Uniklinikum erprobt neues Therapiekonzept bei Magersucht - Weltweit größte Multicenter-Studie startet - Patienten gesucht
Dr. Ellen Katz, Pressestelle
Universitätsklinikum Tübingen
Die weltweit größte Multicenter-Studie ANTOP (Anorexia Nervosa Treatment of OutPatients) zur Behandlung der Magersucht startet jetzt am Universitätsklinikum Tübingen und an weiteren acht universitären Zentren in Deutschland. Prof. Dr. Stephan Zipfel, Ärztlicher Direktor der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Tübingen koordiniert die ambulante, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit über einer Million Euro für die nächsten drei Jahre geförderte Therapiestudie. Insgesamt 237 Patienten sollen daran Studie teilnehmen.
Nach aktuellen Untersuchungen zeigt fast jedes dritte Mädchen zwischen elf und 17 Jahren Zeichen einer
Essstörung. Die
Magersucht (Anorexia nervosa) zählt zu den
psychogenen Essstörungen und stellt ihre gefährlichste Form dar. Aufgrund der
Mangel- und Fehlernährung ist sie mit der höchsten
Todesrate aller psychisch bedingten
Erkrankungen verbunden und geht gehäuft mit ernsten
körperlichen Komplikationen einher.
Bislang werden Patienten mit
ausgeprägtem Untergewicht üblicherweise nach Richtlinienpsychotherapie behandelt. Langzeituntersuchungen haben aber gezeigt, dass
Patienten mit
Anorexia nervosa häufig Rückfälle erleiden und spezifische
Psychotherapieverfahren günstigere
Erkrankungsverläufe und
Therapieergebnisse erwarten lassen.
Das Krankheitsbild Anorexia nervosa (Magersucht)
Bei der
Anorexia nervosa handelt es sich um eine
Essstörung, die durch ein ausgeprägtes, selbst herbeigeführtes
Untergewicht gekennzeichnet ist. Das
Gewichtskriterium für die Diagnose einer Anorexie ist ein Körpergewicht von weniger als 85 Prozent des Gewichts, das aufgrund des Alters und der Körpergröße zu erwarten wäre, bzw. ein
Body Mass Index (BMI) von weniger als 17,5 kg/m². Der
Gewichtsverlust wird vorwiegend durch restriktives
Essverhalten, aber auch
übermäßige körperliche Aktivität, selbstinduziertes Erbrechen oder den Gebrauch von Abführmitteln (Laxantien), harntreibenden Medikamenten (Diuretika) oder Appetitzüglern erreicht. Bei den
Betroffenen besteht eine große Angst vor einer
Gewichtszunahme, zudem liegt eine gestörte Wahrnehmung der eigenen
Figur (
Körperschemastörung) vor. Die starke
Abmagerung führt bei Frauen zum Ausbleiben der
Menstruation (Amenorrhoe).
Neben der
Anorexie liegen bei den
Betroffenen häufig weitere
psychische Störungen wie Depression, Angst- und Zwangsstörungen, Substanzmissbrauch sowie Persönlichkeitsstörungen vor. Die
körperlichen Folgen des
Hungerns und der gegensteuernden Maßnahmen sind zahlreich: Es kommt zu
trockener Haut, Haarausfall, Veränderungen im Hormonhaushalt, Nieren- und Magen-Darm-Problemen, einem Absinken des Blutdrucks und Herzrhythmusstörungen. Besonders gravierend sind Verschiebungen im
Gleichgewicht der Blutsalze (Elektrolyte).
Die
Anorexie ist zwar ein
Krankheitsbild mit relativ geringer Auftretenshäufigkeit (0,7 Prozent bei Mädchen und 0,1 Prozent bei Jungen), jedoch eines mit schlechter Prognose. Lediglich in 30 bis 50 Prozent der Fälle kann sie vollständig geheilt werden. 20 Prozent der Patientinnen entwickeln eine chronische Form der
Magersucht, teilweise mit
schwersten körperlichen und psychischen Komplikationen, und bis zu 20 Prozent versterben an den Folgen der
Erkrankung.
