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Alt 30.01.2007, 09:53   #1 (Permalink)
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Benutzerbild von christoph
 
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Standard Wenn Männer sich zu Tode hungern

Wenn Männer sich zu Tode hungern

Von Stephanie McClain und Sönke Wiese

Mehrmals am Tag steht Stefan Scholl kurz vor einem Kreislaufkollaps. Dann kaut er Zucker, pur. Der geht schnell ins Blut über - und vor allem macht er nicht dick. Seit Jahren trickst Scholl seinen Körper aus. stern TV schilderte der 40-Jährige sein Leben mit der Magersucht.

In Deutschland gibt es über 600.000 essgestörte Menschen, die meisten leiden an Magersucht und Bulimie. Die Sterblichkeitsrate liegt zwischen 15 und 20 Prozent, laut der Universität Ulm fordert keine andere psychiatrische Störung mehr Opfer. Magersucht gilt immer noch als reine Frauenkrankheit, doch zehn Prozent der Betroffenen sind Männer - und ihr Anteil steigt rapide.

Die Küche in seiner kleinen Frankfurter Wohnung dient ihm als Abstellraum, Herd und Kühlschrank besitzt er nicht, Töpfe oder Besteck braucht er nicht. Stefan Scholl leidet seit sieben Jahren unter dem Zwang zu hungern. In den vergangenen zwei Jahren hat er sich fast nur von Zucker ernährt - bis zu 500 Gramm am Tag Würfelzucker, Puderzucker, braunen Zucker, um ein wenig Abwechslung zu haben. "Als rein lebenserhaltende Maßnahme", immer wenn er die Ohnmacht kommen spürt.

"Man muss nur ein Stück essen, da hat man etwas zu kauen, und es geht sofort ins Blut. 100 Gramm haben zwar bis zu 400 Kilokalorien, aber dick wird man davon nicht", sagt Scholl. Wahrscheinlich kann der Körper puren Zucker nicht verwerten. Scholl isst sonst fast nichts: Nur Wasser, Cola-Light und ab und zu eine Reiswaffel gönnt er sich.

Ein Hungergefühl kennt er schon lange nicht mehr, auch das Geschmacksempfinden hat er verloren. "Ich esse nur noch, was mich einigermaßen erhält." Bis auf 47 Kilogramm ist Stefan Scholl, 1,81 Meter groß, abgemagert. Er hat Angst zu sterben - aber noch größer ist die Angst davor zuzunehmen.

Männer werden nicht ernst genommen
Betroffene Männer leiden zusätzlich unter der Scham, von einer vermeintlichen Frauenkrankheit befallen zu sein. Sie bleiben, häufiger noch als Frauen, im Verborgenen. Das Fatale: Die männliche Magersucht wird im sozialen Umfeld, von manchen Krankenkassen und selbst von Ärzten zu wenig ernst genommen. "Vor allem Männer fühlen sich nicht verstanden", sagt Dr. Sandra Elze vom Klinikum Roseneck am Chiemsee. "Auch bei extremem Untergewicht kommen viele Ärzte nicht auf Magersucht und betreiben ewig lange körperliche Diagnostik." Magersucht bei Männern hat häufig andere Ursachen, einen anderen Verlauf als bei Frauen; die Behandlung erfordert besondere Ansätze. Aber die Hilfsangebote für Männer sind spärlich. Therapien, Spezialkliniken, betreute Wohngruppen richten sich oft nur an Frauen, selbst im Internet finden sich kaum spezielle Foren oder Selbsthilfegruppen. So glauben viele Männer, sie seien die einzigen Betroffenen.

Von 106 runter auf 47 Kilogramm
"Ich würde lieber sterben, als wieder dick zu werden", sagt Stefan Scholl. Seit 25 Jahren sei er essgestört. Als Kind war er dickleibig, seine Eltern schickten ihn auf eine Abmagerungskur; für den Jungen war es ein Albtraum. Danach bekam Scholl immer häufiger Fressanfälle. Döner, Pizza, Schokoladentorte: Es konnte nie genug sein. In Spitzenzeiten wog er 106 Kilogramm.

Die fatale Kehrtwende löste vor sieben Jahren ein Krankenhausaufenthalt wegen Verdachts auf Darmkrebs aus. Scholl war schockiert, beschloss, gesünder zu leben, ein wenig abzunehmen. Fortan aß er viel Obst und Gemüse, setzte sich auf Diät. Das klappte prima: Schnell verlor er Gewicht. Bald fand er das Dressing, schließlich auch den Blattsalat selber zu kalorienreich. Das Abnehmen wurde zur Sucht. "In dieser Zeit stellte ich mich bis zu 30 mal am Tag auf die Waage", erzählt Scholl. Das einzige, was mit jedem verlorenen Gramm zunahm, war die Angst vor dem Dickwerden. "Die Krankheit hatte meinen Körper, mein ganzes Ich in den Griff genommen."

Kein verzerrtes Bild vom Körper
Laut Sandra Elze ist Stefan Scholls Krankheitsverlauf typisch für Magersucht bei Männern. Während Frauen häufig schon in der Pubertät an Essstörungen erkranken, weil sie mit den Veränderungen ihres Körpers nicht zurecht kommen, erkranken die meisten Männer erst im Erwachsenenalter. Viele ihrer Patienten waren früher übergewichtig, sagt die Ärztin aus Roseneck. Schicksalsschläge sind oft der Auslöser für das zwanghafte Hungern.

Anders als magersüchtige Frauen haben Männer meistens kein verzerrtes Bild von ihrem Körper, sagt Dr. Elze. "Viele fürchterlich untergewichtige Frauen stellen sich vor den Spiegel und sehen überall nur Fett." Männer dagegen erkennen durchaus, dass sie viel zu dünn sind, dass ihre Statur nicht als attraktiv empfunden wird, dass das geringe Körpergewicht lebensbedrohlich wird. Ihr Problem: Die Angst vor der - unkontrollierten - Gewichtszunahme beherrscht sie.

"Ich muss wieder lernen, normal zu essen"
Zu seinem 40. Geburtstag wünscht sich Stefan Scholl nur eines: einmal wieder ein Stück Torte essen zu können. Er schafft es nicht, ohne sich zu erbrechen. Ihm ist klar, dass er dringend Hilfe braucht. "So wie ein Kind lesen und schreiben lernen muss, so muss ich wieder essen und trinken lernen", sagt er. Nach monatelangem Streit mit seiner Krankenkasse wird ihm die Einweisung in die Klinik Roseneck am Chiemsee genehmigt.

"Zunächst bauen wir das Gewicht der Patienten wieder auf, bringen ihnen ein normales Essverhalten mit einer festen Mahlzeitenstruktur bei", erklärt Dr. Elze. "Dann suchen wir nach den Ursachen für die Essstörung. Meist sind es soziale Defizite, und die Erkrankten müssen lernen, ihre Gefühle nicht über Erbrechen oder Essverweigerung zu äußern."

Scholl scheint die Therapie gut zu tun: In der ersten Woche gewinnt er 4,2 Kilogramm an Gewicht, 63 Kilogramm wiegt er bei der Entlassung. "Aber ab jetzt muss er das Angst auslösende Essen selber kaufen und zubereiten", sagt Sandra Elze.

Stefan Scholl weiß: Allein in seinem alten Umfeld wird er kämpfen müssen - mit jedem Bissen.

Quelle : www.stern.de/tv
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