"Zum Kotzen - Ideale, Sport und Gesundheit"
Immer mehr Männer streben
selbstzerstörerisch nach
Körperidealen: Eine neue Publikation, ein Ergebnis eines Symposiums, widmet sich dem Thema und ruft zum Protest gegen unerfüllbare optische Anforderungen der Gesellschaft auf.
"Bis zu 15 Prozent aller
Magersüchtigen sind Männer", sagt Bernhard Wappis. Der Psychologe weiß, wovon er spricht, schließlich hat er selbst zehn Jahre gegen die
Krankheit gekämpft. Heute fühlt er sich gut, "bei gewissen Sportarten muss ich aber trotzdem noch aufpassen, denn sie haben bei mir
Suchtpotenzial". Er will Betroffenen Mut machen und helfen (
www.sowhat.at ).
Die Gier nach
Muskeln nennt Wappis
Adonis-Komplex. "Das heißt nichts anderes, als dass Männer viel zu viel trainieren, bereits
Muskelmasse aufgebaut haben und sich trotzdem zu
schlank fühlen. Sport wird für sie zu einer
Sucht, die
gesundheitsschädlich ist."
Grund für den
Fitnesswahn ist die Tatsache, dass Männer heute, wie Frauen schon seit Jahren, mit einem
Schönheitsideal konfrontiert sind, das sie kaum erfüllen können. Außerdem sind sie mit der Emanzipation und dem Eindringen von Frauen in Männerbastionen überfordert. "Für Männer ist dieses
Schönheitsideal neu, sie können nicht damit umgehen und vertrauen sich niemandem an. Ihre Unsicherheit kompensieren sie mit Sport."
Sport ist "männlich"
Das zeigt sich auch an den Mitgliedschaften in Fitnessstudios: Rund 80 Prozent aller Angemeldeten sind männlich, 90 Prozent aller Marathonläufer sind "vom starken Geschlecht". Gerade diese Formulierung liegt dem
Psychologen im Magen: "Wann ist ein Mann ein Mann? Was macht ihn aus? Die Forderungen sind sehr widersprüchlich. Von sensibel bis stark."
Auch Rotraud Perner, Leiterin des Institutes für
Stressprophylaxe und Salutogenese in Wien, kritisiert das gängige
Schönheitsideal: "Zum
Kotzen ist das und damit will ich sowohl
Bulimie als auch das unerfüllbare Ideal ansprechen."
Sie erachtet Sport als sehr wichtig, doch übertrieben darf er nicht werden. Mit der Publikation sollen Gegenbilder geschaffen, Personen die in der Öffentlichkeit stehen sensibilisiert werden. "Langsam beginnt auch die Werbung zu begreifen, dass der Durchschnittsmensch kein
Model ist. Diese Entwicklung ist sehr zu begrüßen." Weitere Ziele des Symposiums: Vorträge in Schulen, um eine Sensibilisierung für das Thema zu schaffen und das
Brechen von Tabus. (tro)
Hinweis: Rotraud A. Perner: "Körper - Sport - Stress", 3. Fachsymposium zur Salutogenese in Österreich, AAPTOS Verlag, 2007
Sport und Sucht
"Man darf zwar einen
Komplex haben, aber der
Komplex darf einen nicht haben", sagt
Psychologin Rotraud Perner.
Der Grat zwischen einem
gesunden Maß an Sport und der
Sucht nach
Muskeln ist sehr
schmal. Sucht ist immer definiert als Einschränkung des Alltags. Wenn Bewegung und Sport das Leben dominieren, der Wunsch nach einem anderen
Körper immer wieder Gesprächsstoff ist, dann sollten sich
Betroffene helfen lassen.
Der erste Schritt dazu ist die Einsicht, dass es sich um eine Sucht handelt.
Da
Magersucht,
Bulimie und der
Adonis-Komplex bei Männern noch Tabuthemen sind, sollte auf jeden Fall professionelle Hilfe aufgesucht werden.
Quelle :
www.nachrichten.at