Südharzer Teenager mit Übergewicht
NORDHAUSEN. Stimmen werden laut:
Ungesundes Essverhalten soll verteuert werden. Am liebsten möchten die Kassandra-Rufer dem Bundesfinanzminister ihre Idee unterjubeln, für Schokolade, Knabberzeug und
fette Pommes die Mehrwertsteuer von sieben auf 19 Prozent zu erhöhen. Im Kampf gegen das
Übergewicht sollen Naschen und Genuss drastisch eingeschränkt werden. Dass die Bürger mehr auf sich achtgeben, kann Vater Staat nur übers Portmonee erreichen.Zu viel. Zu
fett. Zu
süß. Die meisten Südharzer sind zu kurz für ihr Volumen. Ein Problem:
Fettreiche Lebensmittel scheinen ihnen preiswerter als die Gemüse- und Obst-Angebote."Bereits bei Kindern muss der Trend zu
Übergewicht gestoppt werden", sagte Inge Schreier, die Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Nordhäuser Südharz-Krankenhauses. Aus ihrer täglichen Arbeit mit den Teenagern weiß sie um deren Nöte. "Glücklich ist eine 14-Jährige gewiss nicht, wenn der Zeiger der Waage auf 80 Kilogramm und mehr deutet", so die Medizinerin. In ihrer Klinik gibt es 46 stationäre Plätze. Über die Hälfte der jungen Patienten leidet unter
extremem Übergewicht. "Diese Mädchen und Jungen werden gehänselt. Sie fühlen sich ungeliebt und unverstanden. Ihre Ersatzbefriedigung ist das schnelle
Essen", so die
Chefärztin. Sie weiß, dass sich die Kinder zurückziehen. Statt auf dem Spielplatz zu tollen und zu toben, kleben sie an ihrem Computer fest. Der Lauf zu Freunden fällt aus. Die wären übers Handy schneller zu erreichen.Als Aufgabe sieht Inge Schreier, ihren Schützlingen den Genuss von Salaten, Gemüsen, Obst zu lehren. Von
Reduktionskost auf 1000
Kalorien oder
Diäten hält die Ärztin nichts. "Wir legen die Schwerpunkte auf gesunde
Lebensmittel und spielerische
Bewegungen. Es ist viel zu wenig, dass Schulen wöchentlich nur eine Stunde Sport anbieten", kritisierte die Ärztin. Kinder brauchen viel mehr
Bewegung.
Den Vorstoß der Politiker, die
Süßwaren zu verteuern, findet die Chefärztin als irrelevant. "Verbote widerstreben mir. Damit ändert keiner etwas", sagte sie. Eher wäre es zu empfehlen, die Angebote für Freizeit, Spiele und Sport auszudehnen. "Neben einer
gesünderen Ernährung muss die
Bewegung gefördert und gefordert werden", sagte sie. In ihrer Kindheit gab es Fang- und Ballspiele, Verstecken oder Sackhüpfen. Dieses Teamwork ist längst vergessen worden.
Mit der Kehrseite des
Übergewichts hat die Ärztin in ihrer
Klinik ebenfalls zu tun - mit Bulimie. Das ist eine versteckte
Essstörung, von der die Eltern lange Zeit nichts bemerken. Es gefällt ihnen, dass das Kind an jeder
Mahlzeit teilnimmt. Und dass der
Körper unterm weiten T-Shirt immer knochiger wird, sehen sie nicht. Sie hören weg, wenn sie das Kind in der Toilette erbrechen hören. "Diese
Essstörungen sind viel extremer", so die Ärztin. Gerade Mädchen auf der Schwelle zum Frau-Sein sind davon betroffen. Sie leiden an
Essstörungen, werden depressiv und nicht wenige von ihnen fügen dem
Körper Wunden bei.
Eine Verbündete der Chefärztin dürfte Carmen Witzel werden. Die Leiterin des Jugendgästehauses "Rothleimmühle" und ihr Team gehören seit neun Jahren bundesweit zu den sehr wenigen, die das Modell "Gut drauf" in die Tat umsetzen. "Ich bin gegen prinzipiell gegen Verteuerung von leckeren Sachen", betonte Carmen Witzel. In ihrem Bereich gibt es auch keinen einzigen Automaten für
süße oder
fettige Snacks - komischerweise wird das auch von keinem Kind vermisst. "Ich denke, dass
Süßigkeiten nur aus Langeweile verschlungen werden", so die Gastgeberin. Sie setzt mit spielerischen Bewegungen und viel Spaß dagegen. Ein Programm-Baustein ist die erlebnis-pädagogische Nachtwanderung. Jedes Kind ist ein 007-Agent. Es ist seine Aufgabe, die Welt ins
Gleichgewicht zu bringen. So sucht das Kind mit verbundenen Augen nach seinen Freunden - das schärft alle Sinne. Und mit diesen formiert es sich zu einem gleichschenkligen Dreieck. In der Küche und dem
Speisesaal wird die
gesunde Ernährung gelehrt. Es gibt jede Menge Obst und Gemüse. Auf dem Terrain dürfen die Kräuterspirale und der Freiluft-Backofen genutzt werden. "Pommes, Schokolade oder Gummibärchen geraten völlig in Vergessenheit", so Witzel.
Mit Schokolade (Stollwerck, Sarotti, Waldbaur) wurde der Kölner Hans Imhoff (85) ein reicher Mann. Die TA fand seinen Sohn Hans (59) und fragte, wie viel Schokolade er verzehrt und was er davon hält, dass diese teurer werden soll. "Ein Leben lang hatte ich mit Schokolade zu tun. Ich esse kein einziges Stück", lachte der Kölner. Er fügte hinzu, dass ein normaler Mensch täglich etwa 2000
Kalorien aufnehme, eine Tafel Schokolade hat 600. Und: "Diese Naschereien waren nie so billig wie heute", schloss er. Von Margit LORENZ
Quelle :
www.thueringer-allgemeine.de