Diätwahn im Kindergarten: "Nicht nur auf die Dicken gucken"
Berlin (dpa) - Nach den Debatten über
Gewichtsprobleme könnte man meinen, alle deutschen Kinder sind zu
dick. "Wir dürfen nicht den Fehler machen und nur auf die
dicken Kinder gucken", meint dagegen die Bundestagsabgeordnete Julia Klöckner.
Die 34-Jährige ist Verbraucherbeauftragte der Unionsfraktion. Mit dem Thema
Magersucht (Anorexie) beschäftigt sie sich, seitdem die Mutter eines
magersüchtigen Mädchens in ihre Sprechstunde kam. "Sie war ganz verzweifelt, weil ihre Tochter durch die öffentliche Debatte um dicke Kinder noch mehr
abnehmen wollte." Das war vor zwei Jahren. Damals hatte die grüne Verbraucherministerin Renate Künast eine Diskussion um die
Moppel-Kinder angestoßen.
Nach Schätzung der Bundeszentrale für
gesundheitliche Aufklärung sind in Deutschland 100 000 Frauen zwischen 15 und 35 Jahren
magersüchtig. Angesichts der zwei Millionen
übergewichtigen Kinder und Jugendlichen wirkt diese Zahl erstmal gering. Doch die Dunkelziffer liegt nach Ansicht der Experten viel höher, und die Gefahr der
Krankheit ist nicht zu unterschätzen. 15 Prozent der
Magersüchtigen hungern sich regelrecht zu
Tode. Ursachen dafür gibt es viele. Doch nicht zuletzt trägt das von Medien und Modeindustrie propagierte,
ultraschlanke Schönheitsideal entscheidend dazu dabei.
In der aktuellen Debatte um gesunde
Ernährung kommt
Magersucht nach Meinung von Klöckner zu kurz. Im Aktionsplan der Bundesregierung werden
Anorexie und
Bulimie zwar als "große
gesundheitspolitische Herausforderung" bezeichnet, finden aber in dem fast zehnseitigen Papier in nur vier Sätzen Niederschlag. Eine einseitig geführte Diskussion verschärfe den
Magersucht-Druck, warnt deshalb der Vorsitzende des Bundesfachverbands
Essstörungen, Andreas Schnebel.
Dieser "hysterische Umgang mit
Gewicht und
Essen" führe dazu, dass sich selbst
Normalgewichtige zu
dick fühlen.
Magersucht betreffe nicht mehr nur junge Frauen, sondern auch zunehmend Männer und Kinder. Mittlerweile würden sich schon Kindergartenkinder damit beschäftigen, ob sie eine gute Figur haben, wie der
Psychologe von seiner kleinen Tochter weiß.
Dass der
Schlankheitswahn nicht nur Teenager betrifft, ergab auch eine 2005 veröffentlichte Studie der Universität Jena unter Schülern der 3. und 4. Klasse. Ein Drittel der
normalgewichtigen Kinder gab darin an, dass sie lieber
dünner wären. Zum Zeitpunkt der Studie versuchten 18 Prozent der Jungen und 19 Prozent der Mädchen
abzunehmen.
Einfluss auf das
Essverhalten der Kinder hatten bei Mädchen vor allem die Gleichaltrigen und bei Jungen die Kritik der Eltern. Doch: "Es zeigte sich durchweg ein signifikanter Einfluss der Medien auf den Wunsch, dünner sein zu wollen", heißt es in der Studie.
Dass
Magersucht und
Unterernährung stärker in den Blickpunkt der Politik rücken, dafür will die CDU-Politikerin Klöckner im Juni im Bundestag bei einer Experten-Anhörung im
Ernährungsausschuss werben. Einen ersten Sieg sieht sie schon errungen.
Anzeige
Als im vergangenen Herbst eine Kandidatin aus Heidi Klums Casting-Show "Germany's Next Top Model" ausschied, weil sie nach Ansicht der Jury zu
dick war, gab es laute Kritik am
Magerwahn. In der gerade beendeten zweiten Staffel der Sendung waren dank der öffentlichen Empörung nun keine übermäßig
dürren Mädchen zu sehen.
Ein generelles Verbot für Casting-Shows wie "Germany's Next Top Model" lehnt Klöckner jedoch ab. Auch ein
Laufstegverbot für zu
dünne Models, wie es in Italien vom nächsten an Jahr gelten soll, hält sie nicht für praktikabel. Stattdessen appelliert sie an die
Modebranche und die Fotografen, nicht mehr mit
ungesund dünnen Mädchen zusammenzuarbeiten.
Auch das Bundesgesundheitsministerium erklärte, statt Verbote lieber auf eine freiwillige Verpflichtung der
Modebranche zu setzen. "Wir müssen realistisch sein", begründet Klöckner. "Der Staat kann kein
Taillenumfanggesetz erlassen."
Quelle :
www.magazine.web.de