Wenn Männer sich zu Tode hungern
Von Stephanie McClain und Sönke Wiese
Mehrmals am Tag steht Stefan Scholl kurz vor einem
Kreislaufkollaps. Dann kaut er
Zucker, pur. Der geht schnell ins
Blut über - und vor allem macht er nicht dick. Seit Jahren trickst Scholl seinen
Körper aus. stern TV schilderte der 40-Jährige sein Leben mit der
Magersucht.
In Deutschland gibt es über 600.000
essgestörte Menschen, die meisten leiden an
Magersucht und
Bulimie. Die
Sterblichkeitsrate liegt zwischen 15 und 20 Prozent, laut der Universität Ulm fordert keine andere
psychiatrische Störung mehr Opfer.
Magersucht gilt immer noch als reine
Frauenkrankheit, doch zehn Prozent der Betroffenen sind Männer - und ihr Anteil steigt rapide.
Die Küche in seiner kleinen Frankfurter Wohnung dient ihm als Abstellraum, Herd und Kühlschrank besitzt er nicht, Töpfe oder Besteck braucht er nicht. Stefan Scholl leidet seit sieben Jahren unter dem Zwang zu
hungern. In den vergangenen zwei Jahren hat er sich fast nur von
Zucker ernährt - bis zu 500 Gramm am Tag Würfelzucker, Puderzucker, braunen Zucker, um ein wenig Abwechslung zu haben. "Als rein lebenserhaltende Maßnahme", immer wenn er die Ohnmacht kommen spürt.
"Man muss nur ein Stück essen, da hat man etwas zu kauen, und es geht sofort ins
Blut. 100 Gramm haben zwar bis zu 400 Kilokalorien, aber dick wird man davon nicht", sagt Scholl. Wahrscheinlich kann der
Körper puren
Zucker nicht verwerten. Scholl isst sonst fast nichts: Nur
Wasser, Cola-Light und ab und zu eine Reiswaffel gönnt er sich.
Ein
Hungergefühl kennt er schon lange nicht mehr, auch das Geschmacksempfinden hat er verloren. "Ich esse nur noch, was mich einigermaßen erhält." Bis auf 47 Kilogramm ist Stefan Scholl, 1,81 Meter groß,
abgemagert. Er hat Angst zu
sterben - aber noch größer ist die Angst davor
zuzunehmen.
Männer werden nicht ernst genommen
Betroffene Männer leiden zusätzlich unter der Scham, von einer vermeintlichen
Frauenkrankheit befallen zu sein. Sie bleiben, häufiger noch als Frauen, im Verborgenen. Das Fatale: Die männliche
Magersucht wird im sozialen Umfeld, von manchen Krankenkassen und selbst von
Ärzten zu wenig ernst genommen. "Vor allem Männer fühlen sich nicht verstanden", sagt Dr. Sandra Elze vom Klinikum Roseneck am Chiemsee. "Auch bei extremem
Untergewicht kommen viele
Ärzte nicht auf
Magersucht und betreiben ewig lange
körperliche Diagnostik."
Magersucht bei Männern hat häufig andere Ursachen, einen anderen Verlauf als bei Frauen; die Behandlung erfordert besondere Ansätze. Aber die Hilfsangebote für Männer sind spärlich.
Therapien, Spezialkliniken, betreute Wohngruppen richten sich oft nur an Frauen, selbst im Internet finden sich kaum
spezielle Foren oder
Selbsthilfegruppen. So glauben viele Männer, sie seien die einzigen Betroffenen.
Von 106 runter auf 47 Kilogramm
"Ich würde lieber
sterben, als wieder dick zu werden", sagt Stefan Scholl. Seit 25 Jahren sei er
essgestört. Als Kind war er
dickleibig, seine Eltern schickten ihn auf eine
Abmagerungskur; für den Jungen war es ein Albtraum. Danach bekam Scholl immer häufiger
Fressanfälle. Döner, Pizza, Schokoladentorte: Es konnte nie genug sein. In Spitzenzeiten wog er 106 Kilogramm.
Die fatale Kehrtwende löste vor sieben Jahren ein Krankenhausaufenthalt wegen Verdachts auf
Darmkrebs aus. Scholl war schockiert, beschloss, gesünder zu leben, ein wenig abzunehmen. Fortan aß er viel Obst und Gemüse, setzte sich auf Diät. Das klappte prima: Schnell verlor er
Gewicht. Bald fand er das Dressing, schließlich auch den Blattsalat selber zu kalorienreich. Das
Abnehmen wurde zur
Sucht. "In dieser Zeit stellte ich mich bis zu 30 mal am Tag auf die Waage", erzählt Scholl. Das einzige, was mit jedem verlorenen Gramm zunahm, war die Angst vor dem
Dickwerden. "Die
Krankheit hatte meinen
Körper, mein ganzes Ich in den Griff genommen."
Kein verzerrtes Bild vom Körper
Laut Sandra Elze ist Stefan Scholls
Krankheitsverlauf typisch für
Magersucht bei Männern. Während Frauen häufig schon in der Pubertät an
Essstörungen erkranken, weil sie mit den Veränderungen ihres
Körpers nicht zurecht kommen, erkranken die meisten Männer erst im Erwachsenenalter. Viele ihrer Patienten waren früher
übergewichtig, sagt die
Ärztin aus Roseneck. Schicksalsschläge sind oft der Auslöser für das zwanghafte
Hungern.
Anders als
magersüchtige Frauen haben Männer meistens kein verzerrtes Bild von ihrem
Körper, sagt Dr. Elze. "Viele fürchterlich
untergewichtige Frauen stellen sich vor den
Spiegel und sehen überall nur
Fett." Männer dagegen erkennen durchaus, dass sie viel zu dünn sind, dass ihre Statur nicht als attraktiv empfunden wird, dass das geringe Körpergewicht lebensbedrohlich wird. Ihr Problem: Die Angst vor der - unkontrollierten -
Gewichtszunahme beherrscht sie.
"Ich muss wieder lernen, normal zu essen"
Zu seinem 40. Geburtstag wünscht sich Stefan Scholl nur eines: einmal wieder ein Stück Torte essen zu können. Er schafft es nicht, ohne sich zu erbrechen. Ihm ist klar, dass er dringend Hilfe braucht. "So wie ein Kind lesen und schreiben lernen muss, so muss ich wieder essen und trinken lernen", sagt er. Nach monatelangem Streit mit seiner Krankenkasse wird ihm die Einweisung in die Klinik Roseneck am Chiemsee genehmigt.
"Zunächst bauen wir das
Gewicht der Patienten wieder auf, bringen ihnen ein normales
Essverhalten mit einer festen
Mahlzeitenstruktur bei", erklärt Dr. Elze. "Dann suchen wir nach den Ursachen für die
Essstörung. Meist sind es soziale Defizite, und die Erkrankten müssen lernen, ihre Gefühle nicht über
Erbrechen oder
Essverweigerung zu äußern."
Scholl scheint die
Therapie gut zu tun: In der ersten Woche gewinnt er 4,2 Kilogramm an Gewicht, 63 Kilogramm wiegt er bei der Entlassung. "Aber ab jetzt muss er das Angst auslösende
Essen selber kaufen und zubereiten", sagt Sandra Elze.
Stefan Scholl weiß: Allein in seinem alten Umfeld wird er kämpfen müssen - mit jedem Bissen.
Quelle :
www.stern.de/tv