Die Behandlungsoptionen
Für die Behandlung der Anorexie gibt es viele verschiedene
Therapieansätze. Zu den am häufigsten verwendeten und nach bisherigen Ergebnissen erfolgversprechendsten
Psychotherapieverfahren gehören die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) und die fokale psychodynamische Psychotherapie (FPT). Die KVT bei
Magersucht hat zwei Schwerpunkte: zum einen die
Normalisierung des Essverhaltens und Gewichtssteigerung bzw. -stabilisierung, zum anderen die
Bearbeitung mit der Essstörung assoziierter Problembereiche wie z.B. defizitäre soziale Kompetenzen oder geringe Konflikt- und Problemlösefertigkeiten. In der FPT werden zum einen ungünstige Beziehungsgestaltungen, zum anderen Beeinträchtigungen der Emotionsverarbeitung fokussiert. Als herausragender Faktor für den Behandlungserfolg wird hier die Arbeitsbeziehung zwischen Therapeut und Patient angesehen. In der Therapieforschung fehlen allerdings bis jetzt größere standardisierte Studien, welche die Wirksamkeit spezifischer ambulanter Psychotherapieverfahren bei Anorexia nervosa belegen. Diese Lücke möchte die ANTOP-Studie schließen.
Psychodynamische Fokaltherapie, kognitiv-behaviorale Therapie und "Treatment as usual" bei ambulanten Patienten mit Anorexia nervosa: eine randomisierte und kontrollierte Studie (ANTOP - Anorexia Nervosa Treatment of OutPatients)
Bei der ANTOP-Studie handelt es sich um die bisher größte Untersuchung weltweit zur ambulanten Psychotherapie bei Anorexia nervosa. Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit über einer Million Euro für die nächsten drei Jahre geförderte Studie wird von der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Tübingen unter der Leitung des Ärztlichen Direktors, Prof. Dr. Stephan Zipfel, koordiniert, weitere acht universitäre Zentren (Heidelberg, Freiburg, München, Erlangen, Ulm, Bochum, Essen, Münster) in Deutschland nehmen daran teil.
Ziel dieser großangelegten ambulanten Psychotherapiestudie ist es, die Wirksamkeit der beiden spezifischen Psychotherapieverfahren, KVT und FPT, im Vergleich zur bisher üblichen Standardbehandlung im Sinne eines "Treatment as usual" zu untersuchen. Als Beurteilungsgrundlage dient hierbei vorrangig die Veränderung des Gewichts während des Behandlungsverlaufs.
Für die Durchführung von KVT und FPT wurden gemeinsam mit internationalen Essstörungsexperten spezifische Behandlungsmanuale entwickelt. Zu Beginn werden die Studienteilnehmerinnen zufällig einer der beiden Psychotherapieverfahren oder der Standardbehandlung zugewiesen. Die beiden spezifischen Interventionen umfassen 40 ambulante Einzelsitzungen über einen Zeitraum von zehn Monaten, die Patientinnen am Zentrum kostenfrei wahrnehmen. Die jeweilige Therapie erfolgt nach vorgegebenen therapeutischen Richtlinien und wird durchgehend wissenschaftlich begleitet.
Studienteilnahme
An der Studie teilnehmen können
Anorexie-Patientinnen ab 18 Jahre mit einem
BMI im Be-reich zwischen
15 und 18,5 kg/m². Eine Studienteilnahme ist nicht möglich bei aktuellem Missbrauch psychotroper Substanzen, regelmäßiger Einnahme von Neuroleptika, schweren psychiatrischen Erkrankungen und akuter Suizidalität. Als weitere Ausschlusskriterien gelten primär somatische Erkrankungen als Ursache des
Untergewichts,
schwerwiegende medizinische Komplikationen und Schwangerschaft. Auch eine bereits laufende Psychotherapie schließt die Teilnahme an der ANTOP-Studie aus. Interessenten, die an der Studie teilnehmen möchten wenden sich bitte an die Psychosomatik des Uniklinikums Tübingen, Tel. 07071/29-8 67 19, Fax 07071/29-43 88 oder per E-Mail
antop.ednet@med.uni-tuebingen.de.
Ansprechpartner für nähere Informationen:
Universitätsklinikum Tübingen
Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Osianderstr. 5, 72076 Tübingen
Prof. Dr. Stephan Zipfel, Ärztlicher Direktor
Tel. 07071/29-8 67 19
Quelle :
www.idw-online.de