"Zum Kotzen - Ideale, Sport und Gesundheit"
20.04.2007
Immer mehr Männer streben selbstzerstörerisch nach Körperidealen: Eine neue Publikation, ein Ergebnis eines Symposiums, widmet sich dem Thema und ruft zum Protest gegen unerfüllbare optische Anforderungen der Gesellschaft auf.
"Bis zu 15 Prozent aller Magersüchtigen sind Männer", sagt Bernhard Wappis. Der Psychologe weiß, wovon er spricht, schließlich hat er selbst zehn Jahre gegen die Krankheit gekämpft. Heute fühlt er sich gut, "bei gewissen Sportarten muss ich aber trotzdem noch aufpassen, denn sie haben bei mir Suchtpotenzial". Er will Betroffenen Mut machen und helfen (
www.sowhat.at ).
Die Gier nach Muskeln nennt Wappis Adonis-Komplex. "Das heißt nichts anderes, als dass Männer viel zu viel trainieren, bereits Muskelmasse aufgebaut haben und sich trotzdem zu schlank fühlen. Sport wird für sie zu einer Sucht, die gesundheitsschädlich ist."
Grund für den Fitnesswahn ist die Tatsache, dass Männer heute, wie Frauen schon seit Jahren, mit einem Schönheitsideal konfrontiert sind, das sie kaum erfüllen können. Außerdem sind sie mit der Emanzipation und dem Eindringen von Frauen in Männerbastionen überfordert. "Für Männer ist dieses Schönheitsideal neu, sie können nicht damit umgehen und vertrauen sich niemandem an. Ihre Unsicherheit kompensieren sie mit Sport."
Sport ist "männlich"
Das zeigt sich auch an den Mitgliedschaften in Fitnessstudios: Rund 80 Prozent aller Angemeldeten sind männlich, 90 Prozent aller Marathonläufer sind "vom starken Geschlecht". Gerade diese Formulierung liegt dem Psychologen im Magen: "Wann ist ein Mann ein Mann? Was macht ihn aus? Die Forderungen sind sehr widersprüchlich. Von sensibel bis stark."
Auch Rotraud Perner, Leiterin des Institutes für Stressprophylaxe und Salutogenese in Wien, kritisiert das gängige Schönheitsideal: "Zum Kotzen ist das und damit will ich sowohl Bulimie als auch das unerfüllbare Ideal ansprechen."
Sie erachtet Sport als sehr wichtig, doch übertrieben darf er nicht werden. Mit der Publikation sollen Gegenbilder geschaffen, Personen die in der Öffentlichkeit stehen sensibilisiert werden. "Langsam beginnt auch die Werbung zu begreifen, dass der Durchschnittsmensch kein Model ist. Diese Entwicklung ist sehr zu begrüßen." Weitere Ziele des Symposiums: Vorträge in Schulen, um eine Sensibilisierung für das Thema zu schaffen und das Brechen von Tabus. (tro)
Hinweis: Rotraud A. Perner: "Körper - Sport - Stress", 3. Fachsymposium zur Salutogenese in Österreich, AAPTOS Verlag, 2007
Sport und Sucht
"Man darf zwar einen Komplex haben, aber der Komplex darf einen nicht haben", sagt Psychologin Rotraud Perner.
Der Grat zwischen einem gesunden Maß an Sport und der Sucht nach Muskeln ist sehr schmal. Sucht ist immer definiert als Einschränkung des Alltags. Wenn Bewegung und Sport das Leben dominieren, der Wunsch nach einem anderen Körper immer wieder Gesprächsstoff ist, dann sollten sich Betroffene helfen lassen. Der erste Schritt dazu ist die Einsicht, dass es sich um eine Sucht handelt.
Da Magersucht, Bulimie und der Adonis-Komplex bei Männern noch Tabuthemen sind, sollte auf jeden Fall professionelle Hilfe aufgesucht werden.
Quelle:
OÖ Nachrichten