Auch Männer sind ihm verfallen:
...dem mediengesteuerten Schönheitswahn.
Körpergröße und
Gewicht,
Haut,
Haare,
Muskeln,
Penislänge beschäftigen mittlerweile viele Männer über ein
gesundes Maß an
Körperbewußtsein hinaus. Werbung und Film propagieren eine
durchtrainierte, muskelbepackte Idealfigur, die ohne Spritzen und Pillen eigentlich gar nicht zu erreichen ist, der
Waschbrettbauch gilt als Symbol für sozialen, beruflichen und
sexuellen Erfolg.
Zusätzlich sorgte die weibliche
Emanzipation für die Erschütterung des männlichen
Selbstwertgefühls. Selbst im Berufsleben gibt es kaum mehr
Männerdomänen - wie also Männlichkeit beweisen? Statt länger nur klug sein zu wollen, stylen Männer kräftig an sich herum, verbringen mehr Zeit im Fitneßstudio als mit der Partnerin, halten sich an restriktive
Diäten, entwickeln
Eßstörungen, schlucken
Anabolika, um den
Muskelaufbau zu beschleunigen.
Kein richtiger Mann mehr?
Bierbauch, untrainierte
Muskeln und schmaler
Körperbau vermitteln nicht das Bild eines "richtigen“ Mannes. Breite
Schultern und
Waschbrettbauch dagegen symbolisieren Fitness und
Gesundheit, sozialen, beruflichen und
sexuellen Erfolg, demonstrieren männliche Stärke: ein kaum erreichbares
Schönheitsideal. Die Folgen der Orientierung am perfekten männlichen
Körper sind unterschiedlich: Während sich die einen
Muskelberge antrainieren,
hungern andere ihr
Gewicht krankhaft herunter.
Barbara Mangweth von der Universitäts-Klinik für Psychiatrie in Innsbruck beschreibt, wie der
Körperkult zur
Neurose wird: "Das sind
Bodybuilder, die aber das Gefühl haben, dass sie
klein und
schmächtig sind und ganz großen Stress und
psychische Belastung erleben aufgrund dieser gestörten
Körperwahrnehmung, exzessiven Sport betreiben, exzessiv viel
essen, um ihrem Ziel entgegen zu kommen, nämlich zuzunehmen und noch
muskulöser zu werden. Die verändern ihre Umwelt und ihr soziales Leben insofern, dass sie ihr gesamtes Leben auf das Ziel, noch
muskulöser zu werden, ausrichten."
Mangweth erforscht seit Jahren die Einstellung von Männern zu ihrem
Körper, zum
Essen und zur
Sexualität. Ein
Körperbild-Test zeigte, dass sowohl
Bodybuilder als auch
Magersüchtige ein völlig
falsches Selbstbild entwickelt haben.
Überschlanke Männer fühlen sich trotz geringen
Gewichts zu
dick, gut Trainierte haben Angst, zu wenig
muskulös zu sein. Beide Gruppen leiden an
Depressionen und anderen
psychischen Störungen wie
Panik-Attacken. Nur gegenüber Frauen konnten die Befragten zugeben, dass sie sich dem optischen "Leistungsdruck" nicht mehr gewachsen fühlen.
Zwanghaftes Training
Das Buch "
Der Adonis-Komplex" stellt die Behauptung auf, dass Männer heutzutage mit ihrer
Figur unzufriedener sind als Frauen. Der
Psychotherapeut und Co-Autor Dr. Roberto Olivardia beruhigt jedoch: "Trainieren selbst ist natürlich nicht falsch."
Männer, die ihr
Selbstwertgefühl aussschließlich über ihr Erscheinungsbild definieren und mit ihrem Trainingsprogramm das Berufs- und Privatleben gefährden, könnten an einer
Körperwahrnehmungsstörung leiden, warnt Olivardia. Fasten,
Entwässern oder
Steroide schlucken seien eindeutige Warnzeichen, dass das Streben nach
Muskeln zu exzessiv geworden sei.
