Hungersucht - Man(n) kotzt sich aus. Ein bulimiekranker Mann erzählt
Reinhold Miebach
Hallo, mein Name ist Reinhold Miebach und ich litt selbst über 15 lange Jahre an
Bulimie. Ich wohne heute in Regensburg und arbeite an der Universität Regensburg. Nach 2
stationären Therapien und einer abschließenden
Tiefenpsychologie - die
Therapiedauer insgesamt beanspruchte 5 Jahre meines Lebens, habe ich gelernt, mit dieser Erkrankung zu leben, so dass ich sagen kann, das Thema Essen ist kein zentrales Thema mehr in meinem Leben.
Bulimie und
Magersucht, Anorexie oder wie immer wir es auch nennen wollen, begegnet uns auf der Straße. In modischen jungen Mädchen- und Frauenkörpern und in schlanken jungen Männerkörpern. Bei ersteren als
Schönheitsideal selbstverständlich, bei letzteren bestenfalls als männliche Schwäche zur Kenntnis genommen und dann damit auch abgetan. In den seltensten Fällen als
Essstörung und/oder
Suchterkrankung erkannt und behandelt.
In einer Gesellschaft, in der die optimale Kleidergröße für Frauen mit Größe 34 propagiert wird, übersehen wir, dass ca. 2 bis 4 % der 18 bis 35-jährigen Frauen in Deutschland (Dunkelziffer bei weitem höher!) an
Bulimie erkrankt sind.
Bulimie, Magersucht, Anorexie ist keine
„vorübergehende Störung“, sondern eine ernsthafte und meist auch lebensbedrohliche Erkrankung, die der
Therapie bedarf. Es gilt, die tieferen Ursachen der Erkrankung zu finden.
Von allen
bulimieerkrankten Menschen in Deutschland sind nur etwa 5% männlich.
Reinhold Miebachs Geschichte ist damit eine Seltenheit. Oder doch nicht? Denn sie ist real, alltäglich und zeigt, wie weit es bei
Bulimie über ein „Nichts-Essen-Wollen“, hinausgeht, wie weit es gehen kann, dass „einem etwas auf den
Magen schlägt“ und dass es nicht selten ist, dass „einem nur etwas auf den Magen schlägt“. Und dass auch richtige Jungs und gestandene Männer betroffen sind. Eine Geschichte, die zwischen und unter uns allen stattfindet.
Der Autor über das Buch:
Die unter Frauen weitverbreitete
Erkrankung der
Bulimie wird einmal aus der Perspektive eines betroffenen Mannes beleuchtet. Ich erzähle über mein Leben und meine Erfahrungen als
Bulimiekranker. Mein Anliegen ist es, die Öffentlichkeit für dieses "totgeschwiegene Thema" zu sensibilisieren. Warum glauben alle,
Essstörungen seien eine reine
Frauenkrankheit? Dem ist natürlich nicht so!
Mit diesem Buch möchte ich endgültig mein Thema
Bulimie nach 15 Jahren der
Sucht ad acta legen und meinen Leidensweg durch diverse
Therapien ohne Augenwischerei wiedergeben.
Aus dem Inhalt:
Ich hatte mal wieder das Gefühl, zu viel gegessen zu haben und entschloss mich, diesen Ballast wieder zu entfernen. So schob ich einen Spaziergang mit unserem Hund vor, um mir unbeobachtet den Finger in den Hals zu stecken. Ich hatte den idealen, geheimen Platz zum Kotzen gefunden! Ich eilte rasch dorthin und ging in meine ausgewählte Nische zwischen den Scheinzypressen dort. Das war schon ein seltsames Gefühl. Das schöne Sommerwetter lud eigentlich zu einem ausgedehnten Spaziergang ein. Ich jedoch stand jetzt hier und bereitete mich auf mein
Erbrechen vor. Was machte ich hier eigentlich? Warum machte ich das? Nur aus der Angst heraus, weil ich nicht zunehmen möchte? Mein Gewicht pendelte nun, mit 16 Jahren, bei 168 cm zwischen 48 kg und 49 kg. Ich fühlte mich unheimlich
dick! Ich ertrug kein Völlegefühl, das war wohl der Grund, warum ich das jetzt machen musste!
Ich steckte mir den Finger in den Hals und kitzelte mein Zäpfchen. Der Würgereiz war da, dennoch wollte das Essen nicht wieder aus mir herauskommen. In meinem Kopf drehten sich die Gedanken nur noch hektisch um das Finden einer Möglichkeit, wie ich so möglichst schnell erbrechen kann. Mit jeder Minute, die das Essen in meinem
Magen verbleibt, sinkt auch die Möglichkeit, es je wieder zu erbrechen. Aus meiner bisherigen Erfahrung wusste ich, dass ich innerhalb einer halben Stunde nach dem Essen
erbrechen musste, um überhaupt eine reelle Chance zu haben, alles wieder herauszubringen. Würde es mir in dieser kurzen Zeit nicht gelingen, müsst ich letztendlich mit meinem vollgefressenen,
dicken Bauch den lieben, langen Tag leben. Eine Horrorvorstellung!
Ich merkte, wie mir die Zeit davon zu laufen drohte. Wütend schob ich nun alle meine Finger – außer dem Daumen – in den Hals und versuchte, so den
Würgereiz zu verstärken. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich den ersten Schub meiner Mahlzeit erbrach. Ich überlegte, ob der Reiz, den ich mit meinen Fingern in meinem Hals ausübte, um das
Brechzentrum zu stimulieren, nicht mehr ausreichte? Doch es half nichts, ich musste mein Essen wieder los werden. Ich befreite meine rechte Hand durch ein heftiges Abschütteln von der Kotze und schob sie dann wieder in den Hals. Um mich herum nahm ich während des
Erbrechens meine Umwelt nicht wahr.
Ich war nur noch mit mir selbst beschäftigt – ich fühlte mich auch recht sicher, nicht unerwartet von jemanden überrascht zu werden. Diese ganze Prozedur dauerte gut eine halbe Stunde. Mein Hals fühlte sich danach an, als wenn ich durch diese brutale Aktion meine schützende
Schleimhaut zerstört hätte. Mit Tempotaschentüchern wischte ich mir die restliche Kotze von der rechten Hand und reinigte meinen Mund. Vor mir sah ich zum ersten Mal, seit ich mit diesen
Brechaktionen angefangen hatte, die gesamte Menge an
Erbrochenem auf dem Boden liegen. Wenn ich in unserem Waschbecken daheim erbrach, verschwand immer gleich ein Teil des
Erbrochenen durch den Abfluss. Ich war erstaunt, wie viel Essen ich in meinen
Magen verstauen konnte.
Aber warum wurde es für mich immer schwerer, einen ausreichenden
Brechreiz auszuüben? Hatte ich mich vielleicht an diese Art von Reiz, meine Finger in den Hals zu stecken, gewöhnt? Da musste ich mir schnell etwas Neues ausdenken! Ich ging erst einmal nach Hause und wusch mir mein Gesicht und meine Hände, die ziemlich penetrant nach Kotze rochen. Auf meinem Bett liegend horchte ich zufrieden in mich rein: ich war leicht und zufrieden! Nur ein Gedanke quälte mich: Wie stimuliere ich beim nächsten Mal meinen Brechreiz? In Anbetracht der nun kommenden Sommerferien schien es mir nicht so dringend zu sein, jetzt unbedingt eine Lösung für dieses Problem zu finden.
Jedoch merkte ich jetzt zum ersten Mal, in was für ein isoliertes Leben ich mich manövriert hatte. Ich hatte keine Freunde mehr, mit denen ich mich regelmäßig traf. Es war keiner mehr da, mit dem ich meine Gedanken austauschen konnte. Einerseits hatte ich wegen der Schule in der Vergangenheit keine Zeit mehr gehabt, meine Freundschaften zu pflegen, andererseits schämte ich mich für das, was ich machte. Ich wollte auf keinen Fall, dass irgendjemand erfährt, dass ich meine dickmachenden Mahlzeiten regelmäßig erbrach. Gut, ich hatte zwar mein
Gewicht auf fast konstante 49 kg reduziert, doch glücklich – wie anfangs von mir angenommen – fühlte ich mich mit dem
Gewicht keineswegs. War es ein Trugschluss, dass ich als dünner Mensch leichter eine Freundin oder einen guten Freund finde?
Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als einen Menschen, dem ich mich anvertrauen kann. Dieser Frust stürzte mich noch tiefer in meine
Bulimie. Ich muss jedoch erklärend dazu sagen, dass mir der Begriff „Bulimie“ immer noch fremd war. Wer spricht auch schon offen über sein
gestörtes Essverhalten? Ich erbrach bis jetzt ja auch nur gelegentlich, manchmal sogar auch mehrere Wochen gar nicht. Nach einigem Nachdenken fand ich eine Lösung, um meinen
Brechreiz zu stimulieren, wenn ich mit der Praktik, mir meinen Finger in den Hals zu stecken, keinen Erfolg mehr hatte.
Ich nahm mir zur Sicherheit jetzt immer einen Esslöffel mit, wenn ich zu „meiner“ Scheinzypresse ging, um meine Mahlzeit zu erbrechen. Zuerst versuchte ich auf die schonende Art und Weise, indem ich mir den Finger in den Hals steckte, meinen
Brechreiz zu stimulieren. Schaffte ich das nicht, steckte ich mir einen Esslöffel in den Hals und reizte ihn durch schnelles Rein- und Rausschieben des Löffels so lange, bis ich letztendlich kotzte. Danach hatte ich zwar regelmäßig höllische Halsschmerzen, jedoch nahm ich das billigend in Kauf. Immer noch besser, als mich mit meinem vollen
Bauch rumschlagen zu müssen. Doch es ging noch weiter. Jede Perversion ist noch zu toppen! Denn nun, in der zehnten Schulklasse, als die erste Etappe – einen Schulabschluss zu erlangen – anstand, sollte mir zum ersten Mal so richtig bewusst werden, dass ich an
Bulimie erkrankt war.
Quelle :
www.medizin.de