Tabuthema: Essstörungen bei Männern
Von ddp-Korrespondentin Susanne Donner
Innsbruck/Pulsnitz (ddp).
Waschbrettbauch, breite Schultern und eine kräftige Statur: So muss ein Mann heute aussehen. Das zumindest suggeriert die Werbung und macht damit klammheimlich glauben, dass auch die Gesellschaft den idealen Mann so und nicht anders will. Schmächtige Männer werden vorschnell als schwächlich, weichlich - eben unmännlich - abgestempelt.
Dementsprechend wollen Männer in der Regel eher
Muskeln aufbauen, während Frauen lieber ein paar Pfunde
abnehmen, um der
Mannequin- und damit angeblichen
Ideal-Figur näher zu kommen. In beiden Fällen kann das Streben nach dem Idealkörper zwanghaft und damit zur Krankheit werden: Der oder die Betroffene rutscht in eine
Essstörung hinein.
«
Essstörungen gelten nach wie vor als typische
Frauenerkrankung, aber es gibt auch essgestörte Männer. 5 bis 10 Prozent der
Magersüchtigen und 10 bis 15 Prozent der
Bulimie-Patienten sind Männer», berichtet Barbara Mangweth, Professorin an der Universitätsklinik für Psychiatrie in Innsbruck. Nur bei der
Fettsucht liegen Männer und Frauen fast gleich auf, wie die aktuellen Zahlen der Deutschen Hauptstelle für
Suchtgefahren belegen.
Rund jeder zehnte Mann ist heute essgestört, wobei in jüngster Vergangenheit eine leichte Zunahme verzeichnet wird. «Vermutlich sind jedoch das gestiegene mediale Interesse und die verstärkte Aufklärung der Grund für den Anstieg», beschreibt Klaus Dilcher, Leitender
Psychologe der Klinik Schwedenstein im sächsischen Pulsnitz. Dennoch, so der Experte, liege die Dunkelziffer bei den
essgestörten Männern enorm hoch, sogar höher als bei den Frauen.
«Männer kommen, wenn überhaupt, dann erst in einem sehr späten Stadium der Erkrankung zu uns», berichtet Mangweth. Die Betroffenen seien überdies einer
Therapie nur sehr schwer zugänglich. Sie blieben in der Regel nur kurz in
stationärer Behandlung, während Frauen teils über Jahre hinweg begleitet werden können. Die
Behandlungserfolge seien daher deutlich schlechter als bei den erkrankten Frauen.
«Es ist für Männer sehr schwer, sich mit einer vermeintlichen
Frauenerkrankung zu identifizieren. Noch dazu ist gerade die Bulimie oder die Magersucht beim Mann ein sehr großes Tabuthema, da er fürchten muss, dann als klapprig, ausgemergelt und impotent angesehen zu werden», so Dilcher.
Während
Übergewicht von der Gesellschaft bis zu einem gewissen Grad toleriert wird und auch dünne Frauen Akzeptanz finden, läuft ein
magersüchtiger Mann Gefahr, sozial ausgegrenzt zu werden. Folglich verbergen betroffene Männer so lange wie möglich ihre Erkrankung. «Im schweren Stadium sind die Männer dann häufig extreme Einzelgänger», sagt Mangweth. «Wir beobachten bei Männern auch eine ungewöhnlich starke Idolisierung, wie man sie eigentlich sonst nur im Show-Geschäft kennt. Ein gängiges Vorbild ist zum Beispiel Radsportler Jan Ullrich», beschreibt Dilcher.
Insgesamt sind
Essstörungen bei Männern weniger augenfällig als bei Frauen. Viele Männer, die in eine
Essstörung hineingeraten, waren zuvor übergewichtig, so dass die Körpergestalt nicht unbedingt auf das Leiden hindeutet.
Bulimische Männer kontrollieren ihr Gewicht nicht nur durch Erbrechen, sondern auch durch übertriebenen Sport. «Oft missbrauchen sie auch
Drogen, Alkohol, Abführmitteln oder konsumieren Substanzen zum
Muskelaufbau», berichten beide Wissenschaftler unisono.
Warum Männer
Essstörungen entwickeln, ist bislang noch nicht im Detail erforscht. Es werden jedoch ähnliche Entstehungsgeschichten wie bei Frauen vermutet. «Es ist beim heutigen Leistungsdenken schwieriger, ein zufriedenes Leben zu führen. Viele fühlen sich den Anforderungen nicht mehr gewachsen», erklärt Mangweth. Zudem stünden Körper, Ästhetik und Schönheit in der westlichen Überflussgesellschaft kulturell im Mittelpunkt. Der Körper wird daher bevorzugt zum Ventil psychischer Probleme.
In den nächsten Jahren könnten
Essstörungen weiter zunehmen - bei Männern und bei Frauen, befürchtet Dilcher. Um die Behandlungschancen für
essgestörte Männer zu verbessern, sei es dringend notwenig, das
Schönheitsideal des
Muskelmannes in Frage zu stellen, fordert er. Die Körpermaße weiblicher Models werden inzwischen durchaus als ungesund entlarvt. Doch
Adonis bleibt bislang ohne Wenn und Aber der einzig schöne Mann.
Quelle :
www.lichtblick99.de