Dicke Kinder, dünne Kinder
In Kindergärten und Schulen werden Jugendliche nun über gesunde Ernährung und Bewegung aufgeklärt. Könnte, was für die einen richtig ist, bei anderen Magersucht fördern? Von Kathrin Meier-Rust
«Purzelbaum» wird
Bewegung in Zürcher Kindergärten bringen: Dieses neue Programm soll Kindergärtner ermuntern, sich «jederzeit und überall» im und um den Kindergarten zu
bewegen, nicht nur in den Turnstunden. Die Kinder sollen gemeinsam einen
gesunden Znüni
essen und spielerisch lernen, welche
Nahrungsmittel gut für sie sind. Auch ihre Eltern sollen einbezogen werden. «Moving Lifestyle» wendet sich dagegen an Fünftklässler: Ihnen wird ein «geprüftes Grundwissen über den Zusammenhang von
Bewegung, Ernährung und
Gewicht» vermittelt, und sie sollen zu mehr
Bewegung und
gesundem Essverhalten ermuntert werden.
Das sind nur zwei aus einem ganzen Paket von präventiven Programmen und Massnahmen, mit denen der Schulgesundheitsdienst der Stadt Zürich in Schulen gegen
Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen vorgehen will. Ebenso sollen etwa die Pausenkioske auf
gesunde Kost umgestellt werden und Getränkeautomaten ganz verschwinden. «Wir wollen mit unseren Programmen keinen
Diätwelle anstossen und auch keinen
Ernährungs- und Bewegungsterror auslösen», sagt Daniel Frey, Direktor des Schulgesundheitsdienstes. Doch die Zunahme von
Übergewicht und
Fettleibigkeit bei Kindern und Jugendlichen sei alarmierend: Rund jedes fünfte Kindergartenkind und rund jedes vierte Schulkind in der Stadt Zürich ist heute zu
dick, eine Entwicklung, die sich überall in der Schweiz ähnlich zeige. Weil
Übergewicht in den meisten Fällen ins Erwachsenenalter mitgenommen wird und
Therapien wenig erfolgreich sind, setzt man in Zürich – wie anderswo – ganz auf Prävention. Vorbild ist die zahnärztliche Prävention gegen Karies, die in den letzten 20 Jahren einen geradezu spektakulären Erfolg erzielt hat.
Gruusigi Schoggimilch
Alles notwendig, gut durchdacht und richtig. Und doch bleibt ein Dilemma. Denn neben runden Kindern sitzen in den Klassen ja auch
dünne, und vor allem auch solche, die sich vielleicht schon bald – nämlich wenn sie 10, 11, 12 Jahre alt sind – für zu
dick halten werden, auch wenn sie es keineswegs sind.
Was also, wenn ein dünner Sprenzel eine Schoggimilch zum Znüni in den Kindergarten bringt und von älteren Kindern sofort mit Abscheu zu hören bekommt, Schoggimilch sei
ungesund und gruusig? Wenn Drittklässler ein Bewegungs-Tagebuch führen, in dem sie täglich aufschreiben, wann, wie und wie lange sie sich
bewegt haben? Oder Kinder in einer 5. Klasse ein ebensolches Tagebuch über die eigene
Ernährung führen? Könnte solch angelernte Aufmerksamkeit für den eigenen
Körper nicht die Entstehung von
Magersucht geradezu begünstigen?
Für Dagmar Pauli, Leiterin der Sprechstunde für
Essstörungen am Zentrum für Kinder und Jugendpsychiatrie in Zürich, sind das heikle Fragen. Hilfe für
übergewichtige Kinder sei zweifellos wichtig. Anderseits nimmt auch das sogenannte kontrollierte
Essverhalten bei Kindern und Jugendlichen seit zehn Jahren stark zu: Damit ist eine Fixierung auf «richtige»
Ernährung gemeint, die eine Vorstufe von
Magersucht sein kann.
Bei der
Ernährungs- und Bewegungsaufklärung für Kinder sei deshalb das Wie sehr wichtig. Ein
Ernährungstagebuch in der 5./6. Klasse etwa hält Pauli für eher ungünstig. Auch sollte das
Fett in der
Ernährung nicht überbetont werden: «Manche Kinder zeigen heute eine übertriebene
Fett-Phobie, die sie meist von ihren Müttern mitbekommen. Es ist ja ein Paradox, dass Länder, in denen am meisten
fettfreie Produkte zu haben sind, auch am meisten
Übergewichtige haben. Beides gehört zusammen, denn wenn man sich etwas verbietet, zum Beispiel
Fett, und verteufelt, dann wächst auch die heimliche Lust darauf.» Auch beginne eine
Magersucht oft damit, dass ein Mädchen in der Pubertät ein we- nig rund werde und dann, oft von den eigenen Eltern, zu hören bekomme: Pass auf, dein Hintern wird zu
dick.
Bei der Aufklärung über
gesunde Ernährung sollte deshalb nicht so sehr der Inhalt der
Nahrung, sondern der Genuss betont werden, der Spass am guten
Essen zusammen, die abwechslungsreiche Kost – «dann ist das eine gute Sache», meint Pauli. Ganz allgemein sollte Prävention – sei es von
Übergewicht oder von
Essstörungen – bei Kindern weniger über die kognitive Schiene, also über inhaltliche Informationen, sondern indirekt laufen: über die Stärkung des
Selbstwertgefühls und über die Botschaft, dass die
Körper der Menschen verschieden sind.
In Tagesablauf einbauen
Auch Kurt Albermann, Leitender Arzt der Abteilung Psychosomatik der
Kinderklinik am Kantonsspital Winterthur, äussert Skepsis gegenüber einem allzu generellen Vorgehen: «Wenn man alle Formen zusammennimmt, so zeigen heute je nach Alter und Geschlecht bereits bis 30 Prozent aller Kinder irgendeine Art von
gestörtem Essverhalten.» Das Spektrum reiche dabei zwar von
Adipositas bis zu
Anorexie. Es handle sich aber nicht einfach um zwei Gruppen – jene, die zu viel, und jene, die zu wenig
essen –, sondern um eine Vielfalt von individuellen Formen. «Bei jedem Kind spielen verschiedene Faktoren immer wieder anders zusammen: individueller
Stoffwechsel und
Kalorienbedarf, Neigung, sich zu bewegen,
Essgewohnheiten des Kindes und der Familie usw. Jede
Essstörung muss deshalb individuell und immer in Zusammenarbeit mit den Eltern angegangen werden.»
Ganz eindeutig fehle es heutigen Kindern jedoch an
Bewegung, meint Albert. Der Schulsport alleine könne das nicht kompensieren. Auch
Bewegung sollte jedoch bei Kindern weniger thematisiert als praktiziert werden: «Die
Bewegung sollte einfach in den Tagesablauf eingebaut werden.»
«Manche Kinder zeigen heute eine übertriebene Fett-Phobie, die sie
meist von ihren Müttern
mitbekommen. »
Quelle:
www.nzz.ch