In diesem bahnbrechenden Buch befassen sich erstmals führende Wissenschaftler mit den physischen wie psychischen Auswirkungen dieser
Körperfixierung und geben therapeutische Ratschläge. Die Autoren haben Tests zur Überprüfung der eigenen
Körpereinstellung entwickelt, sie entlarven Mythen über
Steroide und zeigen anhand zahlreicher Fallbeispiele, welche Auswirkungen der
Adonis-Komplex auf Partnerschaft,
Sexualleben,
Selbstwertgefühl und berufliche Situation haben kann. Indem sie über falsche Botschaften und Ideale aufklären, sorgen sie zugleich dafür, daß das für Männer in solchen Fragen geltende Tabu, »darüber spricht man›n‹ nicht«, aufgehoben wird.
Zwanghafte Eitelkeit
Kritik am Aussehen ist für Männer neu. Frauen müssen sich dagegen schon seit Jahrzehnten mit den Bildern von unerreichbaren
Schönheiten in Magazinen, Werbung, Filmen und Fernsehen auseinandersetzen.
Psychologen glauben, dass dies unter anderem zum steilen Anstieg der
Essstörungen beigetragen hat.Fitness-Magazine für Männer boomen und zeigen ihren Lesern
Modelle, die aus einer Werbung von Calvin Klein stammen könnten. Dem
Selbstvertrauen der Männer könnte dies einen gehörigen Knacks versetzen.
Allein in Großbritannien seien schon zehn Prozent der Männer von
Anorexie und
Bulimie betroffen, berichtet Steve Bloomfield von der
Eating Disorders Association (EDA) - und die Zahlen klettern. Er vermutet: "Die Ursachen sind bei Frauen und Männern die gleichen, nämlich persönliche Krisen,
Depressionen und sozialer Druck seitens der Medien." Mit der Sorge um das eigene
körperliche Aussehen stiegen auch die Fälle von
Essstörungen.
Während Frauen
hungern (Anorexie) oder mittels
Erbrechen oder
Abführmittel schlank zu werden versuchen (
Bulimie), trainieren Männer, um einen
idealen Muskelaufbau zu erreichen, erklärt Bloomfield: "Sie haben einen
Waschbrettbauch und sind trotzdem
magersüchtig."
Leseprobe
Vorwort
Unter den Männern und Jugendlichen von heute greift eine Krise um sich - eine Krise,
die nur bisher wenige Menschen bemerkt haben. Männer aller Altersgruppen sind in nie
dagewesener Zahl völlig vom Aussehen ihres
Körpers in Anspruch genommen. Fast nie
sprechen sie offen über dieses Problem, weil sie in unseren westlichen Gesellschaften
gelernt haben, daß sie keine Komplexe wegen ihres
Aussehens haben sollten. Aber unter
der ruhigen Oberfläche erkennen wir überall Anzeichen dieser Krise. Millionen von
Männern opfern wichtige Dinge in ihrem Leben, um in der Hoffnung auf eine breitere
Brust oder einen flacheren
Bauch zwanghaft in Fitneßstudios zu trainieren.
Männer und auch schon Jugendliche kaufen »
muskelaufbauende«
Nahrungsergänzungsmittel und
Diäthilfen im Wert von Milliarden von D-Mark oder
Dollar. Etwa drei Millionen Männer in den USA nehmen
Anabolika und andere
gefährliche
Schwarzmarktdrogen ein, um ihren
Körper aufzubauen. Eine etwa gleich
große, noch weniger bekannte Gruppe hat
Eßstörungen entwickelt - zwanghafte
Freßattacken, Diäten und Rituale -, von denen mitunter nicht einmal die Freundinnen
oder Ehefrauen etwas wissen.
Mindestens eine weitere Million Männer leiden an einer
Körperdysmorphen Störung,
einer exzessiven Fixierung auf angebliche Mängel des äußeren
Erscheinungsbildes. Sie
machen sich beispielsweise Sorgen darüber, daß ihr Haar schütter wird, ihre
Brust zu
schwabbelig oder ihr
Penis zu klein ist. Jedes Jahr suchen Hunderttausende Männer
Hilfe bei
Schönheitschirurgen und lassen Eingriffe vornehmen von der
Haartransplantation bis zur
Fettabsaugung. Sie geben Milliarden für Mittel aus, die ihre
Haut glatter machen oder ihr Aussehen anderweitig verbessern sollen. Anders als
gesunde Männer und Jugendliche hegen sie eine völlig unrealistische Vorstellung davon,
wie sie aussehen sollten - und so nehmen sie Zuflucht zu
Arzneimittelmißbrauch sowie
exzessivem Training und geben Unsummen für Produkte aus, die häufig völlig wertlos
sind.
Diese verschiedenen Zwangsvorstellungen bilden das, was wir den »
Adonis-Komplex«
nennen. Es handelt sich dabei um ein Problem, das selbst Jugendliche und Kinder
betrifft. Aktuelle Studien haben gezeigt, daß bereits in der Grundschule viele Jungen mit
ihrem
Körper unzufrieden sind und deshalb ihre
Selbstachtung verlieren oder sogar in
Depressionen verfallen. Manche von ihnen gehen in der Pubertät dazu über,
Anabolika
zu nehmen, entwickeln
Eßstörungen oder andere
psychiatrische Krankheitsbilder, die
mit einem gestörten Körperbild' einhergehen. Eltern, Lehrer und Trainer sind sich häufig
dieser Probleme nicht bewußt, weil Jugendliche ebensowenig wie erwachsene Männer
spontan über Sorgen reden, die ihr Aussehen betreffen. In unserer Gesellschaft erwartet
man von »richtigen Jungs«, daß sie sich über solche Sachen keine Gedanken machen.
Eltern fragen nicht danach, und Jungen reden nicht darüber.
Warum werden Störungen in der Wahrnehmung des
körperlichen Erscheinungsbildes
bei Männern so selten erkannt? Eine Antwort lautet, daß sowohl Wissenschaftler als
auch die Presse jahrzehntelang der Ansicht waren,
Körperbildprobleme und
Eßstörungen
seien
Frauenkrankheiten. Männer wurden übersehen. Ein anderer Aspekt ist, daß
Männer mit solchen Fixierungen ihre Probleme häufig nicht preisgeben, aus Furcht, als
verweichlicht, unmännlich oder schwul zu gelten. Ein weiterer Grund ist, daß die
Körperbild-Krise bei Männern neu ist. Erst in den letzten zwanzig Jahren verzeichnen
wir einen rapiden Anstieg bei zwanghaftem Training, bei steil in die Höhe schießenden
Raten von
Anabolikamißbrauch, explodierendem Verkauf von
Nahrungsergänzungsmitteln, kosmetischen Behandlungen bei Männern und dem
Entstehen Dutzender Zeitschriften, die sich der männlichen Fitneß oder
Gesundheit
widmen. In diesem Buch werden wir darüber diskutieren, wie und warum es zu diesen
dramatischen Veränderungen kommen konnte.
Lange Zeit erkannten nicht einmal wir als Wissenschaftler das Ausmaß dieser neuen
Besessenheit vom eigenen Erscheinungsbild. Erst als wir auf immer mehr Patienten
trafen, die unter diesen
Symptomen litten, wurden wir uns dessen allmählich bewußt.
Keiner von uns dreien hatte zunächst vor, sich in seiner Forschung auf das Körperbild
des Mannes zu konzentrieren. Jahrelang hatten wir
Eßstörungen erforscht - aber diese
Arbeit richtete sich zunächst nur auf die Zielgruppe Frauen. Wir veröffentlichten
zahlreiche Studien über
Anabolikamißbrauch, aber am Anfang war uns nicht klar, wie
eng diese Form des
Arzneimittelkonsums mit Problemen des
Körperbildes verbunden
war. Wir haben viel über die
Körperdysmorphe Störung veröffentlicht, um die
Aufmerksamkeit der Fachwelt und der Öffentlichkeit auf diese Störung zu lenken.
Katharine A. Phillips schrieb das einzige wissenschaftliche Buch über dieses Thema,
›The Broken Mirror: Understanding and Treating Body Dysmorphic Disorder‹.
Allmählich wurde uns klar, daß diese Probleme nicht nur Frauen, sondern auch Männer
betrafen - Männer, die
trainingssüchtig waren, Männer, die
Freßorgien veranstalteten
und sich
erbrachen, Männer, die von der Beschäftigung mit ihrem Haar, ihrer Haut oder
anderen
Körperzonen völlig beherrscht wurden. Wir sahen Männer und sogar Vierzehnoder
Fünfzehnjährige, die hohe Dosen von
Anabolika und anderen
körperformenden
Präparaten einnahmen. Aus dem Gespräch mit ihnen erfuhren wir, wie ihr Leben aussah.
So setzten sich die Teile dieses Puzzles zusammen. Der gemeinsame rote Faden war eine
krankhaft übersteigerte, streng geheimgehaltene Sorge um das eigene Aussehen. Als uns
bewußt wurde, daß diese Probleme bei Männern lange Zeit völlig unbeachtet geblieben
waren, konzentrierten wir uns in unserer jeweiligen Forschung stärker auf Männer.
Da unsere Untersuchungen sich ergänzten, begannen wir bei unseren Studien an
Männern mit verschiedenen
Körperbildproblemen zusammenzuarbeiten. Eines davon ist
die Muskeldysmorphie, ein neues
Syndrom, bei dem Jugendliche und Männer glauben,
nicht
muskulös genug zu sein. Sie wissen nicht mehr, wie sie wirklich aussehen. Wenn
sie in den Spiegel schauen, glauben sie, klein und schwächlich zu sein, selbst wenn sie
tatsächlich
muskulös sind - eine Art umgekehrter
Magersucht.
Die Presse begann Notiz von unseren Forschungen zu nehmen. Als wir beispielsweise
über
Muskeldysmorphie schrieben, stellten wir sehr überrascht fest, wie viele
Journalisten mit uns ein Interview über dieses
Syndrom führen wollten. Unsere
Forschung über andere Aspekte des
Adonis-Komplexes rief ähnliche Reaktionen hervor.
Offensichtlich hatten wir einen Nerv getroffen. Die Öffentlichkeit - und wir mit ihr - war
endlich auf eine ernste Bedrohung der
Gesundheit von erwachsenen Männern und
Jugendlichen aufmerksam geworden, eine Bedrohung, die ebenso gefährlich war wie
Magersucht und Bulimie (Eß-Brech-Sucht) für Frauen und Mädchen.
Daher beschlossen wir, aus dem Elfenbeinturm herauszukommen und unser Wissen in
einem populärwissenschaftlichen Buch zusammenzutragen. Wir wollen diesen Männern
und den Menschen, die sie lieben - Frauen, Eltern heranwachsender Jungen, Partner
schwuler Männer-, sagen, daß sie nicht länger alleine leiden müssen, daß der
Adonis-Komplex Millionen von Männern betrifft. Dieses Problem ist unserer Meinung
nach durch das Zusammenwirken von
biologischen und
psychologischen Kräften mit
den sehr überzeugenden, aber unrealistischen Botschaften der modernen Gesellschaft
und der Massenmedien entstanden, in denen ein immer noch
muskulöseres, immer noch
fitteres und oft unerreichbares Ideal des männlichen
Körpers vermittelt wird.
Wir stellen nicht in Frage, daß es für Jugendliche und Männer gut ist zu trainieren, sich
gesund zu ernähren, auf ihre Kleidung zu achten und so gut wie möglich aussehen zu
wollen. Aber der Drang, über das hinauszugehen, was
gesund und vernünftig ist, kann
verheerende Auswirkungen auf die emotionale und physische Entwicklung
heranwachsender Männer und auf das Wohlbefinden von Männern jeden Alters haben.
Mit diesem Buch wollen wir auf die Konsequenzen des
Adonis-Komplexes aufmerksam
machen, bevor es zu spät ist.
In den einleitenden Kapiteln legen wir die große Spannbreite des Problems und seine
Wurzeln dar. Wir stellen zwei neue Tests vor, die der Leser benutzen kann, um
festzustellen, ob er am
Adonis-Komplex leidet. Wir beschreiben verschiedene
Ausformungen des
Körperbildproblems in ihrer jeweils milderen und schwereren Form,
indem wir die Geschichten vieler Männer mit diesen
Symptomen schildern. Dann
behandeln wir Aspekte des
Adonis-Komplexes, die besonders für Eltern, Frauen und
homosexuelle Männer von Bedeutung sind. Zu guter Letzt machen wir Vorschläge, wie
man mit dem
Adonis-Komplex und seinen Fixierungen, der mangelnden
Selbstachtung
und dem
Schamgefühl, die er hervorrufen kann, fertig wird.
Quelle :
www.sebulba.de