacht wird. "Da wird Stolz geschürt, der eine Sogwirkung entfalten kann" , erklärt Eva Wunderer. "Die Mädchen grenzen sich stark ab. Diese Cliquenbildung finde ich sehr bedrohlich." Zumal es bei den Mädchen nur noch um
Kilos und
Kalorien gehe.
"Du wirst
fett sein, wenn du
isst." "Jungs werden dich kennenlernen wollen, und nicht auslachen." "Knochen sind schön und pur. Fett ist dreckig und hängt an deinen Knochen wie ein Parasit." Wie ein Mantra werden solche Sätze in die Filmchen bei You Tube eingebaut. Dazwischen sind perfekte
Models zu sehen, aber auch
abgemagerte Unbekannte, die in kurzen Hosen auf einer Treppe liegen und ihre
Oberschenkelknochen zeigen. Stolz. Das
Abmagern bringt diesen Mädchen viel Aufmerksamkeit. Eva Wunderer vergleicht gerade die Anfangsphase mit einer Drogensucht, die einem zu Beginn ein gutes Gefühl gibt.
Keira Knightley, die Olsen-Zwillinge, Victoria Beckham. Immer wieder tauchen die gleichen Prominenten in den Videos auf. Manche Fotos sind einige Jahre alt. Aber das ist den Zuschauerinnen egal. Die Filmemacherinnen zeigen damit: Das ist normal. Das ist schön. Solche Frauen werden begehrt und sind erfolgreich. Die Zuschauerinnen folgen der Mode, stecken ihre
dünnen Beinchen in Röhrenjeans, tragen riesige Sonnenbrillen und noch größere Taschen. Im Kontrast zu ihren ausgemergelten
Körpern sieht das besonders extrem aus.
Wer sucht, kann auf den Videoplattformen aber auch wirklich abschreckende Filme sehen. Sie zeigen, das
Magersucht nicht schön macht, sondern Menschen sterben lässt. Ana ist eine falsche Freundin. Aber wer
Pro Ana ist, wird sich das kaum ansehen wollen. Deshalb rät
Eva Wunderer Eltern von
Betroffenen, diese direkt, aber äußerst behutsam anzusprechen. Oft ist eine
Essstörung ein Zeichen von Abgrenzung, weshalb es Eltern schwerfallen kann, an ihre Töchter heranzukommen. Deshalb sollte man auch offen zeigen, wie besorgt man ist.
You-Tube-Sprecher Stefan Keuchel erklärte, das Unternehmen habe keinen Einfluss auf die Inhalte, es sei denn, sie verstießen gegen das Gesetz.
Quelle:
www.badische-zeitung